Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


»Das Leben entzwei« (Rezension)

Von Brigitte Giraud (Autor), Anne L. Braun (Übersetzer)


Rezension: Heide-Ulrike Wendt

»Das Leben entzwei« ist eine wahre Geschichte, in der Brigitte Giraud selbst die tragische Hauptrolle spielt. Ihr Mann Claude verunglückt mit seinem Motorrad, als sie in Paris gerade ihr neues Buch vorstellt und stirbt noch in der Nacht. Brigitte Giraud erzählt in einfachen klaren Sätzen von dem Moment an, da sie das Unverstellbare erfährt bis zum Ende der Trauerfeier.Ihre Worte treffen mitten ins Herz.

Um das Ereignis nicht direkt benennen zu müssen, sagt sie vorher und jetzt. Vorher war wie ein weites, blühendes Land: »Wir waren am Leben. Der Tod anderer kümmerte uns nicht, wir sagten Worte wie abtreten oder das Handtuch werfen, wir waren Helden.«

Doch nun liegt Claude im OP. Noch ist alles offen und sie überlegt sich, wie blöd doch so ein Unfall ist - drei Tage vor ihrem Umzug. Sie möchte ihn anschnauzen deshalb, aber gleichzeitig auch trösten.

Die OP dauert Stunden und sie begreift, dass sie etwas nie Dagewesenes erlebt. »Seltene Augenblicke, über die man später sprechen wird. Man wird sogar darüber lachen, später, wenn alles vorbei ist.« Das denkt sie in einem Moment, wo sie noch glaubt, dass Claude es schafft.

Ihre Freude auf die Erinnerung an diesen Tag, wenn sie alle gemeinsam beim Abendessen sitzen, ist jedoch eine Illusion, denn kurz vor Mitternacht hört sie den Satz: »Wir konnten nichts mehr tun!« Der Satz, der Schnitt zwischen vorher und nachher. »So einfach ist das. Eben hat man noch gelebt, nun ist man tot…« Nun weiß er nicht mehr, dass er eine Frau hat und einen Sohn, aber ihr wird sofort klar: »Du musst am Leben bleiben, denn du hast ein Kind.«

Die Ärzte erklären ihr, dass es so besser ist - wegen der möglichen Folgen. Und dann fragen sie, ob sie »ihn« sehen will. »Sein Kopf ist leicht quadratisch, wie der der Figuren von Pierre La Police in Les Inrockuptibles, über die er sich jede Woche amüsierte.« Sie weiß nicht, wie lange sie bleiben soll: »Die ganze Nacht oder nur drei Minuten? Zum ersten Mal entgeht dir jeder Sinn.«

Sie erinnert sich an die üblichen drei Küsse zum Abschied, ehe sie nach Paris fuhr. »Warum küsst man sich nicht jedes Mal, als wäre es das letzte Mal? Warum habe ich ihn nicht ganz fest an mich gedrückt? Da fahre ich nach Paris und er stirbt.«

Ein Mann tritt aus dem Dunkel und reicht ihr einen großen blauen Müllsack, an dem ein Etikett hängt: »Claude S.,02.06.58. Notoperation.« Darin sind seine Sachen, die er beim Unfall trug.

Wieder zu Hause, findet sie neben seinem Bett ein Buch, in dem der Satz steht:»Schnell leben, den Bösen spielen, alles hinpfuschen, jung sterben.« Sie löscht das Licht und die erste Nacht beginnt.
Am nächsten Morgen muss sie die Füße wieder auf die Erde setzen. Immer mehr Menschen versammeln sich in ihrer Wohnung, das Telefon klingelt pausenlos und sie sagt pausenlos, dass er tot ist. »Ich kaue seinen Tod wieder, als müsse ich mich selbst davon überzeugen…«

Sie wird umarmt und gedrückt von Freunden, den Eltern und alle sind verlegen. Was soll man auch sagen?

Um halb fünf muss sie an diesem Tag ihren Sohn T. abholen, der von einem Schulausflug zurückkommt. Sie fragt sich, was sie ihm sagen soll, und ein Kinderarzt rät ihr: Die Wahrheit - in einfachen, verständlichen Worten. Sein Vater starb einst im KZ und er weiß aus eigener Erfahrung, »dass ein Kind trotzdem aufwachsen kann. Auch ohne Vater.«

Als sie mit T. nach Hause geht, begreift sie, dass sie dieses Kindergesicht das letzte Mal so sorglos und angstfrei sieht.

Im Bestattungsunternehmen erkundigt man sich, ob sie kosmetische Maßnahmen wünscht, die ungefähr tausend Frances kosten würden, das Gesicht von Claude aber »ansprechender« machen. »Damit er ein bisschen weniger tot aussieht, das ist es. Bis zum letzten Augenblick, und selbst noch darüber hinaus, ist der schöne Schein das Wichtigste.«

Sie muss den Toten bekleiden und ist ratlos, womit. Ist das Hugo-Boss-Hemd geeignet? Aber das liegt in der Schmutzwäsche und der Kragen ist nicht mehr ganz sauber. Ein Freund meint, das mache nichts und bügelt das Hemd. Muss sie auch Unterwäsche einpacken?

In ihr ist immer noch Hoffnung, irgendwann aus diesem Traum zu erwachen, doch dann sagt man ihr, dass sie bis siebzehn Uhr den »Leichnam« sehen darf. Wer da vor ihr liegt, das ist nicht Claude. Er ist woanders. Sie begreift plötzlich, was »Leiche« heißt, dass es endgültig ist. Sie hebt das Tuch über seinem Körper ein bisschen an, will seine Hände sehen, bis sie begreift, dass man so etwas nicht tut.

Sie denkt an die Trauerfeier und will vor Zeugen aussprechen, dass ihr Leben glücklich war. »Es scheint lächerlich, erst dann von Glück zu sprechen, wenn dieses Glück nicht mehr da ist…Jetzt weiß ich, dass ich glücklich war…Warum weiß man es nicht richtig zu schätzen?…Man wartet andauernd…Darauf, in ein neues Haus zu zie-hen…endlich mehr Geld zu haben… und wenn einem der Braten anbrennt, versinkt man in eine mittlere Depression…Doch im tiefsten Inneren…fühlt man sich wohlig und satt. Heute, wo mir nichts mehr bleibt, weiß ich das, und ich kann endlich sagen, wie schön es war.«

Als sie am Abend um halb neun aus dem Zug aus Paris stieg, wartete er nicht auf sie. »Und während du im OP gelegen hast, saß ich im Zug, ganz entspannt, munter und fidel, mit meinem Buch für dich in der Tasche…Ich signierte die ersten Ausgaben meines Romans Nico…ich war in Aktion, ganz in mein Tun vertieft… Der Unfall ereignete sich gegen sechzehn Uhr dreißig..und nichts, keinerlei Zeichen, während ich im Verlag saß; ich trank einen Kaffee, und da war nichts - kein Schmetterling, der ins Zimmer geflogen wäre, keine Uhr, die stehen blieb…«

Sie fragt sich, was es nützt, jemanden zwanzig Jahre lang zu lieben, wenn man nicht in der Lage ist, so etwas zu verhindern? »Die Liebe mag ja eine nette Sache sein, doch offensichtlich kann sie einen vor nichts schützen. Doch das bedeutet auch, dass sie nichts Großartiges ist, die Liebe: sie bewahrt einen nicht vor dem Tod. Ich habe das Gefühl, eine Entdeckung gemacht zu haben. Genau, ich entdecke diese unbegreifliche, schmutzige Tatsache.«

Wer ist dieser Mann, den sie liebt? Der Mann mit dem Lächeln im Mundwinkel, ständig in der zweiten Reihe, versteckt hinter einer Fassade der Gelassenheit.

Was will sie den Trauergästen morgen in der Kirche sagen? »Dass du weich gekochte Frühstückseier mochtest, Bilder von Jean Rustin, die Strände Korsikas? Dass du die Milch aus der Flasche getrunken hast, direkt aus dem Kühlschrank?«

»Was mache ich mit all meiner Liebe zu ihm? Was mache ich damit? Soll ich sie ins Bücherregal stellen?«
Uns allen wird nicht anderes übrig bleiben. Irgendwann, wenn wir das Buch zwei, drei Mal gelesen haben, stellen wir es doch eines Tages ins Bücherregal. Aber an einen besonderen Platz, wo man es jederzeit sehen und herausnehmen kann, um es noch einmal zu lesen. Das Leben entzwei lässt einen ganz sicher nie los.

2004 | S. Fischer Verlag | ISBN 978-3596156306

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