Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


»Da ist ne Frau, die trägt was vor!«

Aus dem Buch »Frauen lachen anders« von Heide-Ulrike Wendt

Der „Bastard“, ein kleiner Berliner Club mit dem morbiden Charme des längst untergegangenen Ostens im Kultbezirk Prenzlauer Berg, ist am 5. April 2007 bereits eine Stunde vor Mitternacht brechend voll, obwohl die Partyführer der Stadt empfehlen, erst im Morgengrauen hier her zu kommen, um mit den anderen Gestrandeten der Nacht zu tanzen. An diesem Donnerstag aber stehen Poetryslammer* auf der Bühne, für die das „Bastard“ längst ein „home sweet home“ geworden ist. Sämtliche Plätze sind von rauchenden jungen Männern mit blasser Stirn und bleichem Shirt und rauchenden zartschultrigen Studentinnen in Spaghettiträgerhemdchen besetzt. Die Luft ist zum Schneiden, das Bier schäumt aus Flaschenhälsen und auf der Bühne steht Pauline Füg und trägt leise, fast atemlos, ihre Lyrik vor:

„Es ist schön dich hier zu sehen

du weilst unter den lebenden

ich hab dich oft vermisst und

in manchen sekunden gedacht

wenn du hier wärst

hätte ich ein bisschen mehr kraft

zu bleiben gehabt

und der sand geht zu neige

ich habs gemerkt und mich abgedreht

wie ein segelboot bei bodenlosen tosendem

wellengang

ellenlang warn die wörter an dich

ich hab sie nie abgeschickt

geschickt abgewährt wie es wär

zu wissen wo du jetzt bist

bist du noch da?“

(….)

Das Publikum ist auf alle Fälle noch da, klatscht und johlt, hin und weg vor Glück über diesen schönen Text, will, dass Pauline gewinnt. Die fünfköpfige Jury, von den Zuschauern gewählt, kann für den Vortrag Noten zwischen eins bis zehn vergeben und kürt Pauline zur Slammerin dieser Nacht. Nach Bob Holman, einem der berühmtesten Aktivisten des Poerty Slam, steht die „eins für ein Gedicht, das nie hätte geschrieben werden dürfen“ und die „zehn für ein Gedicht, das einen spontanen kollektiven Orgasmus im Raum auslöst“.

Die Psychologiestudentin Pauline Füg aus Eichstätt, 23, war schon oft die Slammerin der Nacht, obwohl überall dort, wo sie auftritt, auch viele andere begabte Dichter und einige Dichterinnen, vor allem junge wie sie, auf der Bühne stehen und dem Publikum eigene Texte – oft heitere, witzige, humorvolle, frivole, aber auch todernste, provozierende und manchmal peinliche – präsentieren und dabei um deren Gunst kämpfen. Wenn es klatscht, pfeift, johlt, ist alles gut. Wenn sich allerdings kein Finger rührt im Saal und alles schweigt, ist der Text samt Slammer durchgefallen.

Die dichtenden Kampfmaschinen, die die Muse quer durchs Land treibt, lassen sich davon nicht schrecken, denn in der Szene kocht und brodelt es mehr denn je. In den kreativen Köpfen schwirren Tausende von Texten, die alle hören sollen, und deshalb finden in Berlin, Potsdam, Hamburg, München, Köln, Leipzig, Wiesbaden oder Dresden regelmäßig Slam-Schlachten statt.

Einmal im Monat zum Beispiel der „Munichslam“ in der Indie-Kneipe „Substanz“, angepriesen als Europas größter Poetry Slam. In München fand im November vorigen Jahres auch der „Slam 2006“, die bisher größte deutschsprachige Meisterschaft, statt. 230 Poeten aus mehr als 70 Städten boten hautnah eine intelligente, geschliffene, gewitzte Schlacht der Worte. Im April 2007 reisten zur restlos ausverkauften 18. Darmstädter Dichterschlacht Poeten von überallher an, um ihre Texte vorzutragen.

Der WDR schnupperte den Mainstream und setzte im Februar 2007 erstmals in Deutschland „Poetry Slam“ Punkt Null Uhr Null ins Nachtprogramm – mit richtig guten Quoten, wie Moderator Jörg Thadeusz nach neun Sendungen verkünden konnte.

Das Wettdichten etablierte sich in Deutschland Mitte der neunziger Jahre, etwa zehn Jahre nachdem der amerikanische Performance-Poet Marc Kelly Smith aus Chicago Lesungen am Tisch mit Lampe und obligatorischen Wasserglas für langweilig befand. Am 20. Juli 1986 organisierte er im „Green Mill“-Jazzclub in Chicago einen Abend , bei dem Dichter erstmals um die Wette deklamierten, und nannte das ganze „Poetry Slam“. Drei Jahre später gab es den ersten in New York. Die weltweite Verbreitung des Poetry Slam ist jedoch den Radio-Live-Übertragungen im „Nuyorican Poets Cafe“ zu verdanken.

Die einzigen Regeln bei einem Poetry Slam: Nur eigene Texte dürfen vorgetragen werden, und das in einer für alle gleichen, knapp bemessenen, Zeit, meist zwischen fünf und sieben Minuten. Kostüme und Requisiten sind verboten, dafür darf man die Texte ins Publikum schreien oder flüstern, wimmern oder jaulen, keuchen oder hauchen und mit vollstem Körpereinsatz performen.


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»Frauen lachen anders«, mvg Verlag 2007, 144S., brosch., 15,90 Euro.

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