Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Von Rang und Klang: Peter Schwenkow

Ob Cats, die Rolling Stones oder Westernhagen – für Unterhaltung im Massenformat ist in Deutschland Peter Schwenkow, 46, zuständig. Privat pflegt Europas größter Konzertveranstalter eher anspruchsvolles Understatement

Von Heide-Ulrike Wendt | 2001

Nichts, wirklich gar nichts hatte mir Peter Schwenkow davon erzählt. Weder, dass ihm Johannes Rau kürzlich das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen hat. Noch, dass es ihm Eberhard Diepgen am 29. Januar im Amtszimmer des Berliner Rathauses an die Brust heften wird. Ich habe es durch Zufall erfahren, ihm wäre es peinlich gewesen, das zu erwähnen, erklären mir seine Mitarbeiter.

Peter Schwenkow tritt leise auf, und diese äußerst seltene Form der Bescheidenheit steht im umgekehrten Verhältnis zu seiner Macht. Wo immer in Deutschland Live-Unterhaltung im ganz großen Stil geboten wird, steckt Schwenkow dahinter. Er schickt die Rolling Stones auf Tournee, ihm gehören die Berlin Ticket-Theaterkassen, die Waldbühne, das Variete Wintergarten – und seit vergangenem Jahr der Hamburger Musicalveranstalter Stella (unter anderem „Cats“, „Der Glöckner von Notre Dame“). Sein Imperium umfasst mehr als zwanzig Firmen und machte im vergangenen Jahr über 500 Millionen Mark Umsatz.

Schwenkows neues Projekt ist ein Luxus-Nachtclub. Der entsteht gerade unter dem Stella-Musical-Theater auf dem Potsdamer Platz, und an seinem 47. Geburtstag im März will er ihn den Berlinern schenken. Kosten: 40 Millionen Mark. Sein Bauleiter, sagt Schwenkow, finde seinen Nachtclub so schön wie Neuschwanstein, er selbst so schön, dass es das achte Weltwunder werden könnte. Und in diesem Moment sieht er genau so aus, wie er sich selbst beschreibt: „Ich sitze in einer gigantischen Sandkiste und backe mit den größten Backformen lauter leckere Kuchen.“

Mitten im Satz gibt es allerdings eine Pause. Da holt er eine Packung Reyno Lights aus dem Sacko, zieht eine Zigarette heraus, steckt einen kleinen Plastikfilter darauf, steckt sie in den Mund, entzündet sie, nimmt den ersten Zug – und spricht erst dann zu Ende.

Es geht zu bedächtig vonstatten, um bloß eine Pose zu sein, und weil solche Pausen noch häufiger vorkommen an diesem Vormittag, an dem er mich in seinem lichtdurchfluteten Büro hoch über dem Ku’damm empfängt, deshalb entsteht der Eindruck: Peter Schwenkow hat die Ruhe weg. Und, dass diese Ruhe ein Grund für seine Erfolgsgeschichte ist.




Ein weiterer: Schwenkow ist ein guter Verkäufer. Das spürte der Hamburger Kaufmannssohn schon früh. Mit achtzehn verkaufte er „Enten“ – damals noch ein Kultauto, und als er Hamburg und Umgebung flächedeckend versorgt hatte, entdeckte er den pekuniären Nährwert von Jensens Spezialitäten.

Auf die bekam seine damalige Freundin Rabatt, den Geschenkkarton mit drei Büchsen Suppen und drei Büchsen Gänseleberpastete für 18 statt für 29 Mark. Schwenkow kaufte en gros für 18 Mark und verscherbelte en detail für 24 Mark weiter. „Für beide Seiten ein gutes Geschäft – der Käufer hatte fünf Mark gespart und ich sechs verdient.“ Dass seine Freunde Tennis spielten, derweil er Kisten schleppte, kratzte ihn nicht, denn: „Ein vertrödelter Nachmittag brachte mir kein Erfolgserlebnis. Aber zwanzig verdiente Mark.“

    „Was meine Augen, Ohren und meine Nase beleidigt, eliminiere ich aus meinem Leben“
    Peter Schwenkow

Geld verdienen macht Peter Schwenkow Spaß, und er gehört zu den wenigen, die das offen sagen: „Ich umgebe mich gern mit schönen Dingen – das hat zwar nicht immer mit Geld zu tun, aber oft. Was meine Augen, Ohren und meine Nase beleidigt, eliminiere ich aus meinem Leben.“

Was seine Ohren betrifft, ist das Krach – kreischende Sägen, geifernde Stimmen, klaffende Hunde. Was seine Augen angeht, ist das Unordnung – Schulmappen auf dem Treppenabsatz, wichtige Unterlagen verstreut über dem Schreibtisch, stornierte Flüge. Und was die Nase betrifft – Gestank. „Ich könnte niemals in eine Wohnung über einer Imbissbude einziehen.“

Gott bewahre. Das wäre auch für jeden anderen eine Zumutung, der wie Peter Schwenkow seit zehn Jahren in einer der schönsten Villen im Berliner Stadtteil Zehlendorf wohnt; im englischen Landhausstil erbaut von dem berühmten Architekten Herrmann Muthesius. Ein schnörkelloser Bau mit klaren, ruhigen Strukturen, Sprossenfenstern und schön geschwungenen Fenstergittern, die an den Jugendstil erinnern.

„Das ist mein Stück Hamburg“, sagt er, denn Muthesius entwarf dieses Anwesen für Alfred Moorbutter, der als einziger Maler des Hamburger Künstlerklubs von 1897 nach Berlin zog, und dessen Bilder er liebt.

In dem Haus wohnt er mit seiner zweiten Frau, zwei ihrer Kinder und drei Labradorhünden. Noch einmal zu heiraten, hält er überhaupt für die beste Idee, die er jemals hatte. Seit zehn Jahren lebt er mit einer Journalistin zusammen und ist sehr glücklich, diese starke Frau an seiner Seite zu haben.

„Die Kraft, die man hat, kommt ja nicht von ungefähr. Die fühlt man in sich, wenn man nicht nur für sich selbst, sondern für andere, für die Familie arbeitet.“ Die gibt ihm Rückhalt, auf die freut er sich, wenn er abends nach Hause fährt. Außerdem freut er sich dann auch hin und wieder auf wirklich gutes Schwarzbrot mit Butter, Tomaten, Zwiebeln und Salz. „Das schmeckt mir zehnmal besser als ein Sieben-Gänge-Menü oder Kaviar auf Eis.“




Den Augenblick vollkommener Zufriedenheit erlebt er, wenn er mit dem Fahrrad durch die Dünen von Sylt fährt, wo er (wie auf Mallorca) ein Ferienhaus besitzt. „Dieser Geruch nach Meer, Heide und Jod – das bedeutet für mich Glück.“ Als Hellmuth Karasek ihn kürzlich fragte, was für ihn entspannend wäre, antwortete er: „Viele mähen gerne Rasen. Ich bin froh, wenn ich sehe: Der Rasen ist gemäht.“ Sein Gärtner wird dieses Lob sicher gerne hören, denn für das Rasenmähen ist er zuständig.

Von seinen Kindern würde Peter Schwenkow nie verlangen, Pflichten zu übernehmen, für die ihm die Zeit fehlt. Sie sind für ihn eigenständige Persönlichkeiten, die man zwar führen muss – aber an einer sehr, sehr langen Leine. Die hält meist seine Frau in der Hand, denn Kindererziehung, sagt er, sei nicht „seine Baustelle“. In einem Punkt ist er sich sicher: Keines seiner Kinder wird er je drängen, in seine Fußstapfen zu treten. Sie sollen ihren eigenen Weg machen.

Er selbst hat sofort nach dem Abitur damit begonnen, als er sich auf Jobsuche begab und durch Zufall einen fand, der ihm wie auf den Leib geschneidert war: Tourneeleiter. Er fuhr mit Mike Krüger, den Dubliners oder Hanns Dieter Hüsch übers Hamburger Land. Als er ein Jahr später in Berlin Werbung und Kommunikationswissenschaften zu studieren begann, jobbte er nebenbei für die Konzertagentur Jänicke, damals noch Marktführer. Herr Jänicke versprach ihm nach dem Firmenumzug in den Grunewald, einen eigenen Schreibtisch – was er dann allerdings ganz schnell wieder vergaß.

Das hätte er besser nicht tun sollen, denn wenn Schwenkow etwas hasst, dann ist es Illoyalität. Die merkt er sich – da ist er „geradezu elefantös“. So kaufte er sich zwei Monate später selbst einen Schreibtisch und gründete mit einem Partner die Konzertagentur Concert Concept.

Später erwarb er die exklusiven Nutzungsrechte für die Waldbühne und erweckte sie aus dem Dornröschenschlaf. Er erfand für sie das Open-Air-Kino und ließ die Berliner Philharmoniker hier unter freiem Himmel konzertieren. Jänicke war da längst weg vom Fenster.

Aber für Schwenkow scheint die Sonne, allüberall. Was er anpackt, wird Kult. Nur auf sein achtes Weltwunder müssen wir noch ein bisschen warten. Wahrscheinlich werden erst mal wieder alle meckern. Das ist immer so in Berlin: Eine einzige, gigantische Show. Aber Schwenkow kann’s besser.


Zur Person: Peter Schwenkow

  • geb. 23. März 1954 in Hamburg
  • 1978 Gründung von Concert Concept in Berlin
  • 1981 Pacht der Waldbühne
  • 1992 Variete Wintergarten
  • 1995 Gründung der Deutsche Entertainment AG
  • 1998 Börsengang und Veranstalter der Rolling-Stones-Tournee
  • 2000 Übernahme des Musical-Veranstalters Stella

Peter Schwenkow lebt mit seiner Familie in Berlin.


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