Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


„Arme, Alte und Ausländer“

Im Zentrum von Berlin drohen Stadtteile zu verslumen – es entstehen Gettos der sozialen Verlierer

Von Dirk Horstkötter und Ulrike Plewnia und Heide-Ulrike Wendt | 1999

Wenn Bundestagspräsident Wolfgang Thierse am 19. April den Reichstag feierlich wiedereröffnet, wird sich das Herzstück des Parlamentsviertels von seiner besten Seite zeigen: hell der Plenarsaal, grandios der Blick von der Kuppel und delikat die Köstlichkeiten von Edelgastronom Käfer beim Empfang. Die Mega-Baustellen im Spreebogen nehmen sich von oben wie kuriose Sehenswürdigkeiten aus. Ex-Senator Volker Hassemer, jetzt Chef der „Partner für Berlin“-Marketinggesellschaft, schwärmt: „Keine andere europäische Großstadt strahlt so viel Neues und so viel Aufbruch aus.“

Mit der rauhen Realität der Hauptstadt wären die 669 Abgeordneten indes nur wenige hundert Meter entfernt konfrontiert: Elend wuchert um das boomende Zentrum. Teilen der Innenbezirke Kreuzberg, Neukölln, Wedding, Tiergarten, Schöneberg und Friedrichshain droht die Verslumung. Seit 1991 hat sich die Zahl der Sozialhilfeempfänger verdreifacht, sie stieg auf 266 825. Ende Februar waren knapp 277 000 Berliner arbeitslos; viel mehr als im Bundesdurchschnitt. Die Jugendkriminalität steigt, die Gewaltschwelle sinkt. Kreuzberger Schulen rufen zur „Woche der Entwaffnung“ auf.

Tristesse allerorten. „Die Wohnquartiere der City verkommen zu sozialen Sackgassen“, beobachtet der Stadtsoziologe Hartmut Häußermann von der Humboldt-Universität. Bereits im Frühjahr 1998 schockierte er die Hauptstadtpolitiker mit einem Gutachten. Die „soziale Polarisierung im Stadtraum“ zeige sich in einer bisher unbekannten Konzentration von ausländischen und deutschen Haushalten mit sehr niedrigem Haushaltseinkommen in der Innenstadt.

Familien der Mittelschicht ziehen in die grünen Randbezirke oder nach Brandenburg. „Deutsche Eltern empfinden das multikulturelle Leben und insbesondere die innerstädtischen Schulen als Zumutung“, begründet Häußermann den Trend. Gut 30 000 Einwohner verlor Berlin im vergangenen Jahr. Die dramatische Binnenwanderung beschleunigt das befürchtete „Umkippen“ ganzer Stadtteile. Augenfälligste Anzeichen für die zunehmende Verwahrlosung in der Mieterstadt – mehr als 90 Prozent wohnen zur Miete – sind verschmierte Hauswände und Spielplätze voller Müll.




Entnervt reagiert Regierungschef Eberhard Diepgen (CDU), selbst im Wedding aufgewachsen, auf die ständigen Negativschlagzeilen. Drastischen Vorschlägen, wie dem Abriß des verwahrlosten Schöneberger „Sozialpalasts“ und Ausländer-Zuzugssperren, erteilte er eine Absage. Er spielt die Gefahren herunter, wenn er gebetsmühlenartig wiederholt, Berlin hole nur die Entwicklung anderer Großstädte nach. Andererseits erklärte er das Thema sofort zur Chefsache. Diepgen initiierte Innenstadtkonferenzen und ließ Fehlbelegungsabgabe sowie Belegungsbindung in zigtausend Sozialwohnungen aufheben, um die „soziale Durchmischung“ zu fördern. Mit wenig Erfolg. Der CDU-SPD-Koalition gelingt es nicht, den Verfall der City aufzuhalten und die Karawane der Häuslebauer zu stoppen. „In der Innenstadt bleiben nur noch die drei großen A”s übrig“, bestätigt Horst Schmollinger vom Statistischen Landesamt: „Arme, Alte und Ausländer.“

Am Verkehrsknoten Kottbusser Tor teilen sich türkische Gemüsehändler, schnorrende Punks, zugedröhnte Penner und verfeindete arabische und türkische Drogenclans das Terrain. Die 300 Wohnungen des tristen „NKZ“ (Neues Kreuzberger Zentrum) sind trotzdem voll vermietet. „Bei den Ausländern kennt jeder Schwager und Cousins, die eine Bleibe suchen“, weiß Geschäftsführer Peter Ackermann. Mehr als 300 000 Arbeitsplätze verlor Berlin seit 1989. Auch in diesem Jahr erwartet Wirtschaftssenator Wolfgang Branoner (CDU) einen weiteren Abbau von bis zu 25 000 Stellen: „Der Strukturwandel ist noch nicht beendet.“ Vom Regierungsumzug erwarten Experten keine Trendwende, denn Berlin hat eine schwache Industrie, wenig Konzernzentralen und eine ungünstige geografische Lage für die Märkte im Westen. Regierung, Parlament und Verbände bringen die meisten Mitarbeiter mit. Dienstleistungsfirmen können den industriellen Niedergang nicht kompensieren. Werbeagenturen und Anwaltskanzleien brauchen keine Stahlbetongießer aus Neukölln oder Werkzeugmacher aus Friedrichshain.

Gloriose Hoffnungen für Berlin hegt dagegen Bundeskanzler Gerhard Schröder. In seiner Regierungserklärung verkündete er: „Für die jüngeren Deutschen und Europäer ist Berlin vor allem eine heitere und aufregende Stadt, die sie von Klassenreisen, Fußballspielen oder auch von der Love Parade her kennen. An diesen Traditionen werden wir anknüpfen, wenn wir Berlin zur Hauptstadt einer Republik der neuen Mitte machen.“




Lorenz Postler, Sozialstadtrat in Friedrichshain, dem kleinsten und ärmsten Stadtteil, kann sich über des Kanzlers Berlin-Vision nur wundern: „Sehen Sie sich unseren Haushaltsplan an, die Kassen sind leer.“ Ein Viertel der 100 000 Einwohner lebt von staatlicher Unterstützung. Im Oktober eröffnete dort Deutschlands erster „Sozialladen“ mit Erdbeeren für zwei Mark, Erbsen für eine Mark und Rotkohl aus der Dose für 80 Pfennig. Die Ware erbettelt der Betreiber als Bruch, mit falscher Etikettierung oder kurz vor dem Verfallsdatum. Kamen zu Beginn erst 150 Kunden im Monat, sind es heute schon mehr als 400.

Im Schmelztiegel Berlin lebt jeder siebte Haushalt unterhalb der Armutsgrenze und muß mit weniger als 1800 Mark pro Monat auskommen. Auch 75 000 Kinder sind davon betroffen. Doch nicht allein deren materielle Not ist erschreckend. Der Anteil nicht einschulbarer Kinder liegt bei 13 Prozent – trauriger Rekord. In Ausländerhochburgen wie Kreuzberg und Neukölln sind es sogar 18 Prozent. Viele haben bis zum Tag ihrer Einschulung kein Wort Deutsch gesprochen. Der Anteil von Kindern „nichtdeutscher Herkunft“ in den Klassen tendiert oft gegen 70, 80 oder sogar 100 Prozent. Jeder dritte ausländische Schüler bleibt ohne Abschluß.

Viele Jugendliche, klagt Stadtrat Postler, sehen die Sozialhilfe schon „als Dauerrente“. „Mehr Respekt vor dem Gemeineigentum und mehr staatliche Strenge, um es nicht bis zur Kaputtheit der Bronx kommen zu lassen“, fordert Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD), der früher als Prediger des Laissez-faire galt. Rainer Sauter, Jugendstadtrat im Wedding für Bündnis 90/Die Grünen, kritisiert den Zeitgeist: „Es gibt keinen Common sense mehr. Jeder fordert nur, der Staat soll alles richten.“ Ein Beispiel: Immer mehr Väter entziehen sich den Unterhaltszahlungen für ihre Kinder. Das Land springt ein, allein mit 106 Millionen Mark im vergangenen Jahr. Fatal, denn die Zahl der alleinerziehenden Mütter in der Single-Metropole steigt drastisch. Sauter: „Ein Schlachtfeld – schon jetzt lebt ein Fünftel der Kinder im Bezirk von Sozialhilfe.“

Auch im früheren Szenebezirk Kreuzberg geht es bergab. Noch Anfang der 90er Jahre waren linke Chaoten gegen die vermeintliche Yuppisierung mit Fäkal-Attentaten auf Restaurants zu Felde gezogen. Heute ist der Kiez so krank, daß Studenten, Intellektuelle und Gastronomen nach Mitte oder Prenzlauer Berg flüchten. Der Aderlaß kostete Kreuzberg seit 1992 ein Zehntel seiner Bevölkerung. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 30 Prozent. Bürgermeister Franz Schulz ärgert sich über „erwerbslose Türken der zweiten Einwanderergeneration, die frustriert zu Hause hocken.“ Die düstere Diagnose des einstigen Hausbesetzers Schulz: „Hier ist es schlimmer als während der Weltwirtschaftskrise.“


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