Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


»Die Nachtstadt - Tableaus aus dem dunklen Berlin« (Rezension)

Von Bastian Bretthauer (Autor)


Rezension: Heide-Ulrike Wendt

Von einem, der auszog, die Nacht zu entdecken

BERLIN - Wahrscheinlich war es tief in der Nacht, als der Ethnologe Bastian Bretthauer, 33, Nachts in der großen Stadt las. Das Buch von Joachim Schlör ist eine brillante kulturhistorische Studie über das Nachtleben von Berlin, New York, Paris und London, die über das Jahr 1933 aber leider nicht hinauskam. Schlör warnte darin alle Nachtschwärmer, denn seiner Meinung nach war das damalige Nachtleben überlichtet, kriminalisiert, kommerzialisiert. Das wollte Bretthauer so nicht stehen lassen. Denn er liebt die Nacht über alles und beginnt auszuschwärmen, wenn die meisten sich schon brav die Zähne geputzt haben, um anschließend still und selig in den Schlaf zu sinken.

Nach der Lektüre begann er also, das Berliner Nachtleben nicht mehr nur zu genießen, sondern auch zu erforschen, um dem Schlörschen Kulturpessimismus mit einem eigenen Buch etwas entgegenzusetzen: die Verteidigung der Nacht.

Bretthauer machte sich auf die Suche nach Nachtschwärmern und annoncierte in tip und zitty: „Nachtschwärmer? Bist du nachts gern unterwegs, ruf bitte an, mich interessieren deine Erfahrungen.“ Zwanzig Männer und Frauen meldeten sich bei ihm, mancher hatte seine Anzeige missverstanden: „Einer bot mir an, mit ihm Weiber aufzureißen.“

Sieben Nachtschwärmer hat er dann doch getroffen: drei Frauen und vier Männer zwischen 2l und 39, aus Ost und West, „ganz normale Menschen – Verkäuferinnen, ein Sozialhilfeempfänger, Angestellte, ein Dichter“.

Ein Schwuler erzählt Bretthauer im Roten Salon der Volksbuhne: „Das Ausgehen nachts ist für mich ein Ausbruch aus dem Alltag. Da ist der Abend oder die Nacht ein Freiraum, auch mal in Orte und Szenen zu gehen, wo ich sonst nicht reinkomme bzw. nicht dazugehöre. Ich gehe manchmal zu Premierefeiern, wo ich, entsprechend angezogen, mal ein anderes ,Ich’ entwerfe… ich kann so tun, als wäre ich jemand anders.“

Nur eine Begegnung ist richtig gruselig. Bretthauer trifft sich mit einem Mann am Rüdesheimer Platz, der es lustvoll findet, seinen Freundinnen Angst zu machen: „In einem Sommer vor einigen Jahren habe ich mit meiner letzten Freundin einen Nachtspaziergang gemacht… Es war Mitternacht… Die Nacht war sehr dunkel. Da blieb ich schweigend stehen. Sie lief noch einige Meter, bis sie bemerkte, dass ich verschwunden war. Und dann kommt natürlich genau das, was du hören willst als frisch verliebter Mann: ,Oh Hilfe! Wo bist du, komm doch, hör endlich auf, hör endlich auf . . .` Du kannst dir aussuchen, wie lange du das hinauszögerst. Vielleicht nicht so lange, damit sie keinen Herzinfarkt bekommt.“

Bretthauer kombiniert in seinem Buch die Erzählungen seiner nächtlichen Interviewpartner mit seinen eigenen Beobachtungen, und so entstehen „Tableaus, die die Stimmung einer Nacht wiedergeben“.

Erst nachts wird Berlin zur Weltstadt.

Er selbst ist von sieben Nächten in der Woche fünf unterwegs in der Stadt: „Immer, wenn etwas Neues aufmacht in Berlin, gehe ich hin. So experimentell ist das meiste gar nicht, sondern eine ziemliche Einheitssoße. Überall das gleiche Design.“ Aber das Chaos von Mitte – voller krachender Widersprüche – reizt ihn immer wieder. „Da gehst du in eine durchstylte ,In-Kneipe‘, und gleich daneben gibt es einen Hinterhof wo du im zerschlissenen Mauerwerk noch die Einschusslocher des letzten Krieges siehst.“

Nach dem Fall der Mauer ist das Berliner Nachtleben wieder ins Zentrum zurückgekehrt. Davor zog es die Westberliner nach Schöneberg und Kreuzberg, wo die Nächte bekanntermaßen lang sind. In Ost-Berlin ging man auf Privatpartys in großen Wohnungen, auf Dachboden, in Kellern. Bastian Bretthauer, der in Berlin-Mitte aufgewachsen ist, kann sich an diese Zeiten noch gut erinnern: „Es gab einfach nicht genug gute Kneipen oder Discos. Also traf man sich privat, in den sogenannten Montags-, Mittwochs-, Freitagsbars. Die gibt es immer noch. Sie sind ein Ost-Phänomen, aber heute kommen Leute von überall dorthin.“ Für Bretthauer ist Berlin eher nachts eine Weltstadt, denn dann ist nicht mehr jeder unterwegs. Keine dicken Frauen in Jogginghosen oder Männer in Bermudashorts und weißen Socken. Die sitzen vor der Kiste und gucken RTL.

Nachtschwärmer sind für ihn Leute, die noch nicht angekommen sind, die noch keine Bindung haben: „Sie sind spontaner, wacher und aufmerksamer als Tagmenschen, weil sie aus ihrer Rolle aussteigen. Sie suchen nach dem Zufall, und der Zufall ist die weltliche Form des Wunders. Bastian Bretthauer liebt Wunder sehr, und deshalb geht er nachts gern auf den Alexanderplatz: „Ich habe dann das Gefühl, an der Ostsee zu sein. Die Stadt rauscht dort wie das Meer, wenn der Wind über den menschenleeren Asphalt weht.“ Manchmal lauft er noch weiter, ins Scheunenviertel: „Da ist es hype, aber irgendwie scheint die Zeit auch stehen geblieben zu sein. Neben all dem Lifestylegedöns kannst du reingucken in die Häuser und die Leute beobachten. Du siehst auf einem Fensterbrett eine dicke Katze dösen. Hinter ihr bauscht sich eine Gardine im Wind, und drinnen im Wohnzimmer sitzt ein alter Mann im Unterhemd und sieht die Spätnachrichten.“

Mir persönlich empfiehlt Bretthauer, in den Club Maria am Ostbahnhof zu gehen. Eine unglaubliche Location, wie er sagt. Ein einziges Labyrinth. Das Etablissement zieht sich über zwei Etagen. Man kann auf versifften Sofas und Sessel fläzen und House (sphärisch) hören. Eine Treppe höher befindet sich ein großer Raum, der einen sensationellen Blick auf die East-Side-Gallery bietet. Maria hat bis um fünf oder sechs auf, und wer Tresor (Techno) in Mitte heil überstanden hat, kann hier wunderbar abhängen. – Na dann.

Bastian Bretthauer: „Die Nachtstadt“ Tableaus aus dem dunklen Berlin; Campus-Verlag, Frankfurt am Main; 39,80 DM

1999 | Campus-Verlag | ISBN 978-3593362427

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