Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


»Was nun?« (Rezension)

Über Deutschlands Zustand und meinen eigenen

Von Gregor Gysi (Autor)


Rezension: Heide-Ulrike Wendt

Eines der bekanntesten Bücher von Wladimir Iljitsch Lenin erschien 1902 und hieß »Was tun?«. Das neueste von Gregor Gysi erschien gerade eben und heißt »Was nun?«

Der eine wollte damit am Schlaf der Welt rütteln, der andere »über Deutschlands Zustand und meinen eigenen« Auskunft geben. Die Aussichten, bei dieser Lektüre wach zu bleiben, sind allerdings trübe, genauso wie der Zustand Deutschlands, den Gysi auf Seite 231 so beschreibt:

»Deutschland steht im Zuge der Globalisierung und der Erweiterung der Europäischen Union vor großen Herausforderungen. Bund, Länder und Kommunen sind in einem Maße verschuldet, dass sie immer schlechter in der Lage sind, ihre hoheitlichen, sozialen, kulturellen, bildungspolitischen und ökologischen Aufgaben wahrzunehmen. Weder stimmt die Einnahme- noch die Ausgabensituation in Deutschland.«

Das liest sich nicht nur furchtbar, das ist natürlich auch furchtbar, und deshalb ist Gysis »Was nun?« durchaus legitim. Er weiß: Die Menschen wollen Antworten.

Deshalb gibt er am 17. Juni (!) 2001 bekannt, dass er bereit ist, für den Berliner Senat zu kandidieren, denn von PDS- Mitgliedern hat er gehört, »dass viele Menschen ihre Hoffnung ausdrückten, dass ich kandidiere. Auch meine Frau und andere Angehörige wurden bei verschiedenen Gelegenheiten darauf angesprochen.« Er selbst wohl nicht.

Danach allerdings geht ihm wie ein Seifensieder auf, wie wenig er sich bis dahin mit der Berliner Landespolitik beschäftigt, die »Berliner Lokalseiten in den Zeitungen regelmäßig ignoriert hatte. Wenn es hoch kommt, hatte ich vielleicht einmal im Jahr die Berliner Abendschau des Senders Freies Berlin (SFB) angesehen…Mir war klar, dass ich unverzüglich eine Berlinkompetenz zu entwickeln hatte.«

Für ihn bedeutete das wahrscheinlich, nun regelmäßig den »Berliner Kurier« und die »Super-Illu« zu lesen. Aber das Berlin in einer schweren Krise steckt, weiß er auch ohne diese erhellende Lektüre, und außerdem – Herausforderungen dieser Art reizen ihn: »Eine solche Krise hat den Vorteil, dass niemand den Bau von Schlössern erwartet. Jede und jeder weiß, dass nur kleine Brötchen gebacken werden können, dass vor allem Krisenmanagment erforderlich ist.«

Es war nun aber nicht so, dass er keine Visionen besaß. Mit ihm als Senator und Bürgermeister sollte das Zusammenleben in dieser Stadt »friedlicher, kulturvoller, sozialer, gerechter, erfreulicher und damit auch fröhlicher« werden. Ich stehe für Brücken, nicht für Mauern. Mir war allerdings auch klar, dass solche hehren Ziele, die, heute nachgelesen, eher phrasenhaft wirken, allein nicht genügen.«

Damit sich auch der Wahlkampf friedlicher, kulturvoller, sozialer, gerechter, erfreulicher und damit auch fröhlicher gestaltet, verzichtet er von vornherein auf eine Direktkandidatur in einem Wahlkreis, den die PDS bereits gewonnen hatte. Sein hehres Ziel lautet: »Ich wollte niemanden verdrängen.« Deshalb entscheidet er sich, in Mahlsdorf-Kaulsdorf anzutreten: »Mahlsdorf-Kaulsdorf ist eine besondere Gegend in Marzahn-Hellersdorf. Es ist ein reines Siedlungsgebiet mit Ein- und Mehrfamilienhäusern. Dort steht nicht eine einzige >Platte<. Das hat Bedeutung, weil die Bewohnerinnen und Bewohner von Plattensiedlungen als Anhängerinnen und Anhänger der PDS gelten, keineswegs aber die Bewohnerinnen und Bewohner von Einfamilienhäuser.«

Das kommt, weil es die Bewohnerinnen und Bewohner von Einfamilienhäusern in Mahlsdorf-Kaulsdorf zu Hause wahrscheinlich richtig gemütlich haben, seit dem Fall der Mauer vielleicht sogar mit Whirlpool, Sauna und Kamin. Deshalb sind sie nur schwer zu bewegen, an Wahlkampfveranstaltungen teilzunehmen.

Im Westteil der Stadt zeigen sich die Wählerinnen und Wähler allerdings noch einen Zacken bockiger, denn wenn Gysi dort aufkreuzt, um zu »den Menschen zu sprechen und gegebenenfalls Fragen zu beantworten... standen dort zwei bis drei ehrenamtliche Kräfte der PDS und sonst niemand.«

Anfangs jedenfalls, bis sich dann doch jedes Mal ein paar Unerschrockene versammeln und Gysi »Erwartungen an die PDS und an mich« spürt.

Außer in Steglitz, wo ihn »das einzige Ei des Wahlkampfes« trifft.

Und zwar genau auf die Brille. Seine Mitarbeiterin Mirjam Lassak regt sich darüber so auf, »dass sie einen Kreislaufkollaps erlitt, so dass wir sie kurzzeitig ins Krankenhaus bringen mussten.«

Womit sie richtigen Massel hatte, denn wäre ihr das in Mahlsdorf-Kaulsdorf und nicht in Steglitz passiert, hätte man sie in das Krankenhaus eingeliefert, in dem mein Schwager Oswald lange vor der Wende mal am Miniskus operiert wurde. Das soll heute noch genauso aussehen wie damals. Also das Krankenhaus. Gysi sagt, das sei das »Hauptproblem für die Menschen dort.«

Helfen konnte er ihnen trotzdem nicht. Wie auch, denn obwohl sein Arbeitstag als Senator »in der Regel um neun beginnt und erst an nächsten Morgen um ein Uhr endet, gelegentlich sogar erst um fünf«, platzt die so genannte Bonusmeilenaffäre, »und so nahm alles, was ich begonnen hatte, ein jähes Ende.«

Wie dieser Text hier, obwohl wir Gysis Buch noch längst nicht bis zur Seite 254 durchgeblättert haben. Roseanne Arnold, die schrillste amerikanische Fernsehfrau aller Zeiten, bekannte einmal: »Ich war der Meinung, ich sei ein interessanter Mensch. Aber glauben Sie mir, es ist überaus erhellend zu bekennen, dass die eigene Lebensgeschichte nicht mehr als 35 Seiten ausfüllt.«

Und das sagt eine, die sich nicht nur mit schwarzen Strapsen auf der »Vanity Fair« ablichten ließ, sondern sich daneben in permanenter Kritik an den Lebensbedingungen der Arbeiterklasse übt.

2003 | Hoffmann und Campe | ISBN 978-3455093698

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