Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


»Big brother is watching you!«

Aus dem Buch »Frauen lachen anders« von Heide-Ulrike Wendt

Den ersten politischen Witz meines Lebens erzählte mir mein Vater im Sommer 1962. Da war ich noch ziemlich klein. Er hatte mich in die Berliner Markthalle geschickt, um für meine kranke Großmutter Bananen zu besorgen. Die gab es dort an einem Sonderstand mit Sondergenehmigung. Nach einer Stunde war ich endlich dran, aber die Banane waren alle. Ich heulte vor Wut.

„Kennste den schon?“, fragte mich mein Vater, als er meine Tränen trocknete. „Da stehen zwei Berliner Jungen an der Mauer. Der eine im Westteil, der andere im Ostteil der Stadt. Ruft der aus dem Westen: >Ätsch, wir haben Bananen!<

Antwortet der aus dem Osten: >Ätsch, dafür haben wir den Sozialismus!<.

Ruft der aus dem Westen zurück: >Ätsch, wenn wir wollen, können wir den auch haben.<

Kontert der aus dem Osten: >Ätsch, dann habt ihr auch keine Bananen mehr.<“

Natürlich war mein Vater ein Schlitzohr. Zum einen war sein Witz eine blitzschnelle Kalkulation. Er wusste: Wenn er seine Tochter jetzt nicht zum Lachen bringt, dann geht sie nie wieder in die Markthalle. Zum anderen beutete er humorvoll ein Missverhältnis aus. Eine Stunde für keine Bananen. Das war so doof, das man darüber eigentlich nur lachen konnte. Damals wussten wir noch nicht, dass sich die DDR in den drauffolgenden siebenundzwanzig Jahren als ausgesprochene Gebirgsrepublik entpuppen würde. Sie bestand nur aus so genannten Engpässen.

Im Frühjahr 1985 geriet ich in einen Engpass, der verlief mitten durch eine Spinnerei im schönen Erzgebirge. Dort gab es eine „Heldin der Arbeit“, die sollten Katja, meine Lieblingsfotografin, und ich porträtieren. Zuvor allerdings wollte Katja in die Betriebskantine. Sie hatte keine Zigaretten mehr.

Wir wollten wirklich nur Zigaretten. Mehr nicht. Aber als wir die Tür zur Kantine öffneten, starrten uns etwa vierzig Frauen in buntgeblümten Kittelschürzen hasserfüllt an. Waren es Katjas rote Haare oder meine knallengen Jeans oder was?

„Es sind die grünen Gurken“, flüsterte mir Katja ins Ohr. Und da sah ich sie auch. Alle Frauen in der Kantine hielten eine in der Hand. Die ersten grünen Gurken des Jahres 1985. „Die sind nur für Einheimische“, sagte uns eine Arbeiterin, und dann machte sie die Kantinentür vor unserer Nase zu.

Ich wollte gerade mal wieder anfangen zu heulen, da fragte mich Katja: „Kennste du den schon? Was passiert, wenn Günter Mittag (der damalige ZK-Sekretär für Wirtschaftsfragen) in die Wüste geschickt wird? Dann wird nach einer Woche der Sand knapp.“

Man kann sagen, dieser Witz passte wie die Faust aufs Auge. Wir bogen uns vor Lachen, bis uns eine Stimme aus dem Hintergrund fragte: „Haben Sie gewusst, dass Honecker politische Witze sammelt?“

Nee.

„Und Mielke seine Verfasser!“

Big brother is watching you. Wer in der DDR Witze erzählte, musste darauf immer gefasst sein. Diktatoren mangelt es an Humor, sie nehmen sich selbst zu wichtig. Die Kraft der Wörter anderer fürchten sie. Witze galten deshalb als subversiv, und das aus gutem Grund. Nehmen wir nur mal den: Werbeslogan des Ministeriums für Staatssicherheit: »Kommen Sie zu uns, bevor wir zu Ihnen kommen!« ...


Lesen Sie jetzt das vollständige Kapitel in meinem Buch:
»Frauen lachen anders«, mvg Verlag 2007, 144S., brosch., 15,90 Euro.

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