Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Die Jagd nach der gültigen TÜV-Marke

Kleine Einweisung in Anweisungen

Von Heide-Ulrike Wendt | 1997

Gerade eben . . . habe ich auf der Kantstraße ungefähr anderthalb Stunden einen Parkplatz gesucht. Mir ist unbegreiflich, wie Leute auf dieser Straße erkennen können, ob und wo man dort parken darf oder nicht. Hunderte Park- und Halteverbotsschilder klemmen an Laternen und Masten und zeigen mit kleinen weißen Pfeilen die Richtung an: Fahr weiter! Du gehörst hier nicht her!

Ich schon. Ich musste dringend zu Dirk I, meinem Friseur. Der schneidet und fönt in der Nummero 27, und direkt davor war auch so eine Parkbox auf den Asphalt gemalt. Und nicht besetzt. Zum Glück kam gerade ein Polizist des Wegs, den ich mit honigsüßer Stimme zögernd fragen konnte: „Darf ich hier parken oder darf ich nicht?“

„Selbstverständlich dürfen sie hier parken, meine Dame“, sagte der Mann mit breitem Grinsen. „Das müssten sie als geschulte Verkehrsteilnehmerin an der Beschilderung auch klar erkennen können.“ Dann forderte er mich auf: „Ihren Führerschein und die Fahrzeugpapiere bitte.“

„Wieso?“ fragte ich.

„TÜV und ASU sind abgelaufen“, sagte er. „Das macht zusammen 60 Mark. Außerdem haben sie mir hier die Fahrzeugpapiere ihres Mannes gegeben. Da kommen noch mal 20 Mark dazu.“

Ich flehte um Mitleid. 14 Monate Job in Hamburg hatten mich das Wesentliche aus dem Auge verlieren lassen: TÜV und ASU! Aber ich würde mich bessern, gleich morgen in die Werkstatt fahren. Das interessierte den Wachtmeister gar nicht. Genausowenig wie der Hinweis, dass wir zu Hause unsere Fahrzeugpapiere wohl vertauscht hatten.

„Ich habe meine Anweisungen“, sagte der Mann ungerührt. „Zahlen sie bar, mit Scheck oder per Überweisung?“




Ich zahlte bar und fuhr anschließend in die Schlemmerabteilung des KaDeWe, um meinen Frust wegzufressen. Vor mir stand eine alte Dame mit zwei Krücken, die offensichtlich das Gleiche vorhatte. Sie bat den Koch hinter dem Tresen gerade freundlich: „Könnten Sie bitte bei meinem Lachs die Sauce Hollandaise weglassen und mir dafür etwas mehr Spinat auftun?“

„Nee, kann ick nich“, sagte der Mann. „Die Portionen sind jenau kalkuliert. Ick hab meine Anweisungen.“

Vor dem KaDeWe klemmte hinter meinem Scheibenwischer eine rote Postkarte, auf der mich Wachtmeister J. W. Habermehl aufforderte, 30 Mark ASU und 30 Mark TÜV an den Polizeipräsidenten von Berlin zu überweisen. Zum Glück hatte er meine Fahrzeugpapiere nicht gesehen.

Ich fuhr in unsere Videothek, um mir „Ein Schwein namens Babe“ auszuleihen. Das ist auch so eine arme Sau wie ich. Leider hatte ich meine Plastikkarte vergessen, und der Mann hinter dem Tresen hatte: Natürlich seine Anweisungen!

Vor der Videothek klemmte hinter meinem Scheibenwischer eine rote Postkarte, auf der mich Wachtmeister Klaus-Dieter Brehm aufforderte, 30 Mark TÜV und 30 Mark ASU an den Polizeipräsidenten von Berlin zu überweisen.

Natürlich. Immer wieder gern. Was ist Berlin doch für eine wache Stadt. Doch bevor ich das Geld überweise, muss ich noch schnell in die Markthalle, um ein Glas Senf zu kaufen.

„Wir ham nur noch kleene Gläser, also fuffzich Milliliter, junge Frau“, säuselte der Mann hinter dem Tresen. „Macht 3 Mark.“

„Drei Mark?“ frage ich, und spürte, wie sich flammende Röte über meine Stirn und Wangen ergoss. „Für Senf? Für fünfzig Milliliter Senf? Ich denke nicht daran, ich…“

„Na jut, jeben se eene Mark, denn is dit trotzdem immer noch ’n teurer Spaß für sie.“

„Wieso?“

„Na, is dit nich ihr Auto da vorne?“


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