Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


»Für Verlierer ist Komik einfach Notwehr«

Mit Katja Lange-Müller

Aus dem Buch »Frauen lachen anders« von Heide-Ulrike Wendt

Als Katja Lange-Müller 1984 nach einer widerspenstigen, ungezähmten Jugend in der DDR, von Ost-Berlin nach West-Berlin übersiedelt, wird sie dort innerhalb kurzer Zeit zu einer mit vielen Literaturpreisen ausgezeichneten Meisterin der kleinen Prosa, die sie selbst gern „Geschichten von der nicht so richtig putzigen, eher weniger salonfähigen Art” nennt. Ihre Beobachtungen bei Trinkern, Muschelsammlern oder Steuerhinterziehern sind skurril, ironisch, liebenswert und ermöglichen Einblicke in eine Welt, die niemand zuvor so schön beschrieben hat wie sie. Außerdem kennt sie massenhaft gute Witze.

Der Witz in der DDR, der Ostwitz, war für Katja Lange-Müller plebejisch* - der Witz der Taugenichtse, der Verlierer, der Unterdrückten, der Machtlosen. Für sie sind überhaupt alle guten Witze plebejisch, zum Beispiel der: Zwei blinde Penner sitzen Ende November auf einer Parkbank. Es ist schon sehr frisch, die Blätter rieseln von den Bäumen, der Wind fegt um die Ecken, und einer der Penner niest. Da sagt der andere Penner zu ihm: „Ah! Machste mir auch eine auf?“

„Die Westwitze sind hämischer, schadenfroher, zum Beispiel der: Ein großes Unternehmen sucht nach einer Führungskraft im mittleren Management, erhält diverse Bewerbungen, von denen am Ende nur drei in die engere Auswahl kommen. Der Personalchef lädt die drei Männer am selben Tag zu einem Gespräch, holt sie nacheinander in sein Büro, und sagt zum ersten Kandidaten:

„Alles bestens. Sie sind unter 30, unverheiratet, haben die erste Hälfte des Studiums an der Sorbonne, die zweite Hälfte in Harvard absolviert, und auch ihr polizeiliches Führungszeugnis ist makellos. Aber das ist nicht das Einzige, was wir von ihnen verlangen. Wir brauchen auch jemanden, der erstens extrem aufmerksam, zweitens sehr innovativ und drittens bei alledem höflich und taktvoll ist.“

„Kein Problem“, sagt der junge Mann, „ich bin das alles.“

„Okay“, sagt der Personalchef, „dann gucken Sie mich doch mal genau an. Fällt ihnen da irgendwas auf?“

Der junge Mann guckt ihn sehr genau an und sagt dann:

„Tja, sie haben keine Ohren.“

„Danke“, sagt der Personalchef, „das wars. Sie können gehen.“

Beim zweiten passiert dasselbe, bis zu der Stelle, wo der Kandidat sagen soll, was ihm an seinem potenziellen Arbeitgeber auffällt, und der findet: „Sie haben eine sehr vorteilhafte Frisur, die aber nicht ganz kaschiert, dass sie keine Ohren haben.“

„Okay“, sagt der Personalchef, „schicken sie mir den dritten Mann rein.“

Den fragt er nach dem Eröffnungsgespräch wie die anderen auch: „Fällt ihnen etwas an mir auf?“

Der junge Mann bittet um einen Moment Geduld, geht einmal um den Personalchef herum, und sagt dann: „Sie tragen Kontaktlinsen.“

„Aha“, sagt der Personalchef.

„Sehr schöne grüne Kontaktlinsen, wahrscheinlich haben sie in Wirklichkeit blaue Augen.“

Der Personalchef murmelt: „Mhm Mhm.“

„Das ist an sich schon nicht schlecht. Aber wenn Sie Ohren hätten, könnten sie eine Armanibrille tragen – das wärs!“

Das ist für Katja Lange-Müller ein typischer Westwitz, und genau deshalb verläuft für sie die Demarkationslinie nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen plebejisch und nichtplebejisch:„ Das Plebejische war im Osten das Normale, im Westen war und ist es peinlich. Aber für Komik ist man im Osten natürlich auch nicht befördert worden. Die Betriebsnudel war bei den Massen beliebt, hatte allerdings keine guten Karten bei den Entscheidungsträgern, denn wer in der DDR Witze erzählte, missachtete Hierarchien, spottete über Dinge, die er besser ernst nehmen sollte.“ …


Lesen Sie jetzt das vollständige Kapitel mit Katja Lange-Müller in meinem Buch:
»Frauen lachen anders«, mvg Verlag 2007, 144S., brosch., 15,90 Euro.

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