Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


»Nomadentochter« (Rezension)

Von Waris Dirie (Autor), Jeanne d’ Haem (Autor), Theda Krohm-Linke (Übersetzer)


Rezension: Heide-Ulrike Wendt

Das Nomadenmädchen Waris Dirie ist fünf Jahre alt, als sie beschnitten wird. Ein grausames Ritual, das zur Tradition ihres Volkes gehört. 6000 Mädchen zwischen vier und zwölf Jahren erleiden es noch heute Tag für Tag in über 28 afrikanischen Ländern und in einigen Gegenden Asiens.

Mit vierzehn flieht sie vor ihrem Vater, als er sie mit einem alten Mann verheiraten will. Zuerst arbeitet sie als Hausmädchen beim somalischen Botschafter in London, wird dort später entdeckt und beginnt eine Karriere als Top-Model.

1998 veröffentlicht sie ihr erstes Buch »Wüstenblume«, in dem sie den sinnlosen Brauch der Genitalverstümmlung schonungslos anprangert und damit weltweit Aufsehen erregt. Die UNO beruft sie zur Sonderbotschafterin gegen die Beschneidung von Frauen.

Am Ende ihres ersten Buches schreibt sie über ihr zerrüttetes, geschundenes Land: »Diese Stammeskriege sind ebenso wie die Beschneidungsprozedur ein Ausdruck für die Selbstsucht, den Eigendünkel und die Agressivität der Männer. Ich sage das ungern, aber es ist wahr…Vielleicht sollten wir den Männern die Eier abschneiden, damit aus meinem Land ein Paradies wird… Und wenn wir ihnen die Weichteile abhackten und es ihnen dann freistellten, ob sie herumlaufen und verbluten oder überleben wollen, würden sie vielleicht endlich verstehen, was sie ihren Frauen antun.«

Aber eigentlich ist ihr Traum ein ganz anderer: »Die Menschen sollen sagen: Hast Du schon gehört, die Genitalverstümmelung von Frauen ist in Somalia gesetzlich verboten und unter Strafe gestellt worden? Und dann dasselbe auch im nächsten Land und im nächsten, uns so weiter, bis die ganze Welt für alle Frauen sicher ist.«

Inzwischen ist im Blanvalet Verlag ihr zweites Buch erschienen: »Nomadentochter«.Im Original heißt es »Desert Dawn« - Morgendämmerung in der Wüste. In »Nomadentochter« beschreibt sie, wie sie nach zwanzig Jahren zurückkommt in ihre Heimat, um nach ihrer Familie zu suchen, von der sie nicht einmal weiß, ob sie Krieg, Armut und Chaos in ihrem Land überlebt hat.

Es ist eine tiefe Sehnsucht, die sie treibt – vor allem nach dem Familienzusammenhalt, der ihr - trotz aller Auflehnung - viel Kraft gegeben hat: »Vor fast zwanzig Jahren, als ich alt genug war, um verheiratet zu werden, lief ich vor meinem Vater und dem harten Leben in Somalia davon, aber die westliche Welt erwies sich dann in vieler Hinsicht als noch härter. Die Ohrfeige eines Vaters war immer noch besser als die Einsamkeit, die ich im modernen Westen vorfand. Allein in einem Hotelzimmer in Amerika oder England, das voller Teufel war, sehnte ich mich nach einer menschlichen Berührung - ja sogar nach einem Schlag eines geliebten Menschen…«

Sie ist bei ihrer Rückkehr überwältigt von der Schönheit ihres Landes mit seiner dunkelroten Erde, den weißen Felsen und niedrigen Dornbüschen, »die sie sprenkeln wie das Fell eines Leoparden«, nimmt es in Schutz gegen die Diffamierungen der westlichen Presse: »Dort jagen sie immer nur Schreckensmeldungen nach. Obwohl mein armes kleines Land soviel Trauriges erlebt, so ist es doch auch wunderschön…«

Doch dort leben könnte sie wohl nicht mehr. In einem Interview mit der „Berliner Zeitung« sagt sie: »Als ich wieder in dieser Wüste war, in dieser Wildnis, in diesem schönen Land, da habe ich gefühlt, dass das nicht mehr mein Zuhause ist. Ich gehöre jetzt nirgendwo hin. Nur zu Gott. Ich habe dieses Land Somalia so sehr geliebt, aber es hat soviel, was ich nicht ertrage.«

So muß diese willensstarke, selbstständige, erfolgreiche Frau beispielsweise hinnehmen, dass sie Abdillahi, der Fahrer des Wagens, der sie zu ihrer Familie bringen soll, behandelt »wie Männer eben Frauen in Somalia behandeln, und da spielte es auch keine Rolle, dass ich die Fahrt bezahlte. Er und Mohammed ließen mich das ganze Gepäck zum Auto schleppen, während sie die anderen Leute begrüßten«.

Weil Frauen in muslimischen Ländern kein Geldinstitut betreten dürfen, muß sie vor der Bank auf den Wechsel ihres Geldes warten. Und als es ein Somalier offensichtlich unter seiner Würde findet, mit einer Frau zu sprechen, fällt sie ihm immer wieder aufgebracht ins Wort: »Hallo, Sie brauchen nicht mit meinem Bruder zu sprechen. Ich sitze direkt neben Ihnen.«

Trotzdem schreibt sie am Ende ihres Buches: »Von allen Seiten wurde ich herzlich willkommen geheißen, und die Leute wollten mir alles zeigen und mir den Aufenthalt so schön wie möglich machen. Vielleicht gibt es ja irgendwo einen verrückten Stamm, aber ich wurde nicht von Soldaten im »khat«-Rausch mit Gewehren bedroht. Ich erlebte mein Land als wunderschön, und mein Volks als liebenswert.«

Über die Klitorisbeschneidung spricht sie während ihres Besuches mit niemandem in der Familie und schreibt über ihr inneres Dilemma: »Immer, wenn ich über die Genitalverstümmelung an Frauen sprach, sagte ich damit etwas gegen meinen Vater, meine Mutter und den Glauben des Volkes. Ich denunzierte meine Familie und eine Tradition, die ihnen sehr viel bedeutete. Ich wollte den Frauen helfen, die diese schmerzhafte Erfahrung gemacht hatten – aber dadurch wurde ich zur Feindin meines Volkes… Meine Mutter hatte mich nicht foltern lassen. Sie glaubte doch nur, ich würde zu einer reinen Frau. Einer guten Gattin und Mutter. Einer Frau, die ihrer Familie zur Ehre gereichte.«

Als sie am Abend vor dem Rückflug in der Lobby des Flughafens mit einer eleganten Somali ins Gespräch kommt, die sie als die Frau wiederzuerkennen glaubt, die endlich einmal so mutig das Thema Klitorisbeschneidung aufgegriffen hat, verleugnet sie sich sogar: »>Nein, so mutig bin ich nicht<, sagte ich mit gesenktem Kopf.«

Doch, so mutig ist sie. Gerade hat Waris Dirie »Desert Dawn«, eine Stiftung, gegründet, um Gelder für Schulen und Hospitäler in Somalia zu sammeln und damit auch zu verhindern, das Mädchen immer und immer wieder durch die Hölle gehen und für den Rest ihres Lebens verstümmelt bleiben.

Waris Dirie ist eine Nomadin, eine Kämpferin, und: Sie schreibt wunderbare Bücher. Hoffentlich lesen sie auch Männer.

2008 | Blanvalet | ISBN 978-3442359820

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