Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


»Der Geschichtenverkäufer« (Rezension)

Von Jostein Gaarder (Autor), Gabriele Haefs (Autor)


Rezension: Heide-Ulrike Wendt

»Mir raucht der Kopf. Ich gehe mit Hunderten von neuen Ideen schwanger. Und ständig drängen neue nach. In mir brodelt es von witzigen Formulierungen, ich kann sie kaum festhalten, ehe sie von neuen Einfällen verdrängt werden.«

Der Typ, der das am 10. Dezember 1971 in sein Tagebuch schreibt, heißt Petter Spinnenmann, ist eine Romanfigur und der ebenso wild wuchernden Fantasie Jostein Gaarders entsprungen, der allerdings jedwede Ähnlichkeit mit tatsächlich lebenden Personen weit von sich weist. Gott sei Dank, kann man da nur sagen, denn dieser Petter Spinnenmann ist ein Arschloch. Kein kleines, sondern ein ganz großes.

Weil er schon als Knabe schneller, schlauer, ein Schlawiner ist, schreibt er seinen Mitschülern zuerst die Aufsätze, erledigt später auch deren Hausaufgaben in Mathe und so. Zuerst bieten sie ihm Schokolade, Eis, ein paar Kronen dafür, aber er will – wie der kleine Hävelmann - mehr: »Einmal sollte jemand im Handarbeitsunterricht zwei obszöne Worte fallen lassen, ein andermal auf dem Lehrerstuhl hinter dem Pult ein Schnellball liegen. Ich weiß noch, dass ich solange damit weitermachte, bis ein Junge aus der Klasse einen Aufsatz damit bezahlte, dass er einem Mädchen den BH öffnete.«

Als Petter sein Abitur in der Tasche hat und begreift, dass sein Vater nur noch bis zum 15. September Unterhalt zahlt, kommt er auf die Idee, einem jungen Autoren, der außer einer fetzigen John-Lennon-Brille nicht viel vorweisen kann, ein dreiseitiges, raffiniertes Romansujet aus seiner Feder anzubieten: »Ich wusste, dass die Romanidee großartig war.« Der junge Autor weiß das auch, bekommt sie für 50 Kronen und eine Flasche Wein, wird berühmt und Petter ein gut verdienender Mann, denn zehn Prozent seiner Honorare aus den Buchverkäufen fließen auf Spinnenmanns Konto.

Er sprüht weiterhin vor Sujets und Synopsen, die er fein säuberlich sammelt und katalogisiert, aber will selbst kein Schriftsteller sein: »Ich wäre…nie eitel genug gewesen, einen Roman oder einen Band Erzählungen zu schreiben, nur um dann aufs Siegerpodest zu steigen, mich zu verbeugen und den Applaus einzuheimsen. Außerdem schreibt inzwischen alle Welt Romane. Romane werden von Einfaltspinseln geschrieben…«

Und diese Einfaltspinseln, denen nichts mehr einfällt, lechzen nach seinen Ideen: »Ich war von Menschen mit einem enormen Ausdrucksbedürfnis umgeben, doch ihr Bedürfnis war größer als ihr Ausdruck, ihr Drang größer als ihre Botschaft. Ich sah mich vor einem grenzenlosen Markt für meine Dienste.«

Petter entscheidet sich für eine Karriere hinter den Kulissen dieses schäbigen Literaturbetriebes, gründet ein AUTORENHILSWERK und wird ein erfolgreicher Geschichtenverkäufer. Einmal schreibt er eine Novelle, zerschneidet sie in drei Teile und verkauft sie an drei Autoren: »Ich wollte damit nicht mehr Geld aus dem Markt herauspressen, es machte mir nur Spaß. Wenn mir eine Autorin gefiel, konnte sie mit einem Schäferstündchen zahlen.«

Wenn er in einer Gesellschaft von sechs oder acht Gelegenheitsdichtern oder Berühmtheiten in einem Café saß oder mit ihnen auf Buchmessen über den Sinn und Zweck von Literatur philosophierte, konnte es sein, dass drei von ihnen einen Plot bei ihm gekauft hatten. »In einer solchen Runde besaß ich große Macht, und es war mir nur recht.«

Trotzdem ist die Voraussetzung für seinen blühenden Handel mit Geschichten äußerste Diskretion. Keiner seiner Abnehmer ahnt, dass er nicht der einzige Kunde ist.

Eines Tages tauchen jedoch Gerüchte von der »Spinne«, einem geheimnisvollen Manipulator ganzer Autorenbiographien auf und Petter Spinnenmann wird klar, dass er in seinem eigenen Netz zappelt. Er fühlt sich verfolgt. Aber von wem? Es könnten die Unbestechlichen sein, die ihn verraten, denn sie riskieren nichts, wenn sie anderen von seinen dubiosen Angeboten erzählen. Oder die, die mit seinem Material keinen Bestseller landeten. Aber am gefährlichsten sind natürlich die Schamlosen: »Es gibt auch einen Markt für den Ruhm der Schande, und er wächst…Immer mehr Menschen genießen die Schande, sie bringt sie in die Schlagzeilen und macht sie berühmt.«

Der Klappentext suggeriert dem geneigten Leser an dieser Stelle Spannung, die ins Unermessliche steigt, denn »wozu sind hinters Licht geführte Erfolgschriftsteller fähig? Gar zum Mord?«

Nö, sind sie nicht. Sie bleiben im Hintergrund und die Geschichte vom Geschichtenverkäufer dödelt weiter vor sich hin. Bis Petter auf seiner Flucht in Italien (Seite 209) Beate trifft – endlich eine Frau, die auf seiner Wellenlänge sendet. Er sprüht wieder vor Ideen, bis ihm (auf Seite 258) wie ein Seifensieder aufgeht, dass sie seine Tochter ist.

Und damit schließt sich der Kreis, denn dieses inzestöse Bonbon könnte Gaarder Frisch abgekauft haben, natürlich second hand – also billig.

In einem Zitat, das Gaarder seinem Roman voranstellt, beschwört der norwegische Parlamentarier Johann E. Mellbye am 2. Mai 1927 seine Bauernpartei, »dass doch die Frage besteht, ob wir nicht eine kleine Kulturpause einlegen und uns auf unseren Lorbeeren ausruhen sollten, um das, was wir zu uns genommen haben, zu verdauen.«

Gute Idee.

2002 | Hanser Belletristik | ISBN 978-3446202108

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