Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


»Das blaue Kleid« (Rezension)

Von Doris Dörrie (Autor)


Rezension: Heide-Ulrike Wendt

»Florian küsst Alfred zum letzten Mal. Der Körper hat sich noch nicht verändert, ist noch warm, weiß und weich, und dennoch spürt Florian jetzt ganz deutlich, dass Alfred ihn nicht mehr bewohnt. Diese Hülle ist nicht mehr Alfreds Hülle, sondern eine x-beliebige. Ganz gut geschnitten, Größe 54, eine gute 54, hätte Alfred gesagt.«

Mein tapferes Schneiderlein, nennt Florian seinen Geliebten, als der genauso aufrecht wie qualvoll an Krebs stirbt. Und nachdem der begnadete Modeschöpfer »leichten Schrittes in ein helles Licht« davongegangen ist, wie Florian hofft, will er für ihn eine kleine Gedächtnismodenschau veranstalten: »Aus jeder Kollektion ein geniales Stück - das tomatenrote Wickelkleid von 96, die schwarzen Kaschmirschlaghosen von 98, das cremeweiße Satinetuikleid von 99, das gehäkelte bodenlange Abendkleid, das kleine Schwarze »Tiffany« natürlich, das gelbe Chiffoncape von 2001, das blaue Kleid »Azzuro« aus der Sommerkollektion 2001.« Sein letztes Kleid.

Das hat Babette, eine graue Maus, am 23. März 2001 im Geschäft der beiden gekauft. Aber selbst aus ihr zaubert es etwas Funkelndes, Strahlendes, wie es Alfred vorausgesagt hat. »Wenn Sie es nicht nehmen, werde ich ernstlich böse«, beschwört er die junge Frau, als sie zögert, es zu kaufen, »denn dieses Kleid wird ihr Leben verändern.«

Als Florian vor ihrer Tür steht, um sich den Traum aus knisterndem Organza zurückzuholen, und schon bei der Erwähnung von Alfreds Namen in Tränen ausbricht, spendiert sie dem Verzweifelten eine Tasse Kamillentee und betrachtet mit ihm dieses Kleid, das in ihrem düsteren Wohnzimmer hängt »wie ein Stück blauer Himmel«.

Sie haben es auch sonst nicht leicht, die Beiden.

Florian, weil er sich an das Leben vor Alfred nicht mehr erinnern und ein Leben nach Alfred nicht vorstellen kann. Verloren in seiner Trauer, seinen Erinnerungen, bedrücken ihn Schuldgefühle, weil er und nicht Alfred überlebt hat: »Immer war Alfred der Schönere, Attraktivere, Erfolgreichere, der, der ganz natürlich im Mittelpunkt stand, und durch seine Krankheit erst recht. Alles, alles musste sich immer um ihn drehen. Und wer hat jemals an mich gedacht? Sich jemals gefragt, wie es mir dabei geht? Ich denke wie ein Charakterschwein. Ich bin ein Schwein. Ich bin das Schwein, das überleben durfte.«

Und Babette, die bis zu dem Tag, als ihr Mann Fritz bei einem Autounfall auf Bali stirbt, ein modebewußtes Wesen ist und die gleichen Cowboystiefel trägt wie er. Seine wirft sie nach seinem tragischen Tod von einer schwankenden kleinen Gondel aus in die Dolomiten, weil er hier so gerne mit ihr war. Am liebsten würde sie sich auch in den düsteren Wald unter ihr fallen lassen, um nichts mehr zu spüren. Es wäre so einfach, viel einfacher, als weiterzuleben.

Sie fühlt sich alt, dabei ist sie erst sechsunddreißig. Eine Witwe, die Angst hat vor neuen Gefühlen, einem Leben, das anders sein könnte als das mit Fritz, bei dem sie glaubte, angekommen zu sein. Für immer.

Nun ist er für immer gegangen, und sie spaziert in einsamen Stunden vorzugsweise über Friedhöfe, weil es überall sonst »so grässlich viel Leben« gibt – knutschende Liebespaare, fröhliche Kinder, lärmende Biergärten.

Babette und Florian, verwandte Seelen, teilen fortan ihr Unglück, werden Freunde, ziehen sogar zusammen und haben somit wieder einen Menschen an ihrer Seite, dem sie alles erzählen, alles gestehen, alles anvertrauen können, was sie quält.

Florian ist einer, den Babette sogar fragen kann, was denn so schlimm daran wäre, sich umzubringen? Eigentlich ist es doch nur eine Frage der Methode: »Wenn man sich erhängt, hängt einem die Zunge so widerlich aus dem Mund, wenn man aus dem Fenster springt, liegt man dann vielleicht ganz unattraktiv da, mit verrutschtem Pullover und aufgeplatztem BH und kommt so auch noch in die Zeitung.« Und Florian kann ihr seine Affäre mit einem Steward aus Timmendorf an der Ostsee gestehen, nach dessen Körper er sich sehnt, weil »der nicht dabei war, vor die Hunde zu gehen, der mir nicht ständig die Vergänglichkeit allen Lebens vor Augen führte.«

Die beiden leiden an ihrem Leben, aber es geht weiter. Was auch sonst? Babette verliebt sich in Thomas, einen Anästhesisten, bei dem sie langsam auftaut wie ein »Block Tiefkühlspinat«. Sie ist bereit, sich auf ihn einzulassen, trotz aller Furcht, doch er kann sich nicht entscheiden. Er hat ein Ehe hinter sich. Er hat Angst. Er braucht Fluchtpunkte. Er nimmt Viagra, bevor er mit ihr schläft.
Das kann keine Liebe sein, denkt Babette, als sie es herausfindet und glaubt auch Florian nicht, der meint, dass manchmal ja doch eine draus wird.

»Ach, sagt sie und winkt ab. Ich hatte eine, und vielleicht ist das schon mehr als die meisten bekommen. Eine im Leben muss vielleicht reichen. Und ich kenne doch alles, was dann kommt: Zusammenziehen, die Fernbedienung vom Fernseher ihm überlassen, später ein zweites Gerät kaufen, damit man sich nicht ins Gehege kommt, wandern in den Bergen im Herbst, der ganze Kram der Mittelalterlichen.

Er musterte sie, als wolle er ihre Kleidergröße abschätzen. Dafür würde ich meine rechte Hand geben, sagte er schließlich, und da fangen dann beide an zu heulen.«

Und zu suchen – nach diesen winzigen Momenten des Glücks.

Sie fliegen nach Oaxaca, Mexiko, wo die Toten an Allerheiligen mit wilden, verzweifelten, trotzigen und melancholischen Ritualen gefeiert werden. Sie erleben einen völlig anderen Umgang mit dem Tod, der Trauer, den Tränen und finden so zurück ins Jetzt.

Und darüber kann man sich am Ende des Buches wirklich nur freuen, denn Babette und Florian sind ausgesprochen liebenswerte Menschen, deren Geschichte vielleicht nur eine so sanft und ironisch, so phantasievoll und anrührend, so einfach und gekonnt erzählen kann, die ihnen ähnelt oder gar so ist wie sie. Wie auch immer – Doris Dörrie kann einen auf alle Fälle ganz mächtig in den Bann ziehen mit ihrer Art, zu schreiben.

»Das blaue Kleid« ist eine Anleitung zum Glücklichsein, eine Aufforderung, sich nicht nur zu erinnern oder an morgen zu denken, sondern den Moment zu genießen, den man gerade erlebt, ihn als den schönsten seines Lebens zu betrachten.

Dass das schwer ist, weiß ja jeder, und deshalb sei zum Schluss doch noch die Frage gestattet: Wann gibt’s denn den Film zum Buch? Demnächst im Kino?

2004 | Diogenes | ISBN 978-3257233766

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