Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Wo man Schönheit kaufen kann | Hotel Bachmair am See

Der Alltag wird immer grauer, das Haar auch. Letzte Rettung für Körper und Seele: eine Schönheitsfarm. Hier wird man nicht immer seine Falten los, aber auf jeden Fall sein Geld. Unsere Reporterin erlebte am eigenen Leib, daß Schönsein harte Arbeit ist.

Von Heide-Ulrike Wendt

Schönheitsfarmen sind ein Luxus, auf den wir – grau, müde und gestreßt – vierzig Jahre verzichten mußten. Wir standen uns zwischen den Schichtwechseln die Beine in den Bauch nach Florenakosmetik und hofften auf bessere Zeiten. Nun sind sie da. Beautyfarmen öffnen auch uns Tür und Tor.

Zum Beispiel die von Lancaster im Nobelhotel Bachmair am See. Genauer: am Tegernsee, in Rottach-Egern. Ein Mekka der Schönheit. Hier sind die Seen noch blau, die Tannen noch grün, die Kühe noch lila. Die Berge ringsum sind so hoch wie die Konten der Villenbesitzer zu ihren Füßen. Hier wird selbst die steifste Böe aus Richtung Osten nur als Lüfterl empfunden. Kurz, in Rottach–Egern ist die Welt noch in Ordnung.

Trotzdem scheine ich auf der falschen Hochzeit tanzen zu wollen. „Die Parkplätze sind nur für Hotelgäste“, bemerkt ein soeben Angereister, als ich mich neben seinen Schlitten quetschen will, in dessen Kofferraum mein Opel Corsa bequem passen würde.

„Ich bin Hotelgast“, sage ich. „Ach ja“, sagt er. Und geht. Nur der Hotelportier lächelt trotz meiner ärmlichen Ankunft. Er hat die Philosophie des Hotels Bachmair am See längst verinnerlicht. Wer sich hier einquartiert, erhalt mit dem Zimmerschlüssel das Gefühl dazuzugehören. Das Hotel adelt die Gaste. Nicht umgekehrt.

Nur ein paar kleine Formalitäten“, meint der Portier entschuldigend. „Wenn Sie dem Burschen Ihren Autoschlüssel überlassen, holt er derweil Ihr Gepäck.“

„Ich hab es schon bei mir.“

„Ach ja“, sagt er und lächelt auch meinen beiden Stofftaschen zu. Dem Burschen verschaffen sie immerhin eine kleine Verschnaufpause inmitten allgemeiner Anreise. Er bringt uns drei auf Zimmer Nummer 435 im Sporthotel. Ein glücklicher Umstand, denn wer das erstemal ins Bachmair kommt, verläuft sich garantiert.




Das Bachmair ist eine Hotelstadt, in der sich acht Gebäude im Landhausstil um das Haupthaus gruppieren. Der Prospekt sagt, wie es ist: „Urbayerische Gastlichkeit und der Komfort eines First-class-Hotels mischen sich zur unnachahmlichen Atmosphäre des Bachmair. Vor den Füßen liegt der weitläufige Park (30 000 Quadratmeter) und der buchtenreiche Tegernsee. Trotz modernster Einrichtungen unverändert ländlich wie zur Zeit, als Ludwig Ganghofer hier gelebt und geschrieben hat…“

Ach ja? Ich dachte immer, Ganghofer habe seinen „Waldrausch“ I und II oder seinen „Herrgottsschnitzer von Ammergau“ an blankgescheuerten Küchentischen erdacht und sein Bad auf der Tenne genommen.

In Bachmairs Bädern holt man sich jedenfalls keine kalten Füße, wie die Helden der Ganghoferschen Romane. Die Fliesen sind überirdisch, weil unterirdisch beheizt. Die Teppiche so lauschig wie die Stapel von Frotteetüchern, das Zimmer so groß wie meine neudeutsche Wohnung im Plattenbau. Ich will eben dort, also zu Hause, anrufen, um mein Glück zu teilen, aber an der Rezeption kennt niemand die Vorwahl von Ostberlin. Ja Herrgottsakra, denke ich, einen Fünfer im Lotto gibt’s doch auch bei uns. Und der reicht allemal für acht Tage auf Lancasters Beautyfarm.

Hat wirklich keine vor mir den langen Weg vom Wir zum Ich beschritten?

In der Beautyfarm führt dieser Weg über das Gesicht, den Hals, das Dekolleté, über den Bauch bis zu den Füßen. Doch am Montagmorgen greift eine Fee im blütenweißen Kittel zuallererst nach meinen Händen und modelliert auf ihnen eine Maske aus Mineralien und Aloe-Konzentrat. Und während sich Allerleirauh wieder in Sammetpfötchen verwandelt, umwabern mildtätige Vapozondämpfe mein Gesicht – den Spiegel meines Ichs.

Den poliert meine Fee anschließend gründlich auf – er hat es bitter nötig. Mit Nährstoffgaben, Drainagen, Massagen und duftenden Masken werde ich so innerhalb von zwei Stunden zu einer echten Herausforderung – zumindest für Schneewittchens Stiefmutter. Die anderen 48 Damen der Beautyfarm müssen in mir keine Konkurrentin fürchten. Sie erleben alle die gleiche Metamorphose und blühen sichtbar auf.

Meine beiden Damen an Tisch 19 beschließen deshalb einen kleinen Einkaufsbummel. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Viel Zeit bleibt nicht, denn um 16.30 Uhr erwartet uns das „Gute-Figur-Programm“ für Busen, Bauch und Po mit Dehnübungen, Stretching genannt, Wassergymnastik, Yoga oder einem Trainingsstündchen in der luxuriösesten Folterkammer Deutschlands, Bachmairs Fitneßcenter.

Zum Glück kennt sich Frau Almstedt von der Nordseeküste bestens aus in den Boutiquen am Tegernsee. Sie kommt jedes Jahr hierher, wenn der Gatte auf Segeltörn geht, um sich von ihr, den Kindern und seinem florierenden Unternehmen zu erholen. Doch schon im ersten Geschäft am Platze kann Frau Pfaffenhof aus Darmstadt einer Lederjacke von Giovanna Guglielmi – wer immer das sein mag - nicht widerstehen.

Unsereins könnte sich für den gleichen Preis einen netten kleinen Gebrauchtwagen kaufen. Die zur Jacke passenden Leggings kosten soviel wie ein Geschirrspülautomat. Doch weil Frau Pfaffenhof cash auf die Hand zahlt, bekommt sie 135 Deutsche Mark Rabatt. In Darmstadt gelingt ihr so ein Schnäppchen nie. Keine Zeit. Will sie in ihrem Handwerksbetrieb auf vier Millionen Umsatz jährlich kommen, muß sie arbeiten bis tief in die Nacht. Von wegen Geld, Gold, sorgenfreies Leben…

Ich könnte jetzt ein paar Streicheleinheiten gebrauchen. Leider bin ich erst morgen wieder dran. Dann wird mich Fräulein Zschau erneut in weiche Tücher und Decken hüllen, mein Haar sanft zurückstreichen, den Mief der Großstadt aus den Poren holen und duftende Cremes in die Tiefen meiner Haut massieren.

Das Schönste dann ist: Ich habe Zeit auszuruhen. Niemand will in der nächsten Stunde, daß ich Spiegeleier brate, die Matheaufgaben meines Nachwuchses kontrolliere, aus Bauklötzern Türme baue oder den Streit um den Paragraphen 218 kommentiere. Das einzig Wichtige weit und breit bin: Ich.

Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Für die kommende allerdings soll ich mich noch schöner machen, denn meine Damen von Tisch 19 wollen mit mir in Bachmairs Nightclub. Der ist so berühmt wie berüchtigt, denn gegen Mitternacht umschwirren hier die Gigolos aus München und anderswo die Damen der Beautyfarm wie Motten das Licht. Sie wittern reiche Beute. Mit Recht.




Einer postiert sich schon gegen 23 Uhr an der Bar und sondiert dezent das Terrain. Fünfzig Minuten später stellt er sein Gläschen Schampus auf den Tresen und bittet eine üppige Blondine im schulterfreien Schwarzen zum Tanz. Ihre Bewegungen sind katzengleich, ihr Halsband ist aus purem Gold. Die beiden drehen zwei, drei Runden und sind wenig später verschwunden.

Nur ich bleibe sitzen auf meinem Platz wie ein Sack Zement. Frau Almstedt meint, ich hätte was von Giovanna Guglielmi oder Yves Saint Laurent anziehen sollen. Da schlüpfe ich wohl doch besser in mein Nachthemd von C&A.

Der zauberhafte Portier ist etwas verwirrt, als ich ihn um meinen Schlüssel bitte. Er will mich nur aufs Zimmer gehen lassen, wenn er zuvor nachsehen darf, ob die Wendeltreppe frei ist. Gerade eben nämlich ist darauf Frau Dr. H. aus M.-G. der Leidenschaft eines Bayernbuben erlegen. Meinem Portier ist nach drei Jahren Ausbildung in Nobelhotels nichts Menschliches mehr fremd.

In der vorigen Woche, erzählt er, klingelte beispielsweise eine Dame nach ihm, weil sie allein nicht in die Jeans kam.

Am besten, Sie legen sich aufs Bett“, riet er ihr. „Da klappt das wohl am besten.“ Es klappte, sie kicherte, er fand eine Ausrede, als sie ihn am Abend wieder sehen wollte. Aus solchen Jeans kommt man wahrscheinlich auch schlecht raus. „Sie war schon glücklich über mein Bedauern“, gesteht er. „Das liegt bei uns so im Service drin.“

Nur die Ossis vom Personal – und davon gibt es seit der Wende reichlich – hätten damit ihre Schwierigkeiten. Die wüßten einfach nicht, was Luxus bedeutet. Nicht mal die Handtücher im Bad könnten sie richtig abzählen. Sechs gehören da hinein, doch das fürs Bidet vergessen sie meist. Und auf dem Balkon wischen sie fast nie Staub.

Der kleine Portier vermutet, daß sie sich – also die aus dem Osten – für 900 Deutsche Mark im Monat kein Bein ausreißen wollen. Dabei hätten Azubis – also Wessis – wie er viel mehr Grund zum Klagen. Für sein kleines Appartement (55 Quadratmeter) in Rottach-Egern müsse der Papa 1000 Deutsche Mark pro Monat blechen. Pardon: überweisen.

Investitionen, die sich lohnen. In ein paar Wochen fliegt Söhnchen nach Amerika. Der Name Bachmair verschaffte ihm dort zwar nicht gleich einen Platz auf der Sonnenseite, aber einen an der Rezeption. In einem First-class-Hotel, versteht sich.

Am nächsten Tag entdecke ich im Fitneßcenter an mir längst vergessene Muskeln, die Frau Ofner anschließend weiter aufmöbelt. Fräulein Zschau färbt mir die Wimpern, Fräulein Jung Zehen- und Fingernägel. Logisch, daß solche Pracht Öffentlichkeit braucht. Also geh ich zuerst in Bachmairs Badelandschaft mit künstlichen Felsen, künstlichen Grotten, künstlicher Blütenpracht und künstlichem Wirbel im künstlichen See, pardon Whirlpool. Danach ins Hallenbad mit Alpenblick und Poolbar. Die Sauna für Männlein und Weiblein heb ich mir auf für Samstag.

Ich hatte schon bessere Ideen, denn am Samstagmorgen ist der Lack ab. Mein Gesicht ist aus – vorerst - unerfindlichen Gründen über Nacht geschwollen, ebenso der Hals. In der Pubertät hatte ich nicht einen Pickel, jetzt hat mein Körper alles nachgeholt.

Gegen elf gibt mir Dr. Zimmermann eine Kalziumspritze und tröstet mich so gut er kann: „Nur Glück macht schön, denn Glück kommt von innen. Cremes und Massagen sind nur äußerlich und helfen wenig.“ Ich wäre schon froh, hätten sie wenigstens das getan. Mich haben sie dagegen in einen Streuselkuchen verwandelt. Dr. Zimmermann schickt mich deshalb zur Apotheke und damit nochmals vorbei an den glitzernden Konsumtempeln von Rottach-Egern.

Vielleicht sollte ich meine lädierte Haut mit knallengen Leggings verdecken? Die Verkäuferin rät mir zu, doch ich widerstehe der Versuchung. Der des Nachbarladens nicht. Ich kauf mir eine Uhr für 150 Mark und schaue nochmals bei den Leggings vorbei.

„Ah, Sie haben eine neue Uhr“, bemerkt die Verkäuferin mit Adlerblick. „Das ist recht“, meint sie, „auch in den Alpen sind einsame Spaziergänge nicht ungefährlich. Da ist es gut, wenn man nur Tinnef trägt.“

Ach ja!

Zum Abschied möchten Frau Almstedt und Frau Pfaffenhof mit mir Visitenkarten austauschen. „Leninallee 293“, liest Frau Almstedt auf der meinen und ist völlig verdattert: „Sie wohnen im Osten, Frau Wendt?“

„Ich wohne nicht nur im Osten“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Ich bin aus dem Osten.“

„Nein“, sagt Frau Pfaffenhof.

„Doch“, sage ich.

„Und wenn schon“, sagt Frau Almstedt. „Ich habe keine Defizite bemerkt.“


[ Startseite | Artikel Hauptübersicht | Reiseberichte ]



Was denken Sie über dieses Thema? Bitte schreiben Sie hier Ihre Meinung:

Kommentar hinterlassen