Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Adlon verpflichtet

Jahrzehntelang war es Berlins erste Adresse – das Hotel „Adlon“, Unter den Linden. In den letzten Kriegstagen brannte es völlig aus. Am Samstag feiert es seine Wiedergeburt

Von Heide-Ulrike Wendt | 1997

Die Otéro kam wie eine Fürstin vorgefahren und stellte sofort das ganze Hotel auf den Kopf. Sie kam mit einem Papagei, zwei Möpsen, einem Perlhuhn, einer siamesischen Tempelkatze, achtunddreißig Koffern, einer Kammerzofe und mit ihrer ganzen, wirklich unwahrscheinlichen Schönheit.“

Was für ein Auftritt. Hedda Adlon, die letzte Hausherrin des glanzvollen Hauses Unter den Linden Nummer 1, beschreibt ihn in ihrem Buch „Hotel Adlon“. Die Otéro war ein Star. Als heißverehrte Tänzerin konnte sie sich exaltierte Auftritte allemal leisten – anno 1914.

Das „Adlon“ war Berlins Kultadresse. Wer auf sich hielt, trat durch die gläserne Drehtür in die Welt des „Adlon“: Rockefeller und Vanderbilt, Caruso und Chaplin, Thomas Mann, Albert Einstein, Stefan Zweig, Edgar Wallace, Marlene Dietrich und, und, und.

Nun dreht sie sich wieder, die gläserne Tür am Pariser Platz, die Welt des „Adlon“ ist erneut eröffnet, am 23. August auch hochoffiziell.

„Willkommen im ,Adlon”“, begrüßt mich ein bordeauxrot Livrierter mit schneeweißen Handschuhen und goldenen Kordeln am Jackett, als er mir den Wagen öffnet. Ein Page greift nach Gepäck und Autoschlüssel, Tiefgaragen sind zu trostlos für den „Adlon“-Gast. Unbeschwert und gutgelaunt soll er das Haus betreten. Das Ambiente vor der Eingangstür ist dazu da, seine Sinne empfänglich zu machen für den Luxus dahinter.

„Wer sich hineinwagt . . ., fühlt sich in einem üppigen Raum, förmlich satt von Kunstgegenständen, an schweren, kostbaren Stoffen, an teurem Stein und Metall. Erinnerungen an die Hallen venezianischer Paläste . . . an Paradegemächer, an Räume, die halb Denkmal, halb Wohnung sind, steigen auf.“

Zur Eröffnung des alten „Adlon“ im Jahr 1907 hatte die Presse gejubelt. Für die Kritiker war das Grandhotel ein Symbol für den Eintritt ins 20. Jahrhundert, eine Legende, die sofort in den „Baedeker“ aufgenommen wurde.

90 Jahre später, schon lange vor der Wiedereröffnung, wird – die Zeiten haben sich geändert – gemeckert, geschmäht, verrissen. Der Berliner Kulturpolitiker Bernhard Schneider nennt das Hotel eine „Architektur der röhrenden Hirsche“, für den Architekten Stephan Braunfels ist es „geschmacklos und primitiv“. Für die „Berliner Zeitung“ ist es immerhin der „sichtbarste, vornehmste und provokanteste Neubau der Berliner Mitte“.




Den meisten Gästen, die hier haltmachen, ist das Gezeter egal. Sie sind gekommen, um die „Adlon“-Legende zu besichtigen. Noch sind es nicht die Männer und Frauen des Big Business, die in der Halle sitzen und Papiere oder Filme, Immobilien, Pläne oder Ideen verkaufen.

Aber gerade eben kam der kleine Udo Lindenberg ins „Adlon“, um den Spirit der großen Marlene zu spüren. Oma und Opa aus Hamburg fahren mit dem Benz vor, um goldene Hochzeit zu feiern. Verliebte steigen direkt vor der Tür aus der S-Bahn, um im „Adlon“ ihre erste gemeinsame Nacht zu verbringen. In den Wochen vor der offiziellen Eröffnung am kommenden Samstag liegen die Zimmerpreise für viele gerade noch unterhalb der Schmerzgrenze: 290 Mark für ein Einzelzimmer, 360 Mark für ein Doppelzimmer. Eine Suite mit zwei Zimmern und „view of the Pariser Platz or famous boulevard Unter den Linden“ kostet 1000, die Suite mit „view of Pariser Platz at Brandenburg Gate“ 1500 Mark. Ab Sonntag werden die Preise merklich anziehen – 420 Mark aufwärts. Trotzdem: Für August und September sind die Zimmer bereits zur Hälfte gebucht.

Wer hier allerdings auf Hallen venezianischer Paläste hofft, wird enttäuscht. Das neue „Adlon“ ist weder pompös noch plüschig, es ist nobel. Michael Rabe, Sprecher der Kölner Fundus-Gruppe, die das 337-Zimmer Haus finanziert und dann an den Kempinski-Konzern verpachtet hat, sieht das „Adlon“ nicht als „feudale Trutzburg. Die Gäste von damals gibt es nicht mehr. Heute soll hier jeder seinen Tee trinken können, ohne sich an einem livrierten Zerberus vorbeischleichen zu müssen.“

„Das Rezept, das Lorenz Adlon anwandte, um bei seinen Gästen das größtmögliche Gefühl von Wohlbehagen zu erzeugen, war ganz einfach: „Das Bett und das Frühstück . . . Das Bett muß so gebaut und aufgestellt sein, daß der Gast eine vollendete Nachtruhe hat.“

Den wahren Luxus des Hotels „Adlon“ kann man hören: Es herrscht Stille. Diese fürsorgliche, fast verloren geglaubte Stille. Vor den raumhohen Fenstern der Suite mit eben jenem „view of the famous boulevard Unter den Linden“ riesige Krater, Rohbauten, Kräne, soweit das Auge reicht. Der Lärm Berlins tobt keine zehn Meter entfernt, doch zu hören ist davon nichts. Kein Laut dringt in die Suite, nicht von draußen, nicht von drinnen. Wenn der Gast hier die Zimmertür hinter sich schließt, wird der Spalt zwischen Tür und Boden schalldicht abgeschlossen.

„Graf X: Zwei Kopfkissen, Fachinger ans Bett. Haßt Frottiertücher, hält sie für weichlich. Frau Generaldirektor Meyer: Bett mit Wärmflasche anwärmen. Hund heißt Morchen . . . Nach Befinden des Hundes erkundigen. Bankier Sventröm: Bringt heimlich Whisky mit ins Hotel. Gibt kein Trinkgeld.“

Service wird riesengroß geschrieben. Im alten „Adlon“ gab es sorgfältig geführte Dossiers über jeden Gast, über deren Wünsche, Schrullen, Eigenarten. Auch im neuen „Adlon“ soll der Service top sein, obwohl es noch keine verwöhnten Stammgäste gibt. Wer will, kann sich morgens um drei den Smoking bügeln lassen oder warm essen. Jeder Gast bekommt ein Hotel-Handy, über das er überall im Haus jederzeit erreichbar ist. Man kann also ganz bequem vom Bett oder von der Wanne aus nach Hause telefonieren. Letzteres können Frauen um einsfünfundsechzig allerdings nur im Sitzen: „Adlon“-Wannen sind so riesig, man taucht einfach ab, wenn man sich hineinlegt, mit oder ohne Handy. Für zwei indes sind sie ideal, und keiner von beiden muß auf dem Stöpsel sitzen. Der ist in der Mitte und, logisch, versenkt.

Wer bei der Abreise etwas im Zimmer zurückläßt, bekommt es niemals hinterhergeschickt. Nicht auszudenken: Ein vergessenes Negligé könnte in falsche Hände geraten. Zur Zeit wird im „Adlon“ allerdings mehr eingesackt als dagelassen. 3000 Anleger der Fundus-Gruppe übernachteten in den letzten Wochen mit Kind oder Kegel in der Nobelherberge. Und wie die Zimmermädchen auf den Fluren flüstern, ging alles mit, wo „Adlon“ draufstand: Shampoo, Seife, Bodylotion, Flaschenöffner, Pantoffeln, Briefpapier. Was steht eigentlich auf meinem Kugelschreiber?

„Escoffier“, rief er aus, „das ist ja großartig! Das ist hinreißend! Was ist das für eine Sauce? Das Rezept müssen Sie mir sofort verraten!“




Wer nur eine Nacht im „Adlon“ bleibt, sollte im Bistro zu Abend essen. Der Chefkoch heißt zwar nicht mehr Escoffier, sondern Karlheinz Hauser, aber das Rezept für seine Stubenküken „Escoffier”(!), gebraten, Trüffeljus, Kartoffel-Kohlrabicarpaccio, Fingerkarotten und Lauchrösti (für 37 Mark), hätte ich auch gern.

Bevor Karlheinz Hauser, gerade mal 30, in diesem Frühjahr als Küchenchef ins „Adlon“ kam, stand er bei Käfer und Witzigmann in München am Herd, zelebrierte in den USA für Arnold Schwarzenegger Kaiserschmarren und Wiener Schnitzel und angelte in Neuseeland seine Lieblingsspeise: Kingfish. Er zögerte keine Sekunde, dem Ruf aus Berlin zu folgen: „In München können Sie die Leute mit keinem Gericht mehr begeistern. Schwarze Trüffel, weiße Trüffel – äh, ich bitt´ Sie. Die Berliner wissen die Sachen, die ich auf den Tisch bringe, noch zu schätzen.“

Am nächsten Abend, als ich mit meinem Fotografenkollegen ins Bistro gehe, haben wir keine speziellen Wünsche, einfach nur Hunger. Aber Robert Hatheyer, der Restaurantchef, ist besorgt:

„Der Kellner meint, dies wäre nicht ganz der rechte Tisch für die Herrschaften. In spätestens zehn Minuten wäre ein anderer, direkt am Fenster, für Sie gedeckt.“

„Vielen Dank, dieser Tisch ist okay.“

„Meinen Sie wirklich?“

„Wirklich.“

Und fünf Minuten später: „Wenn Sie nun doch nicht umziehen mögen, nehmen Sie statt dessen diesen kleinen Gruß aus der Küche: Venusmuscheln mit Safransalat.“

Ich bin irritiert. An Berlins feinen Adressen signalisieren mir die Kellner üblicherweise, daß eigentlich ich sie bedienen müßte. Nicht so Herr Hatheyer. Der versucht, mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

„Der Kaiser schaute sich um. Sein Blick fiel auf die zwanzig Pagen, die in ihren blinkenden Uniformen an einer Seite der Halle in Reih und Glied aufgestellt waren . . . ,Ausgezeichnet!“, rief er aus. ,Tadellos! Großartige Disziplin!““

„Als mich mein Vater das erste Mal ins „Adlon“ brachte, bin ich auch vor Ehrfurcht verstummt“, erzählt Alfred Bischof, der 1927 als Page im „Adlon“ begann und später zum Oberpagen aufstieg. „War das eine Pracht und Fülle. Die Mosaike glitzerten, das Blattgold schimmerte, die Deckengemälde leuchteten. Da ist das heute nix dagegen. Wir mußten uns jeden Tag neue weiße Handschuhe und ein neues Chemisette aus der Wäscherei holen. Wer sich nicht daran hielt, flog raus. Früher wurde alles noch mit der Hand gereicht, auch das Frühstück. Die Kellner konnten Sardinen mit Handschuhen filetieren, und der Portier Schelle, der wußte aus dem Kopf, wie man am günstigsten oder am schnellsten von Berlin nach Paris oder nach Dresden kommt.“

Und? Wird das „Adlon“ wieder eine Legende?

„Nie wieder.“

Der geschäftsführende Direktor, Jean K. van Daalen, sieht das naturgemäß ganz anders. Van Daalen, ein international erfahrener Hotelmanager, Deutscher, geboren in Mailand, viersprachig aufgewachsen, will das Hotel erfolgreich ins nächste Jahrtausend führen: „Das ,Adlon“ soll zum Inbegriff deutscher Gastronomie werden – durch die Küche, den Service, durch langjährige, international geschulte Mitarbeiter. Aber bei allem Nimbus wollen wir nicht nur den Leuten aus Wirtschaft, Politik oder Diplomatie Topleistung bieten. Ich wünsche mir vor allem, daß die Berliner das ,Adlon“ annehmen, daß es ,ihr´ ,Adlon“ wird, in dem sie ihre Feste feiern.“

„Louis Adlon hatte seine Freude an ungewöhnlichen Menschen. ,Sie bringen Farbe in das Leben und in unser Hotel“, pflegte er zu sagen.“

Der Italiener Giuseppe Rosso gehört ganz sicher zu dieser Spezies. Er ist der Chef des Gourmet-Restaurants „L´Etoile“, das im Oktober unter dem Dach des „Adlon“ eröffnen wird. „Ich liebe alte Namen, und ich liebe bezahlbaren Luxus“, sagt er. „Ich liebe es, den Gästen das Gefühl zu geben, daß hier einst Marlene Dietrich die Treppe herunterkam. Aber viele Besucher haben keinen Respekt vor dem Namen ,Adlon“ und seinen Mitarbeitern. Die sehen durch die Bank piccobello aus, tragen Anzug oder Uniform, sprechen vier Sprachen, wissen alles über den Wein, den sie ihren Gästen kredenzen. Und die tragen – Bermudas. Wenn einer mit diesen unsäglichen Hosen ins Restaurant kommt, lasse ich meinen Blick langsam von oben nach unten gleiten und streiche dabei sanft über meinen perfekt gebundenen Schlipsknoten. Manchmal hilft das. Wir bedienen die Gäste nicht, wir betreuen sie.“

Und ich bereue, kein weißes, frischgebügeltes Taschentuch dabeizuhaben. Ist es comme il faut, sich mit einem Tempo den Schweiß von der Stirn wischen? Nein.

Giuseppe Rosso sagt, er hätte nie geglaubt, daß er einmal in Ostberlin arbeiten würde.

„Adlon“ verpflichtet.


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