Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Der stille unersättliche: John de Mol

Seine Shows laufen auf allen Kanälen: „Big Brother“–Erfinder John de Mol, 44, ist Europas mächtigster Fernsehproduzent

Von Heide-Ulrike Wendt | 2000

John de Mol hasst Interviews. Logisch. Reich und berühmt ist er ja schon, und was die Leute über ihn denken, ist ihm egal. Das steht jedenfalls in allen Interviews, die er gibt – warum auch immer. Blöde Ausgangssituation also für eine wie mich.

Und dann bin ich auch noch eine halbe Stunde zu früh. Sein Pressesprecher ist genervt. Klar. Der Mann hat zu tun. Er holt mir einen Kaffee und muss dann telefonieren.

Nach zehn Minuten kommt John de Mol mit ein paar Blättern ins Zimmer.

Sieht gut aus, der Mann: Größer als der Durchschnitt, nicht zu dünn und nicht zu dick. Sein Haar ist leicht gewellt, sein Gesicht leicht gebräunt. Gestern ist in der Schweiz, in Belgien und in Portugal „Big Brother“ angelaufen. Sehr gute Einschaltquoten, sagt er zu seinem Pressechef.

Einen kurzen Moment überlege ich, ob ich ihm dazu gratulieren soll. Aber wie? Ich müsste mit meinem kleinen grünen Kaktusfeuerzeug solche Kreise durch die Luft zeichnen, wie neulich beim Grönemeyer-Konzert, damit er mich bemerkt. Denn ich bin noch nicht dran. Erst in zehn Minuten. Erst um 14 Uhr stehe ich in seinem Terminkalender.

Dann hat er Zeit für mich.

„Anderthalb Stunden“, sagt mir der Pressesprecher, als wir vor John de Mols Zimmer stehen. Danach hat er einen wichtigen Termin. Logisch.

„John de Mol“, sagt John de Mol, und gibt mir die Hand. Und sein Pressechef: „WELT am SONNTAG. Das Interview bitte in Deutsch.“ Dann schweigen beide.

Okay. jetzt bin ich dran. Ich frage am besten zuerst nach „Big Brother“. Nicht nach dem deutschen, sondern nach dem britischen. Dort schlägt die Sendung noch höhere Wellen als anderswo, weil erstmals in der Geschichte von „Big Brother“ einer disqualifiziert worden ist.




Nick Bateman, ein 33-jähriger Börsenmakler, der seine Mitbewohner gegeneinander aufhetzte und zugleich behauptete, seine Frau sei durch einen Autounfall ums Leben gekommen. Letzteres brachte ihm Sympathien ein und verschonte ihn vor dem Rauswurf. Bis die Lüge aufflog und „Nasty Nick“ den Container verlassen musste.

Das findet John de Mol zwar alles sehr interessant, aber er wusste von Anfang an, dass sich im „Big Brother“-Container keiner verstellen kann. „Höchstens eine Woche“, sagt er, „dann fällt die Maske. Dann zeigt sich, ob man ein Nachmacher, ein Aufrührer oder ein Anführer ist.“

„Big Brother“ – der schnellste Weg zur Selbsterkenntnis. Trotzdem möchte John de Mol selbst nicht so gern im eigenen Container sitzen: „Ich würde mich da ja auch öffnen und weiß nicht, ob ich das will – da käme mein wirklicher Charakter heraus.“

Komisch. Dem „Spiegel“ hat er mal offenbart, dass „Big Brother“ die erste seiner ungezählten Shows sei, in der er selbst gern mitspielen würde. Obwohl er mit Sicherheit als einer der ersten aus dem Container fliegen würde – weil er viel zu scheu, zurückgezogen und gefährlich still wirkt. Ein seiner selbst oft unsicherer Grübler.

Der vom „Spiegel“ hat ihm, schlau wie er ist, kein Wort geglaubt, aber ich denke, das ist ungerecht. Das mit dem „unsicher“ könnte jedenfalls durchaus stimmen, denn da gibt John de Mol noch ganz andere Sachen von sich preis.

Beispielsweise, dass er mit seiner ersten Frau Willeke Alberti, einer in Holland sehr erfolgreichen Sängerin, gar nicht klar kam. Weil sie so berühmt war und er voller Angst, eines Tages „Herr Alberti“ zu werden.

„Ein typisches Junger-Mann-Problem“, sagt er. „Ich war 19, als wir geheiratet haben. Wir wohnten in ihrem Haus, das ich selbst nie hätte bezahlen können. Ich dachte immer: Das hast du nicht verdient.“

Weil er das nicht verkraftet hat, trennte er sich von ihr und damit auch von seinem Sohn John, worunter er noch immer leidet: „Ich bedaure sehr, dass meine erste Ehe nicht funktioniert hat, denn es war John, der die Rechnung bezahlen musste. Das kann ich nicht mehr korrigieren.“

Aber heute, sagt er, ist er sehr glücklich mit diesem einen Sohn, der inzwischen Anfang zwanzig ist und eine Hauptrolle in der holländischen Ausgabe von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ spielt. Und die Kinder seiner Schwester Linda de Mol liebt er wie eigene.

„Die letzten beiden seriösen Beziehungen, die ein paar Jahre dauerten, die liefen gut“, sagt John de Mol. Da waren die Frauen unbekannt, aber trotzdem stark. „Ich liebe es, wenn eine Frau stark ist, aber wenn ich spät am Abend nach Hause komme, dann möchte ich schon, dass sie für mich kocht und meine Hemden gebügelt sind.“

Das ist nun offensichtlich geregelt. Vielleicht, weil John de Mol inzwischen richtig berühmt ist. Aus dem einstigen Realschüler (einmal sitzen geblieben) ist der Chef eines weltweiten Konzerns (Endemol) geworden, der 1998/99 rund 885 Millionen Mark Umsatz machte.

    „Geld ist mir egal. Ich kann auch nicht mehr als ein Steak am Tag essen und ein Auto fahren“ John de Mol

John de Mol war gerade 24, als er 1979 seine erste Produktionsfirma „John de Mol Produkties“ gründete. Doch erst als das Privatfernsehen Mitte der achtziger Jahre durchstartete, startet auch er richtig durch.

Die neuen Sender brauchten Shows, Serien, Soaps, Comedys, TV-Movies, und John de Mol lieferte: „Traumhochzeit“ mit seiner Schwester Linda als Moderatorin, „Glücksspirale“, „Nur die Liebe zahlt“, die „100.000-Mark-Show“.

Zuerst in Holland, dann in England, seit 1991 für RTL in Deutschland. 1994 schloss er sich mit seinem ärgsten Konkurrenten Joop van den Ende („Mini-Playback-Show“) zusammen, sie gründeten Endemol – eine Traumhochzeit.

Mittlerweile bietet die Firma 400 Formate an. In sechzehn Ländern arbeiten mehr als 2000 Mitarbeiter für Endemol. Und: Sie arbeiten hart.




„Ich weiß“, sagt John de Mol, „ich bin ein strenger Chef – aber das ist die Voraussetzung für Erfolg. Ich bin ständig auf der Suche nach Ideen und setze meine Leute deshalb auch ständig unter Druck – 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Wir haben eine Verpflichtung gegenüber unseren Kunden. Wer sich abends vor den Fernseher setzt, möchte sich gut unterhalten fühlen, und ich will die Leute nicht enttäuschen.“

Der „Kick der Anerkennung“, sagt John de Mol, sei ihm wichtig, aber damit meint er nicht,
dass beispielsweise „Big Brother“ im September in Holland den „academy awards“ bekam oder unlängst für den Deutschen Fernsehpreis vorgeschlagen wurde (aber nicht erhielt).

Den Kick bekommt er, wenn er sieht, wie eine Idee aufblüht, 200 Mitarbeiter daran ackern, die Sendung das erste Mal läuft und die Leute am nächsten Tag darüber reden. „Da sitzt du dann beim Italiener, isst, am Nebentisch reden sie über dich, und du bist denen völlig unbekannt und kannst ganz entspannt zuhören.“

Früher war das jedenfalls so. Heute erkennen ihn in Holland, Deutschland, Spanien oder Portugal mehr Menschen als ihm lieb ist. „Ich habe bei anderen gesehen (meint er seine Schwester Linda?), was es bedeutet, berühmt zu sein: Alle starren dich an und wollen wissen, was du da gerade auf deine Gabel drehst. Mein Gott nein - lasst mich in Ruhe.“

Apropos: in Ruhe lassen. „Noch acht Minuten“, sagt John de Mols Pressesprecher, als ich anhebe, meine vierzehnte Frage zu stellen. Okay, okay. Nur noch ganz kurz: „Was bedeuten Ihnen Freunde?“

„Sie bedeuten mir alles, aber. ich habe nur wenige. Wenn einer sagt, er habe zehn Freunde, dann glaube ich das nicht. Es dauert sehr lange, bis einer mein Freund ist. Zuerst gucke ich, ob der mich nicht nur benutzen will, weil ich reich und berühmt bin. Wenn ich sicher bin, dass er mich meint und nichts anderes, dann vertiefe ich die Beziehung.“

Noch fünf Minuten. Und wie muss ein Freund sein?

„Ein Freund ist einer, der ohne zu fragen für mich da ist, der mir sagt, wenn ich etwas falsch gemacht habe, mir aber trotzdem hilft.“

Noch drei Minuten. Was bedeutet Ihnen Geld?

„Geld ist mir egal. Ich kann auch nicht mehr als ein Steak am Tag essen und ein Auto fahren.“

Noch zwei Minuten. „Aber vielen ist es ja nicht egal, weil sie keins haben. Hilfsorganisationen zum Beispiel. Lady Di hat gegen Landminen gekämpft, Christiane Herzog gegen Mukoviszidose. Und Sie?“

Noch eine Minute.

„Ich finde es banal, wenn man darüber redet. Dann bedeutet es nichts mehr.“ Ende(Mol).


Zur Person: John de Mol

  • Geb. 1955 in Hilversum
  • 1973 Realschulabschluss, arbeitet u.a. als Radiomoderator und TV-Assistent
  • 1979 Gründung der Produktionsfirma „John de Mol Produkties“
  • 1994 Zusammenschluss mit Joop van den Ende zu „Endemol“ (400 TV-Formate)
  • 1996 Börsengang

John de Mol ist geschieden und hat einen Sohn. Er lebt in Hilversum.


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