Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Kindliche Kaiserin: Nadja Uhl

Die Schauspielerin Nadja Uhl ist 29, sieht aus wie 19 und spielt meist Verliererinnen. Jetzt ist sie auf dem Weg zum Ruhm – und bleibt privat trotzdem bloß „die Uhlsche“

Von Heide-Ulrike Wendt | 2001

„Irgendwie sehe ich doof aus mit der Mütze“, sagt Nadja Uhl, als ich am Potsdamer Haupthahnhof zu ihr ins Auto steige. „Überhaupt nicht“, sage ich (wahrheitsgemäß).

Einen Moment überlegt sie, ob sie die graugrünblaue Strickware doch lieber abnehmen soll, findet aber nach einem Blick in den Rückspiegel: „Immer noch besser als ohne“, und zieht sich das Ding ein bisschen tiefer ins Gesicht.

Gestern war sie mit ihrer Mutti beim Friseur, der sei eigentlich auch Spitze, aber bisher hat er sie eben nur für Filmrollen frisiert, „und da musste ich meist aussehen wie eine Ratte“, sagt sie. „Nein, eher wie eine, die sich ihre Haare selber schneidet und färbt. Das hat er immer super hingekriegt. Wirklich.“

Das hätten wir geklärt. Nadja Uhl, 29, geboren in Stralsund, Theater-, Fernseh-, Filmschauspielerin und im vergangenen Jahr ausgezeichnet mit einem „Silbernen Bären“, Nadja Uhl hat einen tollen Friseur. Der weiß genau, was zu ihr passt. Zumindest im Film. Auch in ihrem neuesten, „My Sweet Home“ von Regisseur Filippos Tsitos, der gerade als einziger deutscher Wettbewerbsbeitrag auf der 51. Berlinale gezeigt wurde, und im September in die Kinos kommt, sieht sie wieder so aus, als würde sie sich ihre Haare selber schneiden. „Völlig in Ordnung“, findet sie. „Ich such’ mir meine Rollen nicht danach aus, ob ich schön aussehen kann.“

Auch nicht danach, ob sich damit gutes Geld verdienen lässt. „My Sweet Home“ ist eine Low-Budget-Produktion, die von der Sehnsucht junger Ausländer – Griechen, Amerikaner, Brasilianer, Portugiesen – erzählt, in der rauhen Wirklichkeit Berlins eine neue Heimat zu finden. Nadja Uhl spielt die Touristenführerin Anke, die mit dem amerikanischen Kellner Bruce in ihrer Stammkneipe Polterabend feiern will – obwohl sie sich erst einen Monat kennen. Was wild und romantisch beginnt, endet in einer Tragödie.




Schon komisch, dass eine wie Nadja Uhl, mit einem Gesicht so klar, offen und schön wie das einer kindlichen Kaiserin, immer solche Rollen bekommt: Frauen, die einem Leben nicht entrinnen können, das ihnen Risse in die weiche Haut zeichnet. Es sind immer die eher tragischen Figuren, für die sie geeignet scheint.

Auch Volker Schlöndorff ging es so. Als er Nadja Uhl im Frühjahr 1999 auf der Bühne des Potsdamer Hans-Otto-Theaters erstmals sieht, lädt er sie kurz darauf zu Probeaufnahmen ein für seinen Film „Die Stille nach dem Schuss“. In der Geschichte um die Textiliarbeiterin Rita Vogt, die in den Siebzigern in der DDR untertaucht, soll Nadja Uhl die zweite Hauptrolle spielen: Die Textilarbeiterin Tatjana, die nichts wie weg will aus diesem piefigen, eingemauerten Land und ihre Sehnsüchte in Wodka und Gin ertränkt.

Volker Schlöndorff will Nadja Uhl für diese Rolle. Nicht, weil sie als eine in der DDR Geborene diese Sehnsüchte auch gehabt haben könnte. Sie ist 17, als die Mauer fällt, das Thema Ost und West für sie abgehakt. Schlöndorff will sie, weil sie Talent hat: „Sie war gleich beim ersten Vorspiel unglaublich überzeugend. Sie hat Charme und ein Gesicht, das die Kamera liebt, weil man alles darin ablesen kann.“ Sie lebe ihre Emotionen, sagt Nadja Uhl von sich. Die lebt sie auch, als Freunde ihr ins Telefon jubeln: „Hey, Uhlsche, du bist für den Silbernen Bären als ,Beste Darstellerin‘ nominiert. Glückwunsch!“ Da hält sie fassungslos den Hörer in der Hand und sagt: „Wollt ihr mich verscheißern?“

    „Ich sage mir jeden Tag: Danke, danke, danke, Nadja, dass du so viel Glück in deinem Leben hast.“
    Nadja Uhl

Also, ihre Mutter hört solche Sätze gar nicht gern. „Ach Nadja“, hätte sie geseufzt, wäre sie dabei gewesen, „sei doch nicht immer so offen, so direkt.“ Will sie aber sein, immer und gegenüber jedermann. „Ich bin ich“, sagt sie, „eine Rolle spiele ich nur im Film.“ Da aber so nachhaltig, so überzeugend, dass sie sich vor Filmangeboten inzwischen kaum retten kann. „Wie sich das alles anhört: Nadja Uhl auf dem Weg zum Ruhm“, sagt sie, als wir gerade am Park von Sanssouci vorbeibrettern. Gleich hier um die Ecke wohnt sie. Ob wir dort je ankommen, ist ungewiss, denn aus ihr unerklärlichen Gründen geht in dem alten VW Passat fast nie der dritte Gang rein. Es knirscht und knackt im Getriebe, als hätte sie vergessen, die Kupplung zu treten. Hat sie aber, und zwar ordnungsgemäß. Ich bin Zeuge!

So ähnlich hat es auch in ihrem Leben geknackt und geknirscht, als sie gleich nach dem Abitur an der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin durch die Aufnahmeprüfung rasselt. Doch Nadja Uhl versucht in Leipzig ihr Glück. Spricht bei Professor Gerhard Neubauer vor. Zwei Rollen hat sie sich ausgesucht, das Gretchen, aus Goethes Faust. Und die Hexe, auch aus Goethes Faust.

Steht auf der Bühne und deklamiert das Hexeneinmaleins: „Du musst verstehn! Aus Eins mach’ zehn/Und zwei lass gehen und Neun ist Eins/Und zehn ist keins.“ Rollt dabei die Augen und das „R“ wie keine vor ihr es je vermochte. Geht schlurfenden Schrittes über die Bühne, rudert mit den Armen und merkt erst spät, dass sich der Professor biegt vor Lachen.




Erst da fällt ihr ein, was Brecht über die Schauspielkunst schrieb: „Bei der Darstellung der Greise, der Schurken und der Wahrsager (oder Hexen) muss man nicht mit verstellter Stimme sprechen.“

Lebt wohl ihr Bretter, die die Welt bedeuten, denkt sie, als sie von der Bühne steigt. „Sie haben bestanden“, sagt der Professor. Während des Studiums wird sie von Horst Ruprecht entdeckt, Intendant des Leipziger Schauspielhauses. Der lässt sie im Sommertheater die Wirtin in Turinis gleichnamigen Stück spielen und die Leute kommen in Scharen, um sie zu sehen.

Aber sie bleibt nicht in Leipzig. Sofort nach der letzten bestandenen Prüfung holt sie Stephan Märki 1994 ans Hans-Otto-Theater nach Potsdam. Auch hier feiert sie Erfolge, als Gretchen im „Faust“ oder als Adelheid im „Biberpelz“. Doch die Zeiten sind schlecht. Die blühenden Landschaften lassen im Osten auf sich warten. „Sein oder nicht sein“, das ist die Frage – für Schauspieler und Publikum gleichermaßen. Und dann entdeckt sie Schlöndorff. Vorhang auf.

„Danke, danke, danke, Nadja, dass du so viel Gluck in deinem Leben hast“ – das sagt sie sich jeden Tag. Und teilt es mit allen, die sie liebt. Mit ihrer Mama, mit der sie so gern zum Friseur geht. Mit ihrer Großmutter, die ihr so viele Sommer lang zwischen duftenden Bauernrosen und wildem Thymian von Mausen und Menschen erzählte. Und mit Mike, der aus Amerika nach Babelsberg kam, um Filmproduktion zu studieren und nun nie wieder weg will – jedenfalls nicht ohne Nadja.

„Mike, bist du da? Kannst du uns einen Kaffee machen?“, ruft sie schon an der Tür zur gemeinsamen Wohnung. „Der dritte Gang wollte wieder nicht rein.“ Doch Mike ist nicht da, und so läuft sie selbst über die warm leuchtenden Dielen in die große helle Küche, setzt Wasser auf, stellt Tassen und Teller auf den blankpolierten Tisch, holt Milch und Butter aus dem Kühlschrank und sucht nach dem frischen Brot.

Nicht eine Tür in dieser Wohnung ist verschlossen. Wer hier eintritt, soll sich zu Hause fühlen, darf Einblick nehmen in das Leben zweier Menschen, die ganz offensichtlich glücklich miteinander sind. Auf dem Gästeklo (abschließbar) hängt ein Simpsons-Plakat, auf dem steht: „For Mike’s (und Nadjas) fucking lovely home. All the best. Your friend Homer.“ Besser kann man es nicht sagen.


Zur Person: Nadja Uhl

  • geb. 1972 in Stralsund
  • 1990 bis 94 Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig
  • 1994 bis 99 Hans-Otto-Theater in Potsdam
  • 1999 zweite Hauptrolle in Volker Schlöndorffs Kinofilm „Die Stille nach dem Schuss“, („Silberner Bär“ als „Beste Darstellerin“)
  • 2000 „My Sweet Home“


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