Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Das Spiel ist aus

Zocken trotz Casino-Sperre: Wie ein Berliner um Rückzahlung seiner Verluste kämpft

Von Heide-Ulrike Wendt | 1998

Beim „Rien ne va plus“ der Croupiers in der Spielbank im Europa-Center hätte Dieter Vogel*, 58, vor 23 Jahren besser hinhören sollen. Seit sie 1975 eröffnete, spielte sich der ehemalige Polizist aus Berlin um Kopf und Kragen. Seine verhängnisvolle Leidenschaft: Roulette. Inzwischen ist er seinen Job als Polizist los sowie etwa 200 000 Mark. Nun mußte der Mann vergangene Woche auch noch eine Niederlage vor dem Berliner Landgericht verkraften: Das Casino am Alexanderplatz, die zweite Berliner Spielbank, muß dem Spielsüchtigen die 16 000 Mark nicht rückerstatten, die er dort verspielt haben will.

Als Kläger steht Vogel seit März dieses Jahres vor Gericht. In einer Pilotklage kämpft er um die 42 000 Mark seiner Lebensgefährtin, die er im August 1997 am Alexanderplatz beim Spiel verdaddelt hat. Sein Argument: Über zweihundertmal verschaffte er sich in den vergangenen acht Jahren Zutritt zum Spielcasino, obwohl er sich 1988 auf eigenen Antrag hatte sperren lassen.

Dies sei im Spielcasino im Europa-Center geschehen, gelte aber bundesweit, erklärt sein Anwalt Christian Ströbele. Damit habe die Spielbank ihre Aufsichtspflicht grob verletzt. So weist zwar in jedem Casino ein Schild ausdrücklich darauf hin, daß Eintrittskarten nur an Personen mit einem gültigen Personalausweis oder Reisepaß ausgehändigt werden. Vogel verschaffte sich aber ohne Papiere Zutritt: „Ein Trinkgeld hat gereicht!“

Spielsüchtig ist Dieter Vogel seit 1975. Ein psychiatrisches Gutachten bestätigte dies auf Anordnung eines Strafgerichts im Oktober 1987. Die folgerung von Anwalt Ströbele: Wenn der Einfluß von Alkohol oder anderen Drogen im Strafrecht die Zurechnungsfähigkeit mindere, müsse das bei einem Spielsüchtigen auch im Zivilrecht gelten. Vogel habe die Geschäftsfähigkeit zum Abschluß eines Spielbankvertrags eindeutig gefehlt.

Wenig Glück hat Vogel nicht nur im Spiel. Bereits im März und Juli wies das Landgericht seine Klage zum größten Teil zurück. Er konnte nicht nachweisen, daß er das Geld wirklich beim Roulette verloren hatte. Am vergangenen Dienstag ging es um weitere strittige 16 000 Mark, die Vogel vom Casino gefordert hatte. Dieses Geld will er in Begleitung einer Zeugin verspielt haben. Auch diese Forderung erkannte das Gericht aus Mangel an Beweisen nicht an.

Aufgeben will Vogel nicht. Dem unver-besserlichen Zocker geht es „um mehr als Geld“. Weil bundesweit über 100 000 Menschen spielsüchtig seien, fordert der Arbeitslose schärfere Einlaßkontrollen in den Casinos. Dafür würde er bis vor den Bundesgerichtshof ziehen.




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