Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


»Die Ärmsten!« (Rezension)

Wahre Geschichten aus dem arbeitlosen Leben
Band 191 aus DIE ANDERE BIBLIOTHEK, Eichborn-Verlag

Von Gabriele Goettle (Autor)


Rezension: Heide-Ulrike Wendt

»Ich würde sonstwas dafür geben, wenn ich ein ganz normales bürgerliches Leben führen könnte. Aber ich kann nicht! Ich bin asozial, durch und durch. Abseitig… Ich habe alles Menschenmögliche versucht, ich bin gescheitert. Ich scheitere jeden Tag… Nein, wirklich,…ich liebe das Leben, das ich führe, nicht, aber ich kann daran nichts ändern.«

Dies ist die ganze bittere Wahrheit eines düster melancholischen Mannes, etwa Mitte Dreißig, der in Berlin zu den Ärmsten gehört und den alle den Schachspieler nennen, denn das ist das einzige, was er noch kann - Schach spielen. Früher, erzählt er, da beherrschte er ein Handwerk, verfertigte Präzisionsarbeiten aus Metall, aber jetzt sei es aus mit der Präzison. »Schaut mich doch an!«, fordert er eines Nachmittags die Umsitzenden in der Canisius-Pfarrei in Berlin-Charlottenburg während der Bedürftigenausspeisung der Jesuiten auf: »Ich habe mich seit einer Woche nicht gewaschen, ich bin schmutzig, ich stinke…Es ist mir inzwischen ein vollständiges Rätsel, wie man das macht, leben, arbeiten, wohnen, lieben.«

Drei Jahre lang tauchte die Journalistin Gabriele Goettle ein in diese unbekannte Welt, die doch zu Berlin gehört. An der Seite ihrer Freundin, der Fotografin Elisabeth Kmölninger, recherchierte sie das Leben der Ärmsten der Armen; des Schachspielers zum Beispiel, der zahnlosen Mutter, der man den Sohn wegnahm, des ehemaligen Fremdenlegionärs und Kirchenmalers Frédéric, der versuchenen will, nicht zu denken, des Antiquars Gerhard W. Glodowsky, dessen Chef nie einen Pfennig Sozialabgaben für ihn bezahlte und ihn damit in die Armut schickte. Orte der Handlung: Ein Plattenbauviertel in Lichtenberg, die Kirche am Südstern in Kreuzberg, die Canisius-Pfarrei in Charlottenburg, die Flure der Sozialämter, die Wärmestuben und Nachtasyle.

Wer ihre Bücher »Deutsche Sitten«, »Deutsche Bräuche«, und »Deutsche Spuren« (wie »Die Ärmsten!« in »Die Andere Bibliothek« erschienen) nicht kennt und die »tageszeitung« nicht liest, wird den Namen der Autorin vielleicht zum ersten Mal hören. Kein Wunder, denn Gabriele Goettle meidet die Öffentlichkeit. Selbstauskünfte sind selten. 1946 in Aschaffenburg geboren, studierte sie Bildhauerei, Literatur und Kunstgeschichte in Berlin. Anfang der achtziger Jahre begann Gabriele Goettle, außergewöhnliche Sozialreportagen für die »taz« zu schreiben. Sie sitzt anschließend aber nicht in Talkshows oder Podiumsdiskussionen, um über ihre Streifzüge in die verborgenen Winkel menschliches Seins zu berichten - vielleicht, weil sie die Quelle schützen will, aus der sie schöpft. Ihren Sinn für das Abseitige, für das Komische im Elend zu haben, schreibt sie ihren Eltern zu, die beide Schauspieler waren und Menschen mit einem Spleen ohne Weiteres akzeptierten.

Seit fast zwanzig Jahren recherchiert Goettle an Orten, die außer ihr keiner aufsucht und auf eine Weise, die selten ist: präzise, schnörkellos und mit langem Atem. Für die Ergebnisse dieser Recherchen wurde sie 1995 mit dem Ben-Witter-Preis ausgezeichnet, 1999 erhielt sie den Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen.

Hat sie ein Geheimnis? Es scheint, dass sie etwas ausstrahlt, was ihre Gesprächspartner zum Reden bringt. Ihre Kollegen finden Superlative dafür, nennen Gabriele Goettle »die Tiefseetaucherin unter den Reportern in Deutschland«, deren wahre Geschichten und einzigartige Beschreibungen Ethnologen - Journalisten sowieso - nur »vor Neid erblassen lassen« können. Doch Goettle selbst weiss es besser und hat es auch aufgeschrieben. Es ist ganz einfach: Die Menschen, die sie kennenlernt, erzählen ihre Misere schonungslos und ohne Larmoyanz, machen die Widersprüche ihres Lebens anschaulich und begreifbar, legen ihre ganz persönlichen Verhältnisse offen dar, denn sie haben nichts zu verlieren. Sie hat Glück, denn zu ihrer eigenen Neugier, die sie treibt, kommt die Offenheit derer, mit denen sie in den Suppenküchen eine Zeit lang das Brot teilt. Ein Mann, den alle nur den kleinen Fotografen nennen, sagt es ihr frank und frei:»Der einzige Sinn, den ich meinem Leben noch geben kann, ist, anderen davon erzählen. Damit sie wissen, selbst wenn sie ganz unten angekommen sind, das ist nicht das Ende, es geht noch weiter - nach unten!« Oder Frédéric, der nicht mit ihr darüber reden will, dass er getötet hat, denn…»solang ich noch ein Geheimnis habe für dich, solange gehst du nicht weg, stimmts?«

Der kleine Fotograf - er hat kein außergewöhnliches Schick-sal in der Welt, in der er lebt. Einer Parallelgesellschaft mit eigenen Spielregeln. Als Bäcker bekam er eine Mehlstaub-Allergie, als Arbeiter bei Opel verlor er bei einer Massenentlassung seinen Job, als Arbeitsloser kam er nach Berlin. Er versuchte sich als Fotograf, lebte von Sozialhilfe und bekam Unterkunft im Städtischen Asyl. Er wurde krank und starb im Frühjahr 1999 an einer Lungenembolie.

Goettles Geschichten, fast immer im O-Ton, machen deutlich, wie kurz der Abstieg aus dem Leben sein kann, dass wir normal nennen. Dass Armut viel alltäglicher ist als wir annehmen. »In dieser Perspektive«, so der Herausgeber Hans Magnus Enzensberger, »erscheint nicht der Sozialfall als bizarre Existenz, sondern der Sozialbürokrat«.

Zum Beispiel jener aus dem Amt Lichtenberg, von dem Gabriele Goettle eines Tages in der Kleiderkammer der Südsternkirche erfährt. Dort erzählt ihr ein arbeitsloser 45jähriger Bauarbeiter von seiner Odyssee zwischen Baustelle und Sozialamt. Endlich war es ihm gelungen, eine Arbeitsstelle zu finden, aber die nötige Arbeitskleidung dafür fehlte ihm noch. Auf der Baustelle hatte man ihm gesagt, er müsse für Schuhe, Hose, Pullover und gelbe Regenjacke selber sorgen. So hatte er sich an das Sozialamt gewandt. Hier aber verwies man ihn wieder an die Baustelle. Schließlich hatte er sich alles allein besorgt, nur Schuhe mit Stahlkappen in Größe 46 - die fehlten ihm noch.

Wie wird er sich auf dem Sozialamt gefühlt haben? Wie einst der Hauptmann von Köpenick, der eine Wohnung vorweisen sollte, um Arbeit zu bekommen und Arbeit, um eine Wohnung zu erhalten? Ein Teufelskreis - gestern und heute.

Gabriele Goettle erlebt bei ihren Recherchen auch, wie schwer es ist, eigenen Vorsätzen treu zu bleiben, so zum Beispiel dem strikten Verzicht auf milde Gaben. Sie kauft dem Bauarbeiter nämlich die Arbeitschuhe mit den Stahlkappen. Das deutet die Schwierigkeiten an im Umgang mit der Armut. Wieviel Hilfe, Zuwendung, Mitgefühl, Trost oder Geld wird von einem erwartet? Wieviel ist man zu geben bereit? Wieviel Nähe kann man ertragen, ohne sich überfordert zu fühlen?

Es scheint auf jeden Fall einfacher zu sein, vor der Armut die Augen zu verschließen als sich auf das Problem einzulassen. Wie der ehemalige BDI-Chef Henkel, der während einer Talkshow, bei der von schätzungsweise 11 Millionen Armen in Deutschland die Rede war, konsterniert in die Runde fragte: “Kennen Sie einen einzigen Armen?”

Schade, dass Gabriele Goettle nicht neben ihm saß.

2000 | Eichborn-Verlag | ISBN 978-3821841915

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