Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Fremd unter Fremden

An vielen Berliner Schulen sind deutsche Kinder längst in der Minderheit – auch in der Heinrich-Heine-Oberschule in Neukölln

Von Heide-Ulrike Wendt | 1999

Es beginnt ganz harmlos. Yasar und Gökhan schreiben türkische Wörter an die Tafel und wischen sie ganz schnell wieder weg. Es müssen Ferkeleien sein, denn beide feixen. „Schwein“, sagt Gökhan und wirft mit dem Schwamm nach Yasar. Der wirft zurück. Der Schwamm fliegt hin und her, und der Staub der Kreide färbt ihre schwarzen Schöpfe grau.

Doch von einer Sekunde auf die nächste eskaliert der Spaß zur Schlägerei. „Hör auf“, brüllt Yasar und packt Gökhan am Pullover. Der wehrt sich und drückt Yasar den Schwamm ins Gesicht. Dann schreien sich die beiden nur noch auf Türkisch an und fallen übereinander her. Sie stürzen, und ihre Gesichter sind rot vor Zorn. Als Yasar beginnt, Gökhan zu würgen, müssen zwei, drei andere einschreiten, um die beiden auseinanderzubringen.

Kurz darauf sitzen sie keuchend auf ihren Plätzen. Gökhan in der ersten, Yasar in der letzten Reihe der Klasse 7a der Heinrich-Heine-Oberschule im Berliner Innenstadtbezirk Neukölln.

„Die 7a ist ein dufter Haufen“, hatte uns der Direktor, Andreas Schulz, gesagt, als wir ihn baten, für ein paar Tage eine seiner Klassen besuchen zu dürfen. „Die freuen sich auf Sie, haben Lust mit Ihnen zu reden.“

Der Schrecken über die plötzliche Schlägerei der beiden Klassenkameraden sitzt ihren Mitschülern in den Gliedern. Yvonne, die neben Gökhan sitzt, versucht ihm den Arm zu streicheln, aber er will seine Ruhe haben und erst einmal mit sich selbst ausmachen, was eben geschah.

Nur elf der 29 Schüler in der Klasse – alle zwischen zwölf und vierzehn Jahren – wissen, worum es bei diesem Streit eigentlich ging. Denn sie sind Türken wie Yasar und Gökhan und haben das Gebrüll der beiden verstanden.

Aber die anderen – neun Deutsche, vier Libanesen, eine Polin, ein Mädchen und drei Jungen aus Ex-Jugoslawien – haben nicht ein einziges Wort verstanden. Am liebsten reden die ausländischen Kinder ohnehin in ihrer eigenen Sprache miteinander.

Andreas Schulz, 55 Jahre alt und seit 1990 Direktor der Heinrich-Heine-Oberschule, kann das gut verstehen: „Deutschland ist für sie ein Land, in dem sie nicht unbedingt leben wollen. Stellen Sie sich doch mal vor, Ihre Eltern wären mit Ihnen nach Indien gezogen. Würden Sie da nicht auch nach Kindern suchen, die Ihre Sprache sprechen?“




Im Arbeiterviertel Neukölln leben 307 000 Menschen, fast so viele wie in der Großstadt Mannheim. Mehr als 20 Prozent haben keinen Job mehr, der Ausländeranteil liegt bei 20,2 Prozent. Verwahrlosung, Hoffnungslosigkeit, Gewalt – zwischen den mausgrauen Altbauten und den tristen Betonburgen des Problembezirks gibt es jede Menge sozialen Sprengstoff. Verschiedene Nationalitäten müssen miteinander klarkommen.

Von den 330 Kindern an der Heinrich-Heine-Oberschule sind 190 ausländischer Herkunft. Deutsch ist ihre Sprache vielfach nur noch in der Schule. Integration wird immer schwerer.

Kein türkisches Kind in Neukölln, wo es 65 Schulen gibt, muß mehr Deutsch sprechen, um hier beim Bäcker zehn Brötchen oder beim Gemüsehändler ein Kilo Spinat zu kaufen. In vielen Klassen drücken mit ihnen bereits 60, 70 Prozent oder mehr Kinder „nichtdeutscher Herkunft“, wie es im Amtsdeutsch heißt, die Schulbank.

Die meisten türkischen Kinder in diesem Bezirk verstehen kein Wort, wenn der Lehrer sie an ihrem ersten Schultag bittet, die Fibel aus der Mappe zu nehmen. Denn ihre Eltern sprechen zu Hause nur Türkisch. Weil in den Zeiten hoher Arbeitslosigkeit meist nur noch der Vater einen Job hat, besuchen die Kinder keinen Kindergarten, sondern bleiben bei der Mutter zu Hause. Deutscher Alltag findet in ihrem Leben kaum statt.

In der 7a werden solche Themen an diesem Vormittag heftig diskutiert. Mohannad hat sich nie etwas anderes gewünscht: „Es ist in Ordnung, wenn deutsche Kinder in den Kindergarten gehen. Sie sind eben anders als wir. Bei uns hat die Mutter doch viel mehr Autorität.“

Einige nicken ihm zu, als er das sagt, andere schütteln entgeistert den Kopf. Vehement widerspricht Hakan seinem Banknachbarn: „Meine Mutter hat auch große Autorität, aber sie wollte, daß ich in einen deutschen Kindergarten gehe. Dort habe ich Respekt gelernt.“

Eine große Rolle spielen in der Klassengemeinschaft Härte und Stärke. Anerkannt wird, wer Macht hat. Oussama aus dem Libanon zumindest fällt es schwer, schwache Menschen zu akzeptieren – vor allem Lehrer: „Sie müssen streng sein. Wenn unsere Lehrer nur nett zu uns wären, würden wir sie fertigmachen.“

Der Stolz auf eine eins im Diktat oder das Lob eines Lehrers spielt bei ihnen kaum eine Rolle. Jedenfalls würde keiner in der Klasse das zugeben. Wer freundlich „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ sagt, gilt als Schleimer – das Schlimmste, was man sein kann. Oussama meint: „Wenn man in einer Klasse nicht gleich zeigt, wer hier der Boß ist, hat man verloren. Die Gesellschaft erkennt nur den an, der gewinnt.“

Daß in dieser Gesellschaft die Fleißigen und Tüchtigen, aber nicht unbedingt die körperlich Starken zu den Gewinnern zählen, begreifen viele in der 7a noch nicht. „Die haben Glück, daß sie in einer Realschule gelandet sind“, sagt Direktor Schulz, „alle könnten miteinander und voneinander für ihre eigene Zukunft lernen. Doch sie geben sich keine Mühe. Sie kämpfen nicht.“

Dominique hat in Englisch zum zehnten Mal die Hausaufgaben vergessen. Sein Kommentar: „Ich konnte gestern nichts machen. Wir haben unsere Wohnung umgeräumt.“ Mathematiklehrer Klaus Uckel ist schon entzückt, wenn ein türkischer Junge sein Heft sauber führt.

Doch die Zustände sind nicht so schlimm wie an der gegenüberliegenden Hauptschule. Dort scheinen die Lehrer den letzten Rest ihrer Autorität verloren zu haben. Schulleiter Schulz: „Die Klassen toben nur mehr herum, da kann keinem mehr etwas vermittelt werden.“

Obgleich man in seiner Realschule stolz auf die besseren Lernerfolge ist, gibt es Probleme, die denen der Hauptschule gleichen. Vor allem der mangelhafte Kontakt mit den Eltern macht den Lehrern schwer zu schaffen. „Ich kenne im Durchschnitt gerade mal ein Drittel von ihnen“, beklagt Englischlehrerin Gaby Rees. Zu den Elternversammlungen kommen vier bis sechs Mütter und Väter. Von der 7. bis zur 10. Klasse hat sie die meisten Eltern nicht ein einziges Mal gesehen. Die schulische Erziehung der Kinder findet ohne sie statt.




Wenn einer ihrer türkischen Schüler seine Hausaufgaben, sein Englischbuch oder das Vokabellernen zu oft vergißt, versucht Gaby Rees, mit der Mutter wenigstens am Telefon darüber zu sprechen. Doch die versteht meist nicht einmal, wer am anderen Ende der Leitung ist. Deshalb will man nun ab April in der Schule Deutschkurse für türkische Mütter anbieten. Wie viele kommen werden, muß sich zeigen. Denn die wenigsten türkischen Ehemänner haben ein Interesse daran, daß ihre Frauen Deutsch lernen.

Deutsch ist wichtig. Dieser Meinung ist Schulsprecher Adnan Özdemir, 16, aus der 9c. Er predigt seinen Schulkameraden immer wieder: Guckt zu Hause deutsches Fernsehen! Redet mit euren Eltern Deutsch! Lest Grimms Märchen! Der blitzgescheite Junge scheint das alles beherzigt zu haben, denn er spricht Deutsch wie jeder andere Berliner. „Das muß ich doch“, sagt er, „ich bin hier geboren. Hier bin ich zu Hause.“

Er gehört zu den wenigen, die bereits eine Lehrstelle haben. Bei einem Fleischermeister. Einem deutschen, weil Adnan unbedingt dessen Berufsalltag und nicht nur den in den beiden Metzgerläden seiner eigenen Familie kennenlernen will. Schweine zu schlachten ist für ihn kein Problem – er muß sie ja nicht essen. Er findet: „An unserer Schule sollte die Hälfte der Schüler deutsch sein, damit Kontakte entstehen. Man hat hier keine Zukunft ohne die deutsche Sprache.“

Bis 1995 war das auch die Politik der Schulverwaltung. Da gab es noch die Vorschrift, daß die Hälfte der Kinder an Berliner Schulen Deutsch als Muttersprache haben muß. Dann wurde sie mit der Begründung abgeschafft, sie hemme die Integration der Ausländer.

Gaby Rees darf gar nicht darüber nachdenken: „Die Deutschen sind hier die Minderheit. Wir haben hier keine Probleme, die ausländischen Kinder zu integrieren, sondern die einheimischen.“

Was es heißt, in der Minderheit zu sein, bekamen die deutschen Kinder in der 7a voriges Jahr deutlich zu spüren. Es gab keine Weihnachtsfeier. Sie fiel nach einer Abstimmung einfach ins Wasser, weil die muslimischen Kinder keine Lust hatten. Als die Lehrerin zum Trost Kekse verteilen wollte, sagte ihr ein türkisches Mädchen: „Das dürfen Sie nicht. Wir feiern gerade Ramadan.“

Absurd, die Welt wird auf den Kopf gestellt, die deutschen Kinder sind Fremde im eigenen Land.

Yvonne war darüber sehr traurig. Sie hätte gern mit Hakan, Oussama, Sarah und Ivo Lebkuchen gegessen und „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ gehört. Auch Deutschlehrerin Edith Galdi bedauert, „daß die deutschen Traditionen langsam flötengehen“. Und die Türken bleiben unter sich und feiern ihre Feste nur zu Hause. Am Zuckerfest zum Abschluß des Ramadan beispielsweise fehlten in der Klasse zehn Kinder.

Marco Hausding, Yvonnes Vater, ärgert diese Entwicklung. Mit Frau und vier Kindern lebt der Bauarbeiter in einer Maisonette-Wohnung in einem der Neuköllner Beton-Neubauten. „Ausländer treffe ich hier überall, aber nie auf Elternversammlungen“, brummt er. „Ich würde ihnen gern sagen, daß ich respektiere, wie sie leben. Aber sie müssen auch unsere Traditionen achten.“

Konflikte wie der Streit um die Weihnachtsfeier führen dazu, daß immer mehr Eltern Schulen mit hohem Ausländeranteil meiden. Sie fürchten um die Zukunft ihrer Kinder. Dort, wo Deutsch zurückgedrängt wird, das schulische Niveau sinkt, verschlechtern sich auch die Berufsaussichten für den Nachwuchs.

Mara Petkovic, deren Sohn Ivo ebenfalls die 7a besucht, will deshalb so schnell wie möglich weg aus dieser Gegend. Schon 1973 war die heute 32jährige aus Bosnien nach Deutschland gekommen. Ihr Mann Zvonko arbeitet als Schlosser, sie selbst hat im Moment keine Arbeit. Mitten im tristen Berliner Glasscherben-Bezirk hat sie sich ein kleines Stück heile Welt aufgebaut.

Auf den schwarzen Kacheln im Flur glitzern Silbersternchen. Sie sitzt auf ihrem schneeweißen Ledersofa, legt goldfarbene Untersetzer für die Kaffeetassen auf den spiegelblanken Couchtisch und sagt: „Hier bei uns in Neukölln kommen auf eine Deutsche zehn Türkinnen, und die sind alle vermummt. Ich will lieber unter Deutschen leben.“

In Rudow am liebsten, dem nobleren Teil von Neukölln, wo die Straßen noch sauber sind und Stiefmütterchen vor den Terrassen schmucker Einfamilienhäuser blühen.

In so einem Häuschen wohnt Schuldirektor Schulz. Doch der fühlt sich selbst dort nicht mehr richtig wohl. Mit seiner Frau geht er kaum mehr ins Kino oder ins Theater – aus Angst, abends könnte bei ihm eingebrochen werden.

Für ihn herrschen in dieser Stadt schon längst Verhältnisse wie in der Bronx. Zu hohe Arbeitslosigkeit, zuviel Gewalt. „Das ist nicht mehr mein Berlin“, meint er, „hier entstehen Ghettos wie in New York.“ Für die Zukunft befürchtet Schulz, daß „die Reiseführer den Touristen empfehlen, nicht mehr in Gegenden wie Neukölln zu gehen“.

Doch immer wieder bekommt der Pädagoge Motivationsschübe. Vor ein paar Jahren zum Beispiel fuhr er an einem schönen, sonnigen Wochenende nicht mit der Familie an den Wannsee, sondern alleine in seine graue Schule. Er packte Farbe und Pinsel aus und bemalte die kahle Wand im Hauptflur mit bösen Buben und braven Mädchen. Und kein Graffiti-Sprüher hat bisher versucht, seine Wandmalereien zu überschmieren.

Nicht zuletzt wegen solcher Einfälle ist Schulz beliebt. In der 7a ist er herzlich willkommen, als er am Freitag nach der vierten Stunde überraschend das Klassenzimmer betritt. Die Kinder jubeln begeistert, als er verkündet: „Ihr könnt nach Hause gehen. Die fünfte Stunde fällt heute aus.“

Auf dem Stundenplan steht Sexualkunde. Mit muslimischen und christlichen Schülern zusammen offenbar ein zu heikles Thema vor den Ohren der Reporter.


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