Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Die Kunst der Frage: Sandra Maischberger

Mal Shooting Star, mal „junge Gans“: Die Karriere der Journalistin Sandra Maischberger, 34, verlief im Zickzack. Jetzt stehen die Prominenten für ein Interview mit ihr Schlange

Von Heide-Ulrike Wendt | 2000

Mit Marcel Reich-Ranicki diskutierte sie kürzlich darüber, ob im Deutschen eher die Redewendung „leck mich am Arsch“ oder „leck mich im Arsch“ üblich ist (im idiomatischen Wörterbuch ist von „im Arsch“ überhaupt nicht die Rede, was irgend wie beruhigend ist). Reinhold Messner, der unlängst noch einmal versuchte, den Nanga Parbat zu besteigen, wo sein Bruder Günther vor dreißig Jahren ums Leben kam, fragte sie, ob er es nicht „komisch fand“, auf dem Rückweg einen Knochen im Rucksack zu haben, der vielleicht von seinem Bruder stammt.

Und Theo Waigel, den sie erst vergangenen Dienstag im Gespräch (aus Versehen?) Theodor (deutsch: Geschenk Gottes!) Waigel nannte, war sichtlich irritiert, als sie ihm erklärte, was in seiner Zeit als Bundesfinanzminister „ein Waigel“ bedeutete: Die Entfernung von einem Haushaltsloch zum anderen. Und dabei lächelt diese Sandra Maischberger so sanft wie Maria auf einem Marienbildnis und sagt über sich selbst: „Ich bin nie zynisch, aber ich habe auch wenig Respekt.“

Scheint den Leuten auch egal zu sein, ob sie nun zynisch oder eben nur respektlos ist – seit Sandra Maischberger am 17. Januar um 17.15 Uhr bei n-tv das erste Mal mit ihren Interviews auf Sendung ging, stehen sie Schlange, um sich von ihr befragen zu lassen: Theodor Waigel, Roland Koch, Volker Schlöndorff, Joschka Fischer und wie sie sonst alle heißen, die was zu sagen haben.

Wenn sie ruft, dann kommen sie in das winzige Studio unterm Dach in der Taubenstraße 1, wo Berlins neue Mitte noch nicht so funkelt wie ein paar Straßen weiter in der Friedrichstraße oder am Gendarmenmarkt. An die 400 000 Zuschauer schalten mittlerweile um auf n-tv, wenn Sandra Maischberger von Montag bis Donnerstag (freitags kommen die „Best of“) ihr Kammerspiel beginnt: im abgedunkelten Studio sitzen der Gast, manchmal auch zwei, und sie, und keiner muss in dieser intimen Runde laut kläffen, um sich – wie in anderen Talkshows – durchzusetzen.




Der „Süddeutschen“ hat sie das Konzept ihrer Sendung einmal mit 19 Worten so beschrieben (zwanzig hatte sie zur Verfügung): „Morgens die Agenturen lesen, abends den Menschen zum Thema des Tages zeigen. Biografisches: Warum handelt dieser Mensch so?“

Um sie zu beschreiben, braucht man ein paar mehr. Ging ja auch ganz schön zickzack im Leben der Sandra Maischberger. Als Journalistin beginnt sie als Shooting Star. Zwei Tage nach der Journalistenschule in München wird sie Moderatorin der Jugendsendung „Schlachthof“ beim Bayerischen Rundfunk, wie vor ihr Günther Jauch, Amelie Fried, Giovanni di Lorenzo.

Da ist sie 22. Als sie zwei Jahre später dem Lockruf nach Berlin folgt, und sich als „junge Gans“ neben dem „alten Esel“ Erich Böhme (O-Ton Böhme) setzt, um dem „Talk im Turm“ etwas mehr Frische und Schönheit zu verpassen, heulen beim Bayerischen Rundfunk alle, und Werner Schmidbauer und Herbert Grönemeyer singen vor laufender Kamera schluchzend im Duett: „Sandra, Sandra, du musst gehen, lässt mich allein im Schlachthof stehen.“

Was dann kam, war tatsachlich zum Schluchzen. „Wir haben – wie 2 180 000 Deutsche – ,Talk im Turm’ geguckt“, steht nach der Sendung in der „Bunten“. „Da war Erich Böhme, 60, und da war nichts, bzw. Sandra Maischberger, 24, die hübsche neue Enttäuschung. Eine Art akustisches Loch – sie sagt was, aber man hört nichts.“

    „Ich bin nie zynisch, aber ich habe auch wenig Respekt“ Sandra Maischberger

Erich Böhme hat die junge Naive neben sich nie in Schutz genommen. Er hat sie ins offene Messer laufen lassen. „Es war meine Schuld“, sagt Sandra Maischberger heute, aber Berlin war so verlockend, weil ja da und nicht in München alle wichtigen Nasen saßen. Ich dachte damals: jetzt setz ich mich neben den dicken Böhme und lern was.” Aber der dachte gar nicht daran, ihr was beizubringen. „Der wollte allein vor der Kamera sitzen und die Peitsche schwingen.“

Am Abend nach mancher Sendung hat sie dann in ihr Kopfkissen geheult und sich vor dem nächsten Tag gegrault. „Montags musste ich immer nach München, um dort eine Rundfunksendung zu moderieren. Im Flieger dachte ich jedes Mal, dass mich alle anstarren und denken: ,Mensch Sandra, Mädchen, warst du gestern schlecht.’“

Jetzt ist sie mit Böhme befreundet und jetzt bringt er ihr auch was bei. Zum Beispiel, welcher Rotwein am besten zu Rehnüsschen in Schalottensauce passt. Aber neulich hat sie sich doch an ihm gerächt. Als der „Tagesspiegel“ sie zur Halbwertzeit von Frauen im Fernsehen befragt, sagt sie: „Tja, wenn ich eines Tages im Böhmealter bin, werde ich sicher nicht mehr vor der Kamera stehen.“

Da war er gekränkt. Aber nicht, als sie vor neun Jahren bei „Talk im Turm“ das Handtuch wirft. Zwölf Monate hält sie die Schläge unter der Gürtellinie aus, dann, sagt sie, „war meine Pubertät im Fernsehen beendet.“ Aber aufgegeben? Niemals!

Sie hat früh gelernt, sich nach vorne durchzukämpfen. Als sie 1974 nach einer glücklichen Kindheit in der Nähe von Rom zurückkommt ins nasskalte Deutschland, lachen sie alle aus: „Du kannst ja gar kein richtiges Deutsch und hast wahrscheinlich auch Läuse, wenn du so lange in Italien warst“, ätzten ihre Mitschüler in Garching, als sie in ihre neue Klasse kommt. Also spielt sie den Klassenclown, bis sie beginnt, für die Schülerzeitung zu schreiben. Wenig später schafft sie es zum Schülersprecher.

Noch während sie für das Abitur paukt, bewirbt sie sich mit Tonband-Casette beim Bayerischen Rundfunk, der Discjockeys für die Sendung „Rock-Lok“ sucht. Sie kriegt den Job, und viele beneiden sie darum. Aber als sie bei Tele 5 unter anderem „Mensch Mädchen“ moderiert, schmeißen sich wieder alle hin: „Ausgerechnet du, Sandra, mit deinen grauseligen Klamotten?“




Manch einen machen solche Kindheitsmuster klein, bringen ihn dazu, es sich in der zweiten Reihe bequem zu machen. Eine wie Sandra Maischberger nicht. Die schneidet sich nicht die Fersen ab, um in den gläsernen Schuh zu passen: „Mich interessiert nicht, ob einer den richtigen Fummel anhat“, sagt sie. „Ich schaue in die Gesichter der Leute. Ich begreife auch nicht, dass manche Frauen mit Ambitionen ihren Busen nach oben kurbeln oder sich einen aus Silikon beschaffen, damit sie endlich mal einer bemerkt.“

Das Leben nach Böhme geht weiter – zickzack. Erst fragt sie bei „Premiere“ Leute aus, dann bei Vox in „Spiegel TV“, verliebt sich nebenbei in Roger Willemsen. Als sich die beiden trennen, schreiben die Gazetten unter der Rubrik „Leute von gestern“: „Bereits nach sechs Monaten (es waren 18) zerbrach seine Liebe zu Sandra Maischberger.“ Na aber sicher, Männer verlassen Frauen – was sonst?

Irgendwann hat sie die Faxen dicke, kann sich ein schöner Land als Deutschland vorstellen. Sie packt die Koffer und reist mit Jan Kerhart, einem Kameramann aus Prag, in die Wüste. Als die beiden nach Hamburg zurückkehren, ziehen sie in ein Häuschen mit Garten, und Jan kocht Sandra Obstknödel, wann immer sie mag - und das seit siebeneinhalb Jahren. Im Moment muss er bis zum Wochenende damit warten, und wenn er sehen will, wie es bei „Maischberger“ läuft, n-tv einschalten.

Gut läuft es. Keiner hackt mehr nach: Frau Maischberger, was machen Sie jetzt eigentlich? „Die tödlichste Frage, wenn man beim Fernsehen arbeitet“, sagt Sandra Maischberger. Im Moment stellt die aber keiner. „Im Moment sind sie alle sehr nett zu mir und sagen: ,Wir haben es gewusst.’ Alle haben es gewusst. Immer schon.“

Sie selbst sieht die so plötzlich heimgekehrte Prominenz allerdings nur als Leihgabe: „Wir sind am 17. Januar genau zum richtigen Zeitpunkt mit genau dem richtigen Format auf Sendung gegangen, so makaber das auch klingen mag. Der CDU-Spendenskandal tobte und wer Kabel hatte, guckte n-tv.“

Und da saß eine, schön, kompetent und gescheit, und stellte genau die richtigen Fragen.


Zur Person: Sandra Maischberger

  • geb. 25.08.1966 in München
  • 1969-74 Aufenthalt in Italien
  • 1985 Abitur in München, dann freie Mitarbeit bei Radio des BR
  • 1987-89 Dt. Journalistenschule/Mü.
  • 1989-91 TV-Moderatorin „Live aus dem Schlachthof“
  • 1991-92 Moderatorin „Talk im Turm“
  • 1993-96 Interviews und Moderation bei „Spiegel TV“, dann freie Journalistin, u.a. für WDR, „Amica“
  • seit Januar 2000: Moderation n-tv: „Maischberger“

Sandra Maischberger lebt in Hamburg


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