Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Himmelreich in Hildesheim

Warum verpflichten sich junge Frauen ganz Gott und dem Gebet? Ein Besuch bei den Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz

Von Heide-Ulrike Wendt | 1998

Paul, das ist mein letzter Brief, den ich Dir schicke, denn ich habe vor, ins Kloster zu gehen.“

Kurz bevor Schwester Maria Armella diese Zeilen an ihren Freund schrieb, hatte sie ihn noch heiraten und mindestens fünf Kinder von ihm haben wollen. Doch dann fragte sie der Priester eines Tages nach dem Gottesdienst, ob sie nicht Ordensschwester werden wolle. Sie betete lange und voller Inbrunst, um ihre innere Berufung zu erkennen. Danach steckte sie den Brief an Paul in den Kasten, und – alles wurde gut. Paul nahm sich eine andere und Schwester Armella den Schleier. Das war 1947.

Jetzt ist sie siebzig und hat ihre Entscheidung keine Minute bereut: „Mein Weg ist der richtige. Mein Ziel ist Gott. Ich bin hier immer glücklich gewesen.“

Schwester Armellas „hier“ ist das Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul in Hildesheim. Es ist eine aktive Ordensgemeinschaft, in der sich die Schwestern sozial und karitativ engagieren, in Krankenhäusern, Kindergärten, Altenheimen arbeiten. Die Mitglieder des Ordens leben relativ abgeschlossen, ordnen sich einem strengen Tagesablauf unter und versorgen sich weitgehend selbst.

Das Domizil der Vinzentinerinnen liegt mitten in der Stadt. Gleich um die Ecke, beim Chinesen, kann man sich Peking-Ente ab vier Personen bestellen, bei Drospa Shampoo kaufen und bei Bäcker Lenz rundes Zwiebelbrot.

Doch im Mutterhaus der Gemeinschaft ist es still. Wer hinein will, muß ein schweres Eichentor vor dem kleinen Garten öffnen und an der Pforte klingeln. 38 Schwestern leben hier. Viele von ihnen, wie Schwester Armella, fast ihr ganzes Leben, einige schon ein paar Jahre, und Daniela, die einzige Postulantin in der Gemeinschaft, erst wenige Wochen.

Es ist Dienstag, kurz vor halb sieben. Der Morgen ist finster und kalt, und noch scheint sich im Haus nichts zu rühren. Nur Schwester Pankratia eilt über den Flur, öffnet die Tür zur Kapelle und steigt ein paar Stufen zur Orgel hinauf. Sie verneigt und bekreuzigt sich. Dann schaltet sie das kleine Licht über dem Notenständer an, und ihre Finger streifen sanft über die Manuale. Sie wartet auf die anderen Schwestern.

Ab dem ersten Glockenschlag betritt eine nach der anderen die Kapelle, und ihre Ordenskleider rascheln leicht über den Steinfußboden. Dann ist es noch einmal still, bis die Schwestern Punkt 6.30 Uhr mit der Laudes, dem Morgenlob, beginnen. Sie singen: „Schon zieht herauf des Tages Licht, wir flehn zu Gott voll Zuversicht: Bewahre uns an diesem Tag vor allem, was uns schaden mag.“ Und sie bitten: „Schenke uns die Gabe der Weisheit, damit wir den Auftrag dieses Tages erkennen. Gib, daß wir heute niemanden kränken und gut zu allen sind, die mit uns leben.“




Eine halbe Stunde dauert das Morgenlob, darauf folgt die Eucharistiefeier. Sie endet um 7.30 Uhr. Danach verlassen die Schwestern schweigend die Kapelle. Im Refektorium gibt es kurz darauf Frühstück: Kaffee oder Tee, frische Brötchen, Schwarzbrot, Wurst, Käse, Honig, Konfitüre und frisches Obst. Auch beim Essen wird meist geschwiegen, denn eine der Schwestern liest den anderen vor – aus der Tageszeitung, einem Buch oder andere aktuelle und geistliche Texte.

Außerhalb der Kapelle und der Mahlzeiten sehen sich die Schwestern selten. Sie haben zu tun. Schwester Teresa, die Noviziatsleiterin, trifft sich mit der Postulantin Daniela zur Bibelkunde. Schwester Godeharde eilt durch einen gläsernen Gang nach nebenan ins Altenpflegeheim St. Paulus, in dem 83 Frauen und Männer ein eigenes, aber von den Schwestern und Zivilpersonal betreutes Leben führen. Schwester Rut-Maria fährt in den Kindergarten der Barmherzigen Schwestern nach Emmerke, sechs Kilometer von Hildesheim entfernt. Schwester Ancilla, die Ärztin, ist die einzige, die in Zivil das Mutterhaus verläßt. Ihre Patienten im Krankenhaus Alfeld haben noch nicht begriffen, daß in einer Schwestern-tracht auch eine Ärztin stecken kann. Sie akzeptieren sie schneller, wenn sie in Rock oder Hose erscheint.

Schwester Armella aber bleibt im Haus. Sie bindet sich eine gestärkte, blütenweiße Leinenschürze um und beginnt kurz vor acht in der Vinzenz-Stube, den Tisch zu decken. Ungefähr 20 Männer und Frauen warten draußen vor der Tür schon auf sie: „Das sind arme Menschen, die keine Arbeit mehr haben oder auch kein Dach über dem Kopf. Es werden immer mehr.“ Sie stellt die Thermoskannen mit Kaffee und Tee auf den Tisch, holt die belegten Brote aus der Speisekammer und öffnet schließlich die Tür zur Stube.

Die Männer fragen Schwester Armella gleich nach dem ersten heißen Kaffee, ob sie in ihrer Kleiderkammer noch ein paar warme Sachen für sie hat: Mützen und Handschuhe, lange Unterhosen, dicke warme Socken. Es ist kalt geworden in Deutschland. Sie nennen sie Mütterchen, und wenn sie in der Vinzenz-Stube auch rauchen dürften, blieben sie den ganzen Tag bei ihr. Schwester Armella ist für sie wie ein Bullerofen, an dem man sich wärmen kann. „Ich habe hier bei uns mal einen gebadet“, erzählt sie, „der war so schmutzig.“ Hinterher habe er geweint und verkündet: „Jetzt sag´ ich nicht mehr Schwester, sondern Mutter zu Ihnen.“

Armut und Verzicht gehören für die meisten Menschen zum Ordensleben, obwohl heute keine Frau mehr dazu gezwungen wird, einem Kloster oder einem Orden beizutreten. Wenn sie diesen Weg wählt, tut sie es aus Überzeugung und weiß, worauf sie sich einläßt. Beim Eintritt muß sie mindestens 18 Jahre alt sein und zum katholischen Glauben und den Sakramenten stehen. Im vergangenen Jahr haben in Deutschland 169 Frauen ihr Noviziat begonnen.

Das Leben in der Ordensgemeinschaft beginnt mit einer Art Praktikum, dem Postulat. Es dauert ein halbes, manchmal auch ein ganzes Jahr. In dieser Zeit sind die Regeln noch ziemlich moderat – auch tragen die Postulantinnen keine Tracht. Erst danach ziehen sie als Novizinnen in den abgeschlossenen Teil der Ordensgemeinschaft und leben in Klausur. In ihren Zimmern hat nur das Notwendigste Platz: Bett und Schrank, Tisch und Stuhl, Gebetsbänkchen und Waschbecken.

Die Frauen studieren die Bibel und lernen die Regeln der Gemeinschaft kennen. Außerdem werden sie jetzt mit „Schwester“ angeredet und bekommen einen neuen Namen – häufig den eines oder einer Heiligen. Vor diesen Namen wird stets der Name „Maria“ gesetzt. In manchen Orden tragen die Novizinnen jetzt schon die Tracht. Auf das Noviziat folgen die erste und zweite Profeß, Gelübde auf Probe sozusagen, schließlich die ewigen Gelübde: Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen.




Die Bindung an die ewigen Gelübde ist vergleichbar mit einer Heirat, die die Schwestern mit Christus eingehen. Notfalls kann sie wieder gelöst werden. Deshalb wollen vor allem die tätigen Orden keine Frauen ohne Beruf aufnehmen. Sollten sie die Gemeinschaft eines Tages wirklich wieder verlassen wollen, können sie für sich selber sorgen.

Die Zeiten, als Familien ihre Töchter, wenn sie partout nicht unter die Haube zu bringen waren, kurzerhand ins Kloster verbannten, sind vorbei. Als Diderot 1760 seinen Roman „Die Nonne“ schrieb, war das noch Alltag. Für den Schriftsteller waren die Bedingungen des Klosterlebens ein Verstoß, ein Verbrechen gegen die natürliche Geselligkeit des Menschen. Kurz nach ihrem Gelübde läßt er deshalb seine Heldin, Schwester Sainte-Suzanne, sagen: „Ich kenne keine wahren Nonnen außer denjenigen, die aus Liebe zur Weltabgeschiedenheit hier weilen und die hier bleiben würden, auch wenn keine Gitter und Mauern sie umschlossen hielten. Zu diesen zähle ich gewiß nicht: mein Körper ist hier, doch nicht mein Herz; es weilt draußen . . .“

Schwester Rut-Maria, 29, wollte schon 1988, als sie das erste Mal zum Klosterwochenende ins Mutterhaus kam, für immer bei den Vinzentinerinnen bleiben: „Ich ging durch die Tür, las ,Eure Regel sei Jesus Christus´, sah den Heiligen Vinzenz und wußte – das ist Liebe auf den ersten Blick.“ Keiner merkte ihr an, daß sie ins Kloster gehen wollte. Zunächst einmal lebte sie ganz normal weiter. „Normal war für mich: von oben bis unten bemalte Jeans, Omas Wintermantel, Feten ohne Ende . . .“

Doch es war Liebe – auch auf den zweiten Blick. „Ich wollte immer wieder nach Hildesheim, trotz Schule, Tischtennis, Basketball, Mandoline. Aber ich wollte auch nicht überkandidelt fromm sein. Meinen Eltern erzählte ich nichts von meinen Besuchen bei den Vinzentinerinnen. Sie hätten es nicht verstanden.“

1989, nach dem Abitur, weiß Claudia, wie sie damals noch heißt, nicht, wie sie sich entscheiden soll. Sie möchte immer noch Vinzentinerin werden, aber nicht nach dem Motto „von Mutters Rockzipfel ab ins Kloster“. Sie beginnt im Kindergarten gleich neben dem Mutterhaus ein Praktikum und entscheidet, erst danach in die Ordensgemeinschaft einzutreten.

„Ich kam hier mit Birkenstock und kurzen Hosen an, und die alten Schwestern fielen fast um: Dieses lange Elend will wirklich zu uns?“ Als sich Claudia dann im November 1989 bei Schwester Hildegard anmeldet, fallen ihre Eltern schier in Ohnmacht. Sie spüren aber: Ihre Tochter ist von diesem Weg nicht abzubringen. Claudia beginnt, ihre Sachen zu verkaufen – das Rennrad, die Stereoanlage, CDs, „damit ich mir was auf die hohe Kante legen konnte“.

Die Schwestern empfehlen allen Bewerberinnen, ein Sparbuch anzulegen, damit keine mit leeren Händen dasteht, wenn sie eines Tages doch wieder gehen will. Ordensschwestern bekommen bestenfalls ein Taschengeld, die Vinzentinerinnen nicht einmal das. Für Kleidung und Nahrung sorgt die Gemeinschaft. Das Geld, das jede einzelne in ihrem Beruf als Krankenschwester oder Altenpflegerin verdient, fließt in deren Kasse. Die Gemeinschaft zahlt auch die Krankenversicherungsbeiträge und Steuern der Schwestern.

Als Claudia am 7. Oktober 1990 in den Orden der Vinzentinerinnen eintritt, ist sie glücklich. Am 20. Oktober 1991 wird sie eingekleidet und bekommt den Namen Rut-Maria. Noch glücklicher ist sie bei ihrer ersten Profeß am 11. Juni 1994: „Meine Eltern hatten meine Lebensform nun akzeptiert und inzwischen auch viele meiner Mitschwestern ins Herz geschlossen.“

Schwester Rut-Maria genießt das Leben im Konvent: „Es ist spannend. Eine Mitschwester sagte mal: Wir leben in einer Riesen-Frauen-WG. Es gibt bei uns alles, ganz verschiedene Charak-tere: sanfte, liebevolle, zickige, neidische, vertratschte, eifersüchtige. Ich entdecke gern Menschen. Ein Leben mit Männern kenne ich nicht. Kann sein, daß ich irgendwann anders denke. Ich will aber meinen Weg auf jeden Fall mit Gott gehen.“

Nach jedem Jahr überlegt Rut-Maria wieder, „was für mich dran ist“. Sie prüft sich. „Ich habe ja noch nicht auf Ewigkeiten gelobt, hier in der Gemeinschaft zu leben. Ich bin bis jetzt ehelos – aber um des Himmels willen, nicht: um Himmels willen.“ Sie fragt – sich und den Herrn: „Sag mal, lieber Gott, was willst du von mir und mit mir?“ Und sie redet darüber immer mit Schwester Teresa. „Sie ist eine, die mit Abstand guckt, die mich kennt und die mich versteht. Aber zur Zeit fühle ich mich sehr wohl und bin glücklich.“

Auch Schwester Teresa, 39, kann sich ein Leben ohne Gott nicht vorstellen – „nur tot“. Jede Perspektive würde ihr fehlen, der Sinn des Lebens. Einmal, während einer Bibelstunde, will ein Teenie von ihr wissen: „Was ist, wenn Sie oben ankommen und Sie sind angeschmiert?“

Was für eine seltsame Frage! Wie sollte Schwester Teresa angeschmiert sein, wenn sie irgendwann oben angekommen ist? Dann weiß sie doch, daß sie richtig gelebt hat. Und sind wir nicht irgendwie alle neugierig darauf, das eines Tages zu erfahren?

Es ist kurz vor 18 Uhr. Schwester Pankratia rückt ihren Schleier zurecht und setzt sich an die Orgel. Die Vesper beginnt. Die Vinzentinerinnen singen: „Es jubelt auf meine Seele in Gott, dem Herrn, meinem Heiland.“ Sie beten. Und sie danken. Für diesen Abend, und sie freuen sich auf den nächsten Tag.


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