Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Die stille Liebe: Regine und Jörg Hildebrandt

Wie ist es, mit Mutter Courage verheiratet zu sein? Wer deckt da den Tisch, wer kocht den Kaffee? BZ am Sonntag - Autorin Heide-Ulrike Wendt besuchte Regine und Jörg Hildebrandt zu Hause am Flakensee. Dialog eine 34-jährigen Ehe

Von Heide-Ulrike Wendt | 2000

Regine: Wir haben uns 1950 kennengelernt, ich war 9, du 11. Da kam ein neuer Pfarrer aus Rügen an unsere Versöhnungskirche in der Bernauer Straße und brachte gleich drei Söhne mit. Aber du gefielst mir am besten. Du warst so pflichtbewusst. Pünktlich zum Abendbrot bist du nach Hause gegangen, um deiner Familie die Erbsensuppe warm zu machen. Das hat mich sehr beeindruckt. Drei Jahre später hatte ich eigentlich schon beschlossen, dich eines Tages zu heiraten.

Jörg: Gleichwohl war es meine eigene Entscheidung.

Regine: Selbstverständlich. Geküsst hast du mich das erste Mal, als ich schon über 20 war. Sowas gibt’s heute gar nicht mehr. Als ich anfing zu studieren, habe ich neue Freunde und andere junge Männer kennengelernt. Da dachte ich: Die wären auch was für dich. Aber der Bau der Mauer hat uns wieder zusammengebracht. Wenn die nicht gewesen wäre, hätten wir wohl nicht geheiratet.

    „Wenn der Bau der Mauer nicht gewesen wäre, hätten wir wohl nicht geheiratet“
    Regine Hildebrandt

Jörg: Tatsächlich? Aber es stimmt schon – der Bau der Mauer hat uns wieder sehr aneinander gefesselt. Wir hatten soviel verloren. Die meisten unserer Freunde lebten plötz1ich im Westen. 1962 wurde die Wehrpflicht eingeführt, ich sollte einberufen werden. Aber das wollte ich nicht. Die hatten mir meine Freunde genommen und nun sollte ich diesen Gefängnisstaat auch noch mit der Waffe verteidigen? Sie haben mich eingelocht und du hast zu mir gehalten.

Regine: Als ich dich im Dezember 1965 bei deiner Ersatzdiensteinheit in Stralsund besuchte, da hast du mich gefragt: Ich weiß, du interessierst dich auch für andere, aber hast du dich inzwischen entschieden? Ja, hab ich gesagt – das mit den anderen ist erledigt.

Jörg: Wir haben dann sofort eine Verlobungsfeier angekündigt.




Regine: Deine Familie war völlig verdattert, denn unsere Liebe war nun wirklich keine auf den ersten Blick. Du hast sowieso immer spaßhaft gesagt, du wärst ohne jede Illusion in die Ehe gegangen.

Jörg: Es war natürlich eine Liebesheirat, aber eben auch eine ohne Luftschlösser. Deshalb klappt es zwischen uns ja so gut.

Regine: Am 22. Dezember 1966 war die Hochzeit. Meine Tante Maria hat damals gesagt, so eine bescheidene Braut hätte sie noch nie erlebt: ohne Schleier und ohne Hochzeitsstrauß. Folglich hätte man gar nicht gewusst, wer nun das Brautpaar und wer die Gäste sind. Auf unserer Hochzeitsreise nach Hiddensee aßest du aus lauter Liebe zu mir eiskalte Gänsekeulen, die ich als Proviant eingepackt hatte. Obwohl du wusstest, dass du sie nicht verträgst. Und dann hast du eine Woche bei klirrender Kälte auf dem Plumpsklo gesessen.

Jörg: Trotzdem war es wunderschön, plötzlich verheiratet zu sein. Ich war endlich nicht mehr Junggeselle, sondern konnte mit dir ein gemeinsames Leben planen.

Regine: Wir haben uns beide für das Zweisäulenprinzip Beruf und Familie entschieden, weil so der eine dem anderen gewissen Freiraum gönnen kann. Du hast mir ja nicht nur im Haushalt geholfen – wir teilten uns die Arbeit. Wenn ich emanzipatorisch geworden wäre, versucht hätte, etwas durchzukämpfen, dann wärst du wahrscheinlich zum Frauenfeind geworden. Es gab nie Krach zwischen uns. Wenn zwischen uns beiden etwas nicht stimmt, dann wird es nicht laut, sondern leise.

Jörg: Problematisch wird es in unserer Ehe eigentlich nur morgens, wenn du einfach nicht wachzukriegen bist.

Regine: Doch. Mit Geduld. Dreimal zärtlich wecken, dann einmal mit Nachdruck.

Jörg: Mehr als viermal würde ich es auch nicht schaffen. Also wirklich, dich rechtzeitig aus den Federn zu holen, ist für mich schon das halbe Tagewerk. Du schilderst mich immer als ruhig, aber im Prinzip hast du die Ruhe weg.

    „Dein Erfolg hat mich nie kleingemacht und auch nicht, dass du mehr Geld verdienst als ich“
    Jörg Hildebrandt

Regine: Stimmt, ich trage auch nie eine Uhr. Gehe jeden Morgen erst im Flakensee schwimmen, dusche dann ausgiebig und frühstücke danach seelenruhig.

Jörg: An meinem perfektionistisch gedeckten Frühstückstisch. Servietten, Kerze, Löffel für den Kaffee, Löffel für die Eier. Aber das muss sein. Die meisten fressen doch heute wie die Schweine.

Regine: Wir nicht. Bei uns wird anständig gegessen. So komme ich eben immer auf den letzten Drücker.

Jörg: Und ich wäre eben gerne drei Minuten früher da.

Regine: Deshalb hab ich dir einmal schon vorgeschlagen: Du kannst ja alleine losgehen.

Jörg: Und das habe ich dann auch gemacht.

Regine: Das ist eine Altersfrage. Früher wärst du nie ohne mich losgezogen. Früher sind wir immer zusammen zur Chorprobe gegangen.

Jörg: Aber seit einigen Jahren singe ich ja nun nicht mehr mit.




Regine: Und in die Oper kann ich dich auch nicht bewegen.

Jörg: Das Geschepper vertrage ich nicht.

Regine: Du bist sowieso ziemlich geräuschempfindlich.

Jörg: Und so sag ich dann manchmal auch: Schrei nicht so!

Regine: Seit wann sagst du das eigentlich?

Jörg: Seit wir verheiratet sind. Wenn ich das sage, senkst du nämlich die Stimme - jedenfalls für einen Moment.

Regine: Aber ich bin ja nicht die einzige in unserer großen Familie, die laut ist. Wenn wir feiern, sind manchmal 40 Leute bei uns in der Wohnung.

    „Als ich Ministerin wurde, wolltest du, dass ich immer geplättet und geföhnt das Haus verlasse“
    Regine Hildebrandt

Jörg: Manchmal will ich schon meine Ruhe haben. Wir sind ja keine Pension.

Regine: Unsere Wohnung ist Gott sei Dank ja so eingerichtet, dass du dich zurückziehen kannst. Früher hätte ich mir geschworen: Wir machen alles zusammen. Doch davon habe ich mich - Erkenntnis einer langen Ehe - befreit. Renoviert habe ich auch meist selbst . . .

Jörg: Allein geht mir das nicht von der Hand.

Regine: Aber du hast auch gemault. Ich war häufig dafür, dieses oder jenes zu verändern, doch du hast dann gesagt: Geht das schon wieder los? So ist das eben mit der Ehe - man heiratet und denkt, jetzt renovieren wir immer gemeinsam und dann musste ich feststellen, dass das gar nicht dein Ding ist.

Jörg: Deshalb sage ich ja, es ist besser, ohne Hirngespinste in die Ehe zu gehen. Du wusstest, wie ich bin, ich wusste, wie du bist: impulsiv, aktiv, anstrengend, voller Einfälle. Mit dir ist es nie langweilig. Seit ich mit dir zusammenlebe, gab es keinen Tag, an dem ich gesagt habe: Na, heute war ja mal gar nichts los.

Regine: Aber manchmal wird es dir eben auch zuviel. Wir hatten in unserem Freundeskreis viele junge Frauen, die mit ihren Männern nicht klar kamen. Darunter waren auch zwei, die dich sehr mochten. Meine Mutter befürchtete deshalb, dass du dich in sie vergucken könntest. Ich nicht. Und wenn – was hätte ich tun können? Jedenfalls nicht mit schönen Kleidern locken!

Jörg: Ich sag dir aber manchmal schon, dass du auch mal was anderes anziehen könntest als immer nur deine superbequemen Sachen.

Regine: Das stand auch in meiner Stasi-Akte: „Sie war ungünstig gekleidet…“ Das hatten die bei einer Betriebsfeier festgestellt. Als ich Ministerin wurde, wolltest du dann auch, dass ich immer relativ geplättet und geföhnt das Haus verlasse.

Jörg: Natürlich wollte ich das. Du standest Tag für Tag in der Öffentlichkeit. Das ist übrigens auch so eine Frage, die mir Leute pausenlos stellen: Wie verkraften Sie das eigentlich, dass Ihre Frau immer im Rampenlicht steht? Dein Erfolg hat mich nie kleingemacht und auch nicht, dass du schon immer mehr Geld verdienst als ich. Gibt es tatsächlich Männer, für die das ein Problem ist? Wir haben unsere Kinder, wir haben unsere Freunde, wir haben unser Leben und wir lieben uns.

Regine: Wenn man den Willen hat, zusammenzubleiben, dann bleibt man auch zusammen.

Jörg: In guten und in bösem Tagen – bis der Tod uns scheidet.


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