Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Meine, deine, unsere Charité

Wie in Berlin die hochmoderne Virchow-Klinik und die altehrwürdige Charité zu Europas größtem Klinikum zusammenwachsen – mit dem Ziel, den alten Ruhm neu zu begründen

Von Heide-Ulrike Wendt | 1998

Felix, mein jüngster Sohn, ist in der Charité geboren, und immer, wenn ich an diesem häßlichen Bettenturm in Berlins Mitte vorbeifahre, denke ich an diesen 20. Juni vor zwölf Jahren.

Damals wohnte ich noch in einem kleinen Ort nicht weit von Berlin, und als ich im dritten Monat schwanger war, sagte mir mein Arzt: „Ich gebe Ihnen hier einen Überweisungsschein für die Charité – die müssen da mal einen Ultraschall machen!“

Ich war die 73. Schwangere, die sich in dem bröckeligen Gebäude der Frauenklinik auf die Wartebank setzte, denn die Charité besaß damals das offenbar einzige Ultraschallgerät von Berlin (Ost) und drum herum.

Es war alles in Ordnung, sechs Monate später kam Felix in der Charité zur Welt und brüllte das ganze Haus zusammen.

Am nächsten Tag nahm ich den Zwerg in den Arm und ging mit ihm zum Fenster meines Zimmers. Ich wollte ihm seine Stadt zeigen und bekam eine Gänsehaut: Vor uns lag klar und deutlich der Reichstag. Auf dem grünen Rasen davor spielten ein paar junge Männer Fußball, andere lagen in der Sonne und lasen. Das erste Mal in meinem Leben konnte ich nach Westberlin hinübersehen. Ich fing sofort an zu heulen. Felix auch.

Nach ein paar Schniefern gingen wir wieder zur Tagesordnung über, dennoch war ich baff, daß es die Genossen im Politbüro erlaubt hatten, diese Bettenburg so nahe am Feindesland zu bauen.

Am 25. Dezember 1992, kurz vor Mitternacht, mußte ich wieder in die Charité. Diesmal mit Blaulicht. Wir waren mit unseren Söhnen gerade von der Lichterkette Unter den Linden zurückgekehrt, als das Telefon klingelte. Auf mein Hallo meldete sich nach kurzem Zögern eine Stimme. Die sagte: „Ich bin ein Nazi. Ich werde deinen Sohn aufklatschen. Ich mag seine Fresse nicht!“ Dann legte er auf.




Und ich legte mich lang. Die in der Charité haben mir dann drei Stunden später die Gallenblase herausgeschnitten. Die war offenbar übergelaufen.

An all das denke ich, wenn ich an der Charité vorbeifahre. Sie ist mir wichtig.

„Es soll das Haus die Charité heißen.“ Mit diesem Satz des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I., verfügt am 14. Januar 1727, begann der Aufstieg eines Berliner Hospitals zu weltweitem Ruhm.

Albrecht von Graefe operierte hier als erster den grünen Star, Ernst von Bergmann führte die „aseptische Methode der Operation“ ein, Rudolf Virchow gilt als Vater der Pathologie, Robert Koch entdeckte die Erreger von Tuberkulose und Cholera, und Ferdinand Sauerbruch begründete die moderne Thoraxchirurgie. Aus der Charité kamen zwei Nobelpreisträger.

Zweimal steht die Charité kurz vor dem Aus: Das erste Mal im Frühjahr 1945, als die Hauptkampflinie quer durch ihr Gelände geht, denn Reichstag und Führerbunker liegen ganz in ihrer Nähe.

Das zweite Mal im Sommer 1991, als eine Skandalmeldung die andere jagt: „Wieder Stasi-Spione an der Charité entdeckt“, „Spritzten Charité Ärzte AIDS-Blut?“, „Organhandel an der Charité?“

Von der Wende bis 1998 wurden in der Charité 1500 Arbeitsplätze abgebaut und 300 neu eingerichtet. Seit 1993 soll sie mit dem hypermodernen Virchow-Klinikum im ehemaligen Westberlin fusionieren. Die einen befürchten eine Ossifizierung ihres Klinikums, die anderen eine imperialistische Übernahme.

Am 1. Januar 1998 findet die Fusion statt. Berlin hat damit die größte medizinische Fakultät und das größte Krankenhaus Europas. Jetzt am Wochenende wurde dieses Ereignis auf dem zweiten gemeinsamen Sommerfest der Charité mit Berliner Weiße begossen. Und das auf dem Campus Charité Mitte!

Heißt das jetzt: einer für alle, alle für einen?

Im Friedrichshainer Nierentransplantationszentrum schlug die Nachricht ein wie eine Bombe: Der Berliner Senat hatte Ende April beschlossen, dieses Zentrum dichtzumachen. „Wir fielen aus allen Wolken“, so Gottfried May, Leiter des Nierentransplantationszentrums in der Urologie: „Der CDU-Gesundheitsstaatssekretär Orwat hatte uns noch im März zugesagt, daß unser Zentrum bleibt.“

Die Bombe platzte just in dem Augenblick, als Professor Peter Neuhaus, Direktor der Chirurgischen Klinik und Poliklinik der Charité, Campus Virchow, drauf und dran war, dieser Einrichtung den Rücken zu kehren. Er war erst 1988 nach Berlin gekommen, um eines der größten und erfolgreichsten Lebertransplantationszentren der Welt aufzubauen. Anfang des Jahres nun erhielt er einen Ruf nach Hannover. Der „Leuchtturm“ der Charité sollte Nachfolger seines Lehrers Rudolf Pichlmayr an der Medizinischen Hochschule Hannover werden. Als Lockmittel hatte man ihm dort auch ein komplexes Transplantationszentrum für ganz Niedersachsen angeboten.

Diesen Ruf auszuschlagen und im Virchow-Klinikum zu bleiben, verknüpfte Neuhaus mit der Bedingung, auch hier ein komplexes Transplantationszentrum entstehen zu lassen. So, wie das Bundes-Transplantationsgesetz es vorsieht. Ende Mai ist alles entschieden. Dr. Horst Vogler, Chefarzt der Urologie in Friedrichshain: „Wir haben protestiert, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin 10 000 Unterschriften gegen die Schließung übergeben. Es hat alles nichts genützt.“

Doch wenn der neue, gemeinsame Dekan der Charité, Professor Manfred Dietel, seinen Traum wahr machen will, daß die größte medizinische Fakultät Europas eines Tages mit Baltimore, Harvard und Stanford, den amerikanischen Bastionen der Hochleistungsmedizin, in einem Atemzug genannt wird, dann braucht er Koryphäen wie Neuhaus.

Professor Dietel: „Berlin ist im Wandel, und wir, die Neuen hier, sind eine Art Vitaminspritze für das geistige Leben Berlins. Bevor ich vor vier Jahren hierherkam, war ich Pathologe in Kiel, hatte dort an einem schönen Institut eine wohlsituierte Position. Sollte ich wirklich für den Rest meines Lebens dort bleiben? Hier an der Charité spielt die Musik. Wir müssen das Aspirin neu erfinden, und ich habe die Herausforderung angenommen.“

Das hätten andere auch gern. Beispielsweise der ehemalige Leiter der Neurochirurgie an der Charité, Professor Siegfried Vogel. Er ist einer, der auch dort noch operiert, wo andere die Instrumente längst aus der Hand gelegt hätten. Vor allem, wenn es um Tumoren am Hirnstamm geht. Wie er operieren in Deutschland nur wenige Neurochirurgen. Auf einer US-Rangliste der 150 weltbesten Neurochirurgen wird er als einer von drei deutschen Ärzten geführt. Trotzdem mußte dieser Mann gehen.

Die Struktur- und Berufungskommission (SBK) der Humboldt-Universitätsklinik hatte Professor Vogel als „politisch belastet“ eingestuft und verweigerte ihm ein sogenanntes Integritätsgutachten. Ein Grund: Vogel habe von 1986 bis 1988 als „Direktor für medizinische Betreuung“ eine „systemnahe Funktion“ bekleidet. Was für ein Wandel: 1992 hatte Vogel noch ganz oben auf der Berufungsliste gestanden, die nach dem Hochschulergänzungsgesetz von 1990 für alle Unieinrichtungen im Osten erstellt werden mußte. Bis dahin hatte keiner an seiner politischen Vergangenheit Anstoß genommen. Im Gegenteil: Die 2. SBK kam zu der Überzeugung, „daß Herr Professor Vogel mit Abstand zu den anderen Mitbewerbern auf den 1. Platz der Liste zu setzen ist“.




Im März 1994 taucht plötzlich eine neue Berufungsliste auf, mit einem Neurochirurgen aus Essen auf Platz eins. Vogel ist gestrichen. Seine Patienten laufen Sturm. Sie gründen eine Initiative mit der Losung: „Professor Vogel muß an der Charité bleiben!“ Für Ellis Huber, den Präsidenten der Ärztekammer, ist es eine „moralische Katastrophe“, wie mit Vogel umgesprungen wird.

Als am 21. März 1994 die SBK erneut in der Uniklinik tagt, versammeln sich Patienten und deren Angehörige in der Eingangshalle. Der Kommentar von Professor Harald Mau, damals noch Dekan der Charité: „Die Besetzung von Professorenstellen erfolgt nicht durch Volksabstimmung, sondern durch den Senat.“

Vogel hält den Kampf um Karriere, Geld und Macht noch drei Jahre durch. Am 1. April 1997 wird er Chefarzt der Neurochirurgie im Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Wilmersdorf. Professor Vogel: „Ich hatte es satt, mit Gegnern zusammenzuarbeiten. Das Sankt-Gertrauden-Krankenhaus bedeutete für mich: Selbständigkeit, 40 neurochirurgische Betten, eine gute OP- und ITS- (= Intensivstation) Kapazität. Ich kann hier arbeiten, wie an einer Universitätsklinik.“

Und was sagt Professor Karl Max Einhäupl, seit über fünf Jahren Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie, Campus Charité Mitte, zu Vogels Weggang?

„Nur eins: Ich habe nicht versucht, einen brillanten Ossi in die Wüste zu schicken – das ist nicht die Wahrheit.“

Sondern?

„Kein Kommentar. Ich gehöre hier jedenfalls nicht zu den neuen Chefärzten, die total absahnen. Im Gegenteil. In München habe ich das Doppelte verdient.“

Ein erstaunliches Bekenntnis, denn, so Professor Mau: „Viele hochmotivierte Leute sind an die Charité gekommen, obwohl sie hier weniger verdienen als vorher. Doch die werden nicht bewundert, sondern geschmäht, wenn sie das erzählen. Wer berühmt werden will, kommt zur Charité. Wer reich werden will, geht woanders hin.“

Professor Mau findet „die kommerzielle Ausrichtung des Gesundheitswesens zum Kotzen“, weil „Geld Neid und Mißgunst schafft“. Aber nicht nur das Geld, wie Einhäupl aus eigener Erfahrung weiß. Seit ein Forscherteam um den Neurologieprofessor 1997 mit einer weltweit ersten Studie zum Thema Wachkoma begann, steht er unter Dauerbeschuß: „Mir wird vorgeworfen, unethische Versuche an Wachkomapatienten durchzuführen, um sie später abschalten zu können. Manche schieben mich sogar in die Nähe von Mengele. Das ist Rufmord.“

Ruhm und Ehre, Diffamierung und Skandal lagen in der Charité schon immer dicht beieinander. Der berühmte Chirurg August Bier*, Chef der Klinik in der Ziegelstraße, hat es 1924 und 1925 am eigenen Leib erfahren. Theodor Brugsch, einstiger Charité-Internist, schreibt in seinem Buch „Arzt seit fünf Jahrzehnten“ über ihn:

„Der erste Weltkrieg kam, die Inflation kam, und da geschah es, daß zwei Männer schwer erkrankten und August Bier sie operieren mußte. Der eine war Hugo Stinnes, von dem man sagt, er habe in der Inflation halb Deutschland ökonomisch in seinen Besitz gebracht. Der andere war der Präsident der Weimarer Republik, Friedrich Ebert. Bier operierte Stinnes an einer eitrigen Gallenblasenentzündung und Ebert an einer schleichenden Blinddarmentzündung (ohne zu wissen, daß er Morphinist war, d. A.). Beide starben.“

Stinnes am 10. April 1924, Ebert am 28. Februar 1925. Ihr tragischer Tod brachte Bier, der bis dahin „jeden prominenten Patienten operiert hatte, völlig um den Kredit, den ein Chirurg braucht“.

Er empfiehlt seinen Söhnen deshalb, nicht Medizin zu studieren. Sie halten sich daran. Seine Enkel nicht mehr. Einer von ihnen ist Professor Jürgen Bier, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Plastische Operationen, Campus Virchow-Klinikum.

Er ist, wie sein Großvater, ein begnadeter Chirurg und Forscher. August Bier ließ sich 1899 beispielsweise von seinem Assistenten eine hohe Dosis Kokain ins Rückenmark spritzen. Ein riskanter Eigenversuch, der die Lumbalanästhesie begründete.

Nun hatte auch sein Enkel eine geniale Idee. Er entwickelt derzeit gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern und Ingenieuren „Otto von Decke“, einen medizinischen Roboter. Die Crew um Professor Bier gab ihm den Namen, denn „er hängt an der Decke“.

Als neues Werkzeug der Chirurgen soll er „den Quantensprung in den Operationssaal der Zukunft schaffen“, so Professor Bier. „Nirgends in der Medizin sind Kunst und Handwerk so miteinander verwoben wie in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Jede Operation ist anders, und auch der gelungensten haftet immer noch ein Rest von Unvollkommenheit an. Doch das Gesicht ist das einzige, was man nicht verstecken kann.“

Mit „Otto von Decke“ soll nun vieles anders werden. „Otto“ ist perfekt, und mit ihm wurde erstmals in Deutschland ein ingenieurwissenschaftliches Fachgebiet mit einer eigenen Stiftungsprofessur unmittelbar in eine medizinische Klinik integriert. Noch experimentieren Mediziner und Ingenieure, aber schon im Oktober sollen erste Patienten mit „Ottos“ Hilfe operiert werden. Professor Bier: „Dann kommt der Patient morgens ohne Ohrmuschel in die Klinik und geht abends mit einer perfekten künstlichen Ohrmuschel wieder nach Hause. Früher dauerte dieses Prozedere ein halbes Jahr.“

Und wie lange wird es dauern, bis der Campus Virchow-Klinikum und der Campus Charité wirklich zusammengewachsen sind?

Professor Bier, einstiger Dekan des Virchow-Klinikums: „Was heißt hier wirklich zusammengewachsen sind´? In der Klinik sind wir längst zur Tagesordnung übergegangen. Es gibt null Probleme.“

Nach acht Jahren „Charité: Fusion – ja oder nein?“ hätte auch Professor Mau, Chef der Kinderchirurgie auf dem Campus Virchow-Klinikum, gern endlich Ruhe im Karton. Nur manchmal noch löckt er gegen den Stachel. Dann nämlich, wenn er Besucher durch seine Station führt und sie raten läßt, welcher seiner Mitarbeiter aus dem Osten oder aus dem Westen kommt. „Wenn sie richtig raten, spendiere ich eine Flasche Cognac. Wenn sie sich irren, geht die Runde an sie.“

Auch Dr. Friedrich Köhler, Internist und Kardiologe an der Charité, Schwerpunkt angeborene Herzfehler im Erwachsenenalter, hat dieses Jahr schon die Korken knallen lassen: Am 12. Februar, als Nico Semder, 2240 Gramm, 45 Zentimeter lang, das Licht der Welt erblickte. Das war ein Wunder, denn Nicos Mutter Anka, 26jährige Rinderzüchterin aus Hainichen bei Chemnitz, hat einen angeborenen Herzfehler: Die Lungen- und Körperschlagader waren bei ihr vertauscht. Köhler: „Das ist eine komplette Transposition. Die Folge: Sauerstoffmangel. Die Babys kommen blitzeblau zur Welt. Heute gelingt es zwar, diese Arterien zu verpflanzen, aber es ist immer noch die Formel 1 der Kardiochirurgie.“

Anka Semder wurde vor der Wende zweimal in der Charité erfolgreich operiert, konnte ein fast normales Leben führen. Doch mit der Schwangerschaft stand sie erneut am Abgrund. Dr. Köhler: „Es gibt weltweit nur 27 publizierte Fälle, wo eine Frau mit so einem Herzfehler die Schwangerschaft überlebte.“

Nico und Anka schaffen es, weil ein hochkarätiges Team von Geburtshelfern, Kardio-Intensivmedizinern, Gerinnungsspezialisten, Neonatologen, Kinderärzten, Anästhesisten, Kardiochirurgen und pränatalen Spezialisten um das Leben der beiden kämpfte. Dr. Köhler: „Der 28. Fall, weltweit, kommt nun aus der Charité, Standort Mitte.“

Standort Mitte, Standort Wedding – ist das noch wichtig?

„Meine Heimat ist noch der Standort Mitte.“

Immer noch ein Ost-West-Konflikt?

„Es gab bei uns Chefs, die waren bald nach der Wende verschwunden, und Leute aus den alten Bundesländern bekamen hier eine Chance, von der hätten sie vorher nur träumen können. Ich habe aber nie erlebt, daß einer rausgeschmissen wurde, nur weil er Ossi war.“

Professor Mau würde jetzt raten lassen: Ist Dr. Köhler aus dem Osten oder aus dem Westen?

Ich hoffe sehr, daß dieses Ratespiel bald aufhört.

* Die historischen Daten und Zitate sind dem Buch von Gerhard Jaeckel: „Die Charité. Die Geschichte eines Weltzentrums der Medizin“ entnommen. 1963 und ´86 Hestia Verlag, Bayreuth.


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