Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Spaß über alle Maß | Oktoberfest

O’zapft is! heißt es wieder in München. extra- Reporterin Heide-Ulrike Wendt stürzte sich auf dem Oktoberfest ins Getümmel der Biertrinker aus West und Ost

Von Heide-Ulrike Wendt | 1991

Oktoberfest in München: Das berühmteste Voksfest der Welt. Der Zar war schon da und die Königin von England. Die Lollobrigida, der Zeitungsfürst Hearst, Max Schmeling, Buffalo Bill. Diesmal gilts oans, zwoa, g’suffa auch für mich. Her mit der Maß und zwoa Schwoanswürschtl.

„Joa mei Madel“, sagt mein Gegenüber im Bierzelt. „I will Spaß.”

Schön, sag ich und stemme den ersten Liter Wies’n-Bier meines Lebens mit ungeübten Händen.

„I will Spaß mit dir, Madl.“

Keine Zeit, leider.

„Jo Madl, i geb dir hundert Markeln, und du läßt mi a dei Holz vor der Hütt’n.“

Das kann ja heiter werden. Auf geht’s ins nächste Zelt. Zum „Schottenhamel“-Wirt. Jedes Jahr im September geht hier die Wies’n-Gaudi ab, wenn der Oberbürgermeister von München Punkt zwölf den ersten Wies’n-Banzen (so heißen hier die Bierfässer) o’zapft. Inzwischen ist das Bier in aller Munde, und 6000 Zecher drängeln sich auf Gängen und Bänken, um einzustimmen ins Prosit auf die Gemütlichkeit. Die hat hier Tradition.

„Als mein Urururgroßvater Michael Schottenhamel hier 1867 zum erstenmal Bier ausschenkte“, erzählt Urururenkel Michael Schottenhamel, „da komponierte Verdi seinen ,Don Carlos‘, und Karl Marx schrieb sein ,Kapital‘. Aber nur wir haben überlebt.“ Und „Don Carlos“?




Michael kann die Frage nicht beantworten, denn eben blasen am Nebentisch die Söhne von Franz-Josef Strauß, Max und Franz-Georg, zum Abmarsch. Max Strauß, hilfreicher Intimus von Schalck-Golodkowski, war gerade in Dresden. Fühlt er sich da schon in der Heimat oder immer noch im Ausland? „Für mich“, sagt der Max, „reicht der Osten Deutschlands bis nach Königsberg. Demnächst fahre ich ins Memelland.“

Halleluja, sog i, wer will da nicht frohlocken? Auch die Familie Schottenhamel hat ein weitreichendes Herz für die Brüder und Schwestern im Osten Deutschlands. Schon im vorigen Jahr gaben sie den Ossi-Madln die Chance, als Kellnerinnen auf der Wies’n einen dicken Batzen Geld zu machen. „Doch leider“, bedauert Michael, „hatten die Ostdeutschen kein rechtes Gespür für unser Leistungsprinzip.“

Das ist knallhart, denn schon vor dem Festbeginn kassiert jeder Wies’n-Wirt erst mal von seinem Personal kräftig ab. Für die Nummer am Dirndl der Kellnerin und ihr Häubchen 100 DM, zwischen 60 und 100 DM Krügelgeld, um die Kosten für die geklauten und zerdepperten Biergläser abzudecken. Außerdem: Die Kellnerinnen sind nicht angestellt, sondern freie Unternehmerinnen. Sie kaufen die Maß heuer für 7,50 DM vom Wirt und verkaufen sie für 8,50 DM weiter. Das ist ihr Gewinn. Bis zu 3000 DM inklusive Trinkgeld nehmen sie nach 16 Tagen mit nach Hause. Die Wies’n-Wirte eine halbe Million.

Jo mei, da brauchst a Maß, um das zu fassen. Aber einen Platz findest du schon am frühen Nachmittag nimmermehr. Die meisten Zelte sind wegen Überfüllung geschlossen, und in den Gängen warten Hunderte darauf, dass einer im Vollrausch von der Bank fällt. Oans, zwoa, g’suffa.

„Nimm deine dreggadn Wadl auf d’Seitn!“ raunzt ein Bayer im „Paulaner-Zelt“ seinen Nachbarn an, als er mein Suchen und Sehnen begreift. „Kommst von aussi, Madl, daß d’ so spät kommst? Jo mei, aus Ostberlin.“ Im vorigen Jahr, da saß er neben zwoan aus Sachsen, die hatten sich ein Brathendl bestellt. Da gab’s vom Wirt gratis ein Tücherl mit Zitronenduft zum Abwischen dazu. Doch sie nahmen’s nicht für die Hand, sondern fürs Hendl. „Mogst oans? I bin der Werner?“




Blau, blau, blau ist der Enzian, blau, blau, blau bin auch ich, singt er in bierseliger Zufriedenheit und faßt beherzt um meine Hüften. Beim Schunkeln ist gut munkeln, und wer nicht will, muß flüchten.

Doch je später der Abend, desto dreister die Grapscher. Selbst vor dem Zelt. Ciao Bella, laß uns machen Amore, brüllt mir ein Italiener im bayerischen Vollrausch ins Ohr und faßt sich und mir voller In-Brunst ans Herz.

Ja Herrgottsakra, drinnen geht nix, draußen geht nix. Sollte der Münchner Schriftsteller Herbert Schneider recht haben, wenn es ihm „manchmal vorkommt, als sei die Wies’n hauptsachlich eine Zusammenrottung von Barbaren“?

„Es empfiehlt sich nicht für Damen, das Oktoberfest allein zu besuchen“, sagt ein Herr im durchgestylten Loden und hilft mir heraus aus italienischer Umklammerung.

Jo mei, es ist halt wie immer: Beim erstenmal, da tut’s noch weh. Beim zweitenmal ist’s vielleicht schön? Wir werden sehen. Zur nächsten Wies’n geht’s mit Kind und Kegel.


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