Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


»Das Politbüro privat« (Rezension)

Von Thomas Grimm (Autor)


Rezension: Heide-Ulrike Wendt

Der einstige Butler von Wandlitz, Gerd Schmidt, ist noch immer ein diskreter Mann, obwohl die Waldsiedlung hinter den sieben Bergen mit ihren sieben Zwergen längst untergegangen ist. Von 1975 bis zum 23. November 1989, also vierzehn Jahre seines Lebens, erfüllte er dort seinen Auftrag, wie übrigens über 600 andere Angestellte auch, das Politbüro diskret zu betreuen – „23 Familien - das war unsere Aufgabe, ohne Unterschied von Rang und Namen. Aber wie es so ist: Der Generalsekretär und Vorsitzende des Staatsrates Erich Honecker war natürlich gleicher als gleich und wurde auch entsprechend behandelt.“

Natürlich.

„Trotzdem kannten wir die Leute und ihre Gewohnheiten – alles lief unter größter Geheimhaltung, versteht sich.“

Natürlich.

„Wir wussten zum Beispiel, dass Frau Jarowinsky (Gattin von Werner Jarowinsky, bis 1989 Mitglied des ZK der SED und des Politbüros und Bewohner des Hauses 15 der Waldsiedlung, d.A.) sehr gern den geistigen Getränken zusprach, ebenso Frau Neumann (Gattin von Alfred Neumann, bis 1989 1. Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates und Bewohner des Hauses 10, d.A).“

Ich kannte einst, bei aller Diskretion, noch eine andere, sehr fragile Frau, die engen Kontakt zu einer mächtigen Familie in Wandlitz pflegen musste und ebenfalls „sehr gern den geistigen Getränken zusprach“. Mitte der achtziger Jahre sah ich sie einmal zusammengesunken auf einem Stuhl vor ihrem Schreibtisch sitzen und ins Leere starren. Als ich sie fragte, ob ich ihr irgendwie helfen könne, lallte sie nur „Macht macht dumm“ und fiel seitwärts ins Aus. Wenig später wurde sie von einer schwarzen Limousine abgeholt und kehrte erst eine Woche später an ihren Arbeitsplatz, den Kampfplatz aller Werktätigen in der DDR, zurück.

Wer nun allerdings auf so einen Satz wie „Macht macht dumm“ oder andere renitente politische Erkenntnisse in dem Buch „Das Politbüro privat“ von Thomas Grimm hofft, in dem zehn Angestellte des Politbüros erstmals ihr Schweigen brechen und damit den Blick in den inneren Zirkel der Macht einen Spaltbreit öffnen, hofft vergeblich.

Zum Glück erklärt Thomas Grimm gleich in der Einleitung, warum: Die Angestellten sahen nämlich ihre Aufgabe darin, „den DDR-Repräsentanten jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Köche verwöhnten die unterschiedlichsten Gaumen, Kellner servierten zu Hause und auf Reisen, Haushälterinnen wienerten die Wohnung blitzsauber, Gärtner pflegten Rasen und Rabatten, Objektleiter kümmerten sich um die Behaglichkeit der Urlaubsorte, Förster hegten das Wild zum Abschuss und Bodygards schützen das Leben der Auserwählten.

Die meisten Angestellten übten ihre Tätigkeit mit innerer Überzeugung aus. Sie selbst waren Mitglieder der SED und verstanden ihre Arbeit zugleich als einen Parteiauftrag. Ähnlich wie in anderen Herrschaftssystemen empfanden sich die Dienenden im Zentrum der Macht selbst als Auserwählte. Für sie war die widerspruchslose Erfüllung der Wünsche der Politbüromitglieder daher nicht nur drückenden Last, sondern auch ehrenvolle Pflicht…Kritische Untertöne gegenüber ihren Arbeitgebern sind selten, nahmen sie diese doch hauptsächlich als Menschen und nicht als politische Entscheidungsträger wahr.“

Natürlich.

So kommt es, dass Honeckers Koch Jürgen Krause, der einmal auch die Gelegenheit bekam, Erich Mielke, der bekanntlich alle Menschen liebte, in den Urlaub nach Moskau zu begleiten, nur in den wärmsten Tönen von ihm sprechen kann. Als er ihm nämlich während der Fahrt voller Bedauern erzählte, dass die Küchen-Mannschaft wegen der Zugverspätung leider keine Zeit hat, sich ihre Lieblingsstadt Moskau anzusehen, erwidert Mielke knapp, aber bestimmt: >Dann bleibt ihr eben zwei Tage da<.... So war er eben; er legte es fest, und wir blieben zwei Tage da. Das war natürlich schön.“

Natürlich.

Im Prinzip waren das alles ziemlich nette Menschen, die da in Wandlitz wohnten, von Stoph mal abgesehen, den keiner leiden konnte, weil er manchmal sogar die Äpfel an den Bäumen zählte, um festzustellen, ob es einen Diebstahl durch den Personenschutz gegeben habe. Der hatte kein Vertrauen zu seinen Leuten. Stoph verscherzte es sich sogar mit Honecker, weil er im Straßenmantel zur Jagd ging und sich auch sonst kein bisschen an die Jagdgesetze hielt. Honecker verbannte Stoph deshalb in ein abgelegenes „Objekt“ am Ostufer der Müritz, damit er ihm nicht mehr beim Wildschweinschießen begegnen muss.

Davon abgesehen war Honecker aber wohl der liebste von all unseren Kameraden da draußen, wenn man den Berichten des Siedlungspersonals glauben darf. Sein Bodygard Bernd Brückner jedenfalls ist voll des Lobes über ihn: „Ich kann sagen, dass er ein normaler, ein guter Chef war... Einmal kletterte er die Leiter zu einem Hochsitz hinauf, um zu schauen, ob Wild in der Nähe war, als ihm von oben jemand entgegenkam. Honecker ließ ihm den Vortritt, kletterte also wieder runter, und dann begrüßten sich beide freundlich. Das war ein einfacher Spaziergänger!... Meist hatte Honecker eine Flasche grusinischen Brandy dabei. Und den verschenkte er gern. Er gab auch mal jemandem sein Jagdmesser. Er wollte den Leuten immer Gutes tun.“

Natürlich.

Honecker glaubte auch, dass alle Menschen in der DDR immer nur Gutes tun, und es, laut Brückner, „in seinem Land keine Kriminalität gibt.“ Deshalb stellte er am Grab seiner Enkelin eine herrliche große Kristallvase auf, von der, außer ihm, alle wussten, dass sie dort nicht lange verbleiben würde. „Und es kam, wie es kommen musste: die Vase wurde gestohlen. Die Protokollabteilung besorgte sofort eine neue Vase und stellte sie wieder auf Grab, aber immer wenn Erich Honecker den Friedhof verlassen hatte, wurde sie sofort im Büro des Friedhofs eingeschlossen. Und wenn er wiederkam, riefen wir die Friedhofsverwaltung an: >Achtung, Erich Honecker kommt.< Dann wurde die Vase wieder hingestellt.“

Puh, was für ein Glück, dass dieses Buch mit diesen ganzen schrecklichen Enthüllungen erst jetzt, vierzehn Jahre nach dem Fall der Mauer, im Aufbau-Verlag erschienen ist. Honecker würde heulen, wenn er das alles lesen müsste.

Das wäre nur natürlich.

2005 | Aufbau-Verlag | ISBN 978-3746681375

> Hier klicken zur Bestellung





[ Startseite ]



Was denken Sie über dieses Thema? Bitte schreiben Sie hier Ihre Meinung:

Kommentar hinterlassen