Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Kinder, Küche und Karriere

Von Heide-Ulrike Wendt

Als ich kürzlich in Hamburg mit dem Paternoster oberen Chefetagen entgegenschwebte, kam ich in den unerwarteten Genuß, dem Gespräch zweier Personalchefs zu lauschen.

Sagte der eine: „Schrecklich, wie viele Frauen sich jetzt in Berufe der Männer drängen.“ Darauf der andere: „Egal, wie viele es sind, es gibt immer eine offene Stelle, die nur Männer ausfüllen können.“

Mein Begleiter erbleichte zunächst, bevor er sich anschließend rührend darum bemühte, mein – in seinen Augen wohl ruiniertes – Selbstwertgefühl wieder aufzumöbeln.

Theoretisch sind wir voll drauf

Du meine Güte, ich komme – bis jetzt jedenfalls noch – aus einem Land, wo laut einer Untersuchung der Akademie der Wissenschaften 80 Prozent aller Männer finden, daß Frauen ebensogut leiten können wie sie.

Natürlich auch mehr theoretisch, denn irgendeiner muß ja die Kinder abholen, die Schuhe wegbringen, Kartoffeln besorgen und zum Elternaktiv rennen. Und wer, wenn nicht wir, sollte das denn sonst sein, Herrgott nochmal.

Die leitenden Herren unserer Gesellschaft hatten es bisher nun mal so eingerichtet, daß die Frauen (immerhin 52 Prozent der Bevölkerung) nicht nur die Stütze (!) der Wirtschaft, sondern auch die der Familie sein können. Und damit sie Beruf und Mutterschaft gut in die Reihe bekommen, schenkt man ihnen das Mütterjahr und die Mütterberatung.

Natürlich gab es Mütter, die dagegen ankämpften und das auch heute noch tun. Sie fordern das Elternjahr, auf daß es sich Mutter und Vater teilen. Aber nur ein (1) Prozent der Hochschulabsolventen in der Industrie beispielsweise nahmen die Chance wahr, nicht nur Vater zu werden, sondern es auch zu sein. Das ist bekanntlich schwer.

An diesen Status möchten wir IHN bitte erst nach Dienstschluß, wann immer das auch sei, erinnern. Tagsüber hat er Wichtigeres zu tun.




Es ist statistisch erwiesen, daß viel weniger männliche Leiter während der Arbeit an ihre Familien denken als Frauen in der gleichen Position. Deshalb nehmen sie sich auch lieber Frauen, die halbtags arbeiten wollen oder zumindest solche, die nicht davon träumen, auf rauen Pfaden die gehobenen Gipfel der Leitungstätigkeit zu erstürmen. Oder sagt man heute schon besser Management?

Auch Herr Ebeling von der DSU übrigens riet uns im Wahlkampf ernsthaft davon ab, unnötig lange die Schulbank zu drücken oder gar zu studieren. Zufriedene Mienen am Tisch und im Bett danken es Ihnen!

Aber die gelernten DDR-Frauen sind leider stur. Noch immer sind selbst von ihnen 79 Prozent überzeugt, auch als Leiterpersönlichkeit ihren Mann stehen zu können, wie es der Volksmund so schön auf den Punkt bringt.

Es gibt nichts Gutes, außer, man tut es

Doch die meisten Frauen zögern. Dieses Zögern kommt natürlich nicht von ungefähr, denn wo immer sie außerhalb der Familie das Zepter in die Hand nehmen wollen, brechen sie in eine Männerdomäne ein.

Und hier gilt die Frau, womöglich sogar Mutter kleiner Kinder, als Störgröße. Aber es stört doch auch wirklich, meine Damen, wenn Sie während einer wichtigen Leitungssitzung gegen halb sechs hektisch ihre Siebensachen zusammenpacken, weil irgendwer irgendwo vor irgendeiner Tür steht und auf Sie wartet.

Eine Leiterin hat da Pech, ihr Kompagnon dagegen eine Frau für alle Fälle. Der Mann für alle Fälle ist leider eine seltene Spezies, obwohl Igor Kon, Doktor der philosophischen Wissenschaften (und Sexuloge) in Moskau behauptet, daß sich in unseren Tagen „…zwischen Mann und Frau keine Subtraktion, sondern eine Addition, eine massenhafte gegenseitige Aneignung notwendiger Eigenschaften vollzieht. Im Endeffekt verfügt jeder moderne Mensch über ein weitaus reicheres – gewissermaßen doppeltes! – ,Assortiment‘ von Charaktereigenschaften, Tätigkeitsfeldern, sozialen Funktionen“.

Schön wär’s. Dabei haben Leiterinnen noch Glück, weil sie solche Partner à la Kon häufiger als andere an ihrer Seite haben. Wie hätten sie es auch sonst schaffen können, sich in der Leitungshierarchie emporzuarbeiten?

Unsere Männer sind doch die besten

Hat sie es aber – wider alle Erwartungen – tatsächlich geschafft, gilt sie dann häufig – und das auch noch gerade bei Frauen – als machtgierig und zickig. So jedenfalls der Original-Ton von Christiane Ludwig, 35, Lehrerin: „Wo Frauen leiten, gibt es nur Zank und Streit. Männer sind da sachlicher. Frauen versuchen, sich gegenseitig auszustechen.“ Männer nicht? „Doch, Männer auch, aber ihre Methoden sind nicht so zänkisch. Sie sind sensibler, scheinbar cool, und dadurch nicht so vordergründig.“

Auch Dr. Christiane Mehlhose, 39, Politologin, sind „diese nichtskönnenden, intriganten Weiber ein Greuel“. (Gemeint sind damit Leiterinnen.) „Obwohl“, räumt sie ein, „es gibt nichtskönnende, intrigante Männer.“




Die Meinung jedenfalls, daß erfolgreiche Frauen immer schlimmer sind als Männer, ist weit verbreitet. Die bisher als bürgerlich bezeichnete Wissenschaft hat dafür auch gleich eine Erklärung parat: Erfolgreiche Frauen entwickeln nämlich das sogenannte „Bienenköniginnensyndrom“. Der schwer erkämpfte Sonderstatus – einzige und damit isolierte und gefährdete Frau unter vielen Männern zu sein – werde vehement gegenüber der anderen weiblichen Konkurrenz verteidigt.

Dornröschen als Leiterin

Das wiederum bestreitet Jutta Braband, 40, Designerin und stellvertretende Geschäftsführerin der Vereinigten Linken, ganz energisch: „Ich finde Frauen viel konstruktiver. Männer sind vielleicht sachlicher, denken dabei aber an vielem vorbei. Sie insistieren (beharren, d.A.) auf einem Punkt und lassen dabei das ganze soziale Umfeld außer acht.“ .

Robby Lorenz, 28, Fotograf, kommt das gerade entgegen. „Mir ist Klartext unter Männern lieber. Wenn mein Chef zu mir sagt, reiß dich zusammen, du Arsch, dann kann ich mich dem nicht entziehen. Ich brauche vor allem Leitungsdruck. Frauen palavern mir zuviel über das Für und Wider einer Sache. Meines Erachtens resultiert das aus ihrer Unsicherheit.“

Daß da etwas dran ist, findet auch Ines Peters, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Wissenschaften. „Obwohl Frauen nachgewiesenermaßen genauso kompetent sind wie Männer, zweifeln sie häufig an sich, pflegen ihre Minderwertigkeitsgefühle. Selbst der blödeste Mann ist bereit, Verantwortung zu übernehmen. Frauen, die auch Erfolg haben wollen, müssen erst etliche Barrieren überwinden.“

Innere Barrieren wie Bescheidenheit, die Tendenz, zum Leiten entdeckt oder wachgeküsst werden zu wollen, als sich selbst dafür zu entscheiden. Probleme mit der Akzeptanz und Konkurrenzkampf kommen hinzu.

Innen weich – Outfit

Deshalb haben Frauen auch überall dort Erfolg, wo sie nicht männliche Verhaltensweisen imitieren, sondern ihren eigenen, weiblich geprägten Führungsstil durchsetzen.

Bei Eva Devrient, 58, Textilingenieurin und ebenfalls Leiterin, zum Beispiel: „Natürlich gibt es keine Rezepte für weibliche Leitungstätigkeit, denn einen Kompromiß zwischen Autorität und Kollegialität zu finden ist schwer. Aber wenn ihn jemand findet, dann eine Frau. Ich würde mich deshalb immer für eine Leiterin entscheiden. Sie kann sich besser in meine Lage versetzen, versteht meine Probleme, denn sie hat häufig die gleichen. Männer wollen sich meist selbst herausstellen und sind eher geneigt, einen unterzubuttern.“

Auch Joachim Walther, 46, Schriftsteller, mag deshalb Chefinnen lieber. „Das Autoritätsgespreize fehlt bei ihnen völlig. Im Gespräch mit Frauen nähert man sich zuallererst auf der menschlichen Ebene. Außerdem gebietet der Umgang mit Frauen einen freundlicheren, vorsichtigeren Ton.“

Den entdeckt sogar der knallharte Fotograf Robby Lorenz manchmal an sich. Dann nämlich, wenn er es mit einer leitenden Frau zu tun bekommt, die auch wirklich eine ist. „Wenn ihr Outfit stimmt, sie ein gutes Parfüm benutzt und ihren Charme bewahren konnte, dann setzt bei mir das Kavalierssyndrom ein.“ Dann, meint er, kann er wirklich richtig nett sein.

Es wäre deshalb wichtig, für alle Frauen, die sich mit dem Gedanken tragen, den Mühen der Ebene Sprosse für Sprosse zu entrinnen, sich folgenden Spruch hinter den für die Karriere unbedingt erforderlichen Spiegel zu hängen:

Leiterin zu sein ist schwer. Man muß denken wie ein Mann, sich geben wie eine Dame, aussehen wie ein junges Mädchen und arbeiten wie ein Pferd.

Na dann…


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