Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Die Gulaschkanone war erst der Anfang: Sarah Wiener

Sarah Wiener liefert Buffets - aber nicht irgendwelche. Viele Stammkunden legen ihre Partys auf einen Tag, an dem sie Zeit hat, für sie zu kochen

Von Heide-Ulrike Wendt | 1997

„Du solltest zuerst abnehmen!“ sagte meine Freundin Tanja mit so einem grausam zärtlichen Lächeln im Gesicht, als ich voriges Wochenende tatsächlich versuchte, mich in ein Strickkleid von Claudia Skoda zu zwingen. Und sie hatte verdammt nochmal recht. Also zog ich diesen Traum in Violett und Gelb stillschweigend wieder aus und schwor mir: Ab sofort nur noch — f.d.H.. Dann schlenderte ich in die hinteren Räume der Designerin.

Ich hätte es nicht tun sollen, denn da stand ein Buffet. Nicht irgendeins mit so kleinen Bulettchen, kaltem Roastbeef und Roter Grütze mit Vanillesoße.

Nein, es war ein Sarah-Wiener-Buffet: Violetter Paprikasalat mit Parmesan, Rote-Bete-Salat mit Meerrettich und wildem Salbei, gefüllte Paprikastreifen mit Schafskäse und Oliven, Radicchiosalat, italienischer roter Penne-Salat mit getrockneten Tomaten und Pinienkernen, schwarzer Nudelsalat mit Sepia und Krabben, Brombeer-Ribisel-Törtchen mit gezuckerten Rosenblättern, Backpflaumen, gefüllt mit Marzipan und Amaretto, Himbeertimbale mit blauem Rittersporn, Zwetschgenröster, Birnen in Rotwein.

Ich aß von jedem Tellerchen, sagte Claudia Skodas Kreationen insgeheim Lebwohl und nahm mir anschließend eine Serviette mit Sarah Wieners Adresse und Telefonnummer (692 11 62) vom Buffet.

Die Bergmannstraße 12, in der sie kocht und backt, liegt in Kreuzberg, obwohl man denken könnte, dass Backpflaumen eher in Wilmersdorfer oder Charlottenburger Kuchen mit Marzipan und Amaretto angerichtet werden.

Doch das Reich der Sarah Wiener (35), ist gerade mal hundert Quadratmeter groß, inklusive winzigem Büro und einem kleinen Lagerraum. Und so richtig ausgebildet ist die gebürtige Wienerin eigentlich auch nicht.

Als sie vor 17 Jahren von Wien nach Berlin kam, um fortan bei ihrem Vater zu leben, feuerte sie ein paar Wochen vor dem Abitur endgültig ihren Ranzen in die Ecke und begann, im „Exil“ und im „Axbax“ zu kellnern.




Die Restaurants gehörten damals noch ihrem Vater, die intellektuelle Elite Berlins ging dort ein und aus. Ein paar Wochen später rückte sie in die Küche auf, wo ihr die Stiefmutter, eine begnadete Köchin und Autodidaktin (wie heute auch Sarah), das Experimentieren erlaubte.

Sarah Wiener: „Als ich im Exil anfing, konnte ich mir bis dahin noch nicht mal ein Spiegelei braten. Ich hab in meiner ganzen Kindheit und Jugend nie kochen müssen und auch nie gesehen, wie man kocht. Weggesperrt in ein Mädcheninternat, hatte ich beispielsweise keinen blassen Schimmer, woraus Mayonnaise besteht. Blätterteig kannte ich nur aus der Tiefkühltruhe“.

Doch wie sich im „Exil“ schnell herausstellte, hatte die kleine Sarah ein Händchen für Speisen, die glückliche Gabe für Zutaten. „Nur am Anfang habe ich mich manchmal vertan, aber ich schmecke lieber zehnmal ab, als 75 Gramm Zucker abzumessen. Wenn ich eine Entenbrust in den Ofen schiebe, muss ich nicht hineinpieksen, um zu prüfen, ob sie innen schon zart rosa ist. Ich fühle das.“

Irgendwann las sie dann in einer Anzeige, dass eine Werbeagentur eine junge, kreative Köchin suchte. Zwei Tage kochte sie bei denen zur Probe: Tafelspitz und Schweinsbraten mit Kümmel und Knoblauch, Buchteln mit Vanillesoße, Topfenstrudel, selbstgemachte Nudeln mit verschiedenen Saucen und eine Pfarrhoftorte mit Nussbaiser und Äpfeln.

    „Ich liebe meine Kunden, und wenn ich mich für sie zehn Stunden in die Küche stelle, dann möchte ich den Genuss in ihren Gesichtern sehen.“ Sarah Wiener

Danach wollte sie dort keiner mehr weglassen, und wenn die Agentur per Zeitungsinserat wieder einmal neue Leute für ihre Mannschaft suchte, schrieb sie hinein: „Für uns kocht eine der besten Köchinnen Berlins.“

Wenig später aber schien Sarah auch diese Welt schon wieder zu klein: „Ich war einfach zu ehrgeizig, immer nur für die gleichen fünfzehn Leute zu kochen. Also hab ich mir überlegt: Für wen möchtest du gern an Herd und Backofen stehen? Für kreative Leute, die gutes Essen zu würdigen wissen. Also kam ich auf die Idee, Schauspieler, Kameraleute, Regisseure bei Dreharbeiten zu bekochen. Ich würde mit denen nach Tibet, auf die Malediven oder in die Alpen fahren und sozusagen wie im Urlaub brutzeln und backen.“

Gleich nach dem Fall der Mauer kaufte sie sich deshalb von der NVA ein gut erhaltenes Armeefahrzeug mit Gulaschkanone, ließ es zu einer mobilen Küche umbauen und nannte das Ganze: „Tracking Catering“.




Eine amerikanische Regisseurin war die erste, die diesen neuen Service orderte – für die Dreharbeiten auf einem alten Fabrikgelände in Ost-Berlin.

„Alles war viel zu overstylt“, erinnert sich Sarah Wiener. Zum Frühstück servierte sie Gänseleberpastete und frischgepressten Orangensaft, zum Mittag ein Vier-Gänge-Menü auf Hutschenreuther. „Es war völliger Quatsch: Die Fahrer und Beleuchter hatten doch Appetit auf was Handfestes.“ Als sie fragte, wie es schmeckt, hörte sie: „Na, es geht so, Mädel.“

Früher war sie total fertig nach solcher Kritik. Sie brauchte lange, bis sie es nicht mehr persönlich genommen hat, aber niemand auf dieser großen verfressenen Welt kann so kochen, dass es allen schmeckt.

Heute schaut sie sich die Leute und die Welt, in der sie leben, genau an, bevor sie für sie kocht: „Ich liebe meine Kunden, und wenn ich mich für sie zehn Stunden in die Küche stelle, dann möchte ich den Genuss in ihren Gesichtern sehen. Ich will, dass sich die Leute nach dem Schlemmen die Bäuche halten und vor Lust stöhnen. Da bin ich dann total gut gelaunt. Und so ein Satz wie: ‚Du bist unser Geheimtip, Sarah’, ist mir lieber als ein Stern auf der Mütze.“

Von wegen Geheimtip. Es gibt mittlerweile schon zu viele Berühmte, Reiche, Schöne, Künstler, Schriftsteller, Schauspieler, Designer, Agenturen oder Leute wie Du und ich in Berlin, die ihre Party auf den Tag verlegen, an dem Sarah Zeit hat, für sie zu kochen. „Es gibt tatsächlich noch genug Leute, die schmecken, ob ein Salat liebevoll oder lieblos abgewaschen ist.“

Am meisten mag Sarah Wiener Leute, die sie kennen und einfach telefonisch bestellen: Nächsten Dienstag, 60 Leute, alles in den Farben rot, blau und violett. Pünktlich 14 Uhr. „Je mehr Vertrauen die Kunden in das haben, was ich mache“, sagt sie, „desto besser ist das, was sie von mir bekommen“.

Als sie vorigen Montag ihren Tagesplan checkte, hatte sie glatt eins von drei Buffets vergessen. Nur mit viel Schweiß und Inspiration schaffte sie den Termin. Der Kunde fiel allerdings aus allen Wolken, als sie mit Dutzenden Platten und Schüsseln vor der Tür seines Hauses stand: „Ja, aber, wir haben doch erst für Mittwoch bestellt. Müssen wir das jetzt alles bezahlen?“ Sarah Wiener reagierte geistesgegenwärtig: „Nö, das hier ist nur die Generalprobe, enjoy it!“

Warum passiert sowas immer nur den anderen?


Lesen Sie jetzt die Erfolgsgeschichte von Sarah Wiener in meinem Buch:
“Erfolg ist weiblich. Warum Frauen nicht mehr länge die zweite Geige spielen.”
mvg Verlag 2008, 160S., brosch., 15,90 Euro.


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