Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Warum soll der Professor gehen?

Kollegen und Patienten loben ihn. Stasi-IM war er auch nicht - dennoch muß der Leiter der Neurochirurgie der Berliner Charité Siegfried Vogel um seinen Posten fürchten

Von Heide-Ulrike Wendt | 1994

Berlin, Uni-Klinik Charité, Neurochirurgie, 8.45 Uhr: Professor Siegfried Vogel beugt sicht über das Bett der zehnjährigen Nadine und streichelt ihre Wange. Das Kind leidet unter Krampfanfällen, die medikamentös nicht zu heilen sind. Eine Gewebeentnahme aus der linken Hirnhälfte soll nun helfen, die Ursache für diese Anfälle herauszufinden.

Für Vogel ist dies heute schon die zweite Operation. Sein Arbeitstag beginnt kurz vor sechs Uhr: Bevor die Nachtschwestern gehen, kann er sie nach seinen Patienten fragen. Jetzt streicht er Nadine über die blonden Locken und zeigt der OP–Schwester anschließend, wie viel Haar sie wegschneiden muß. Von Kahlscheren hält er nichts: »Das ist ein zu großer Eingriff in die Persönlichkeit des Patienten und hat mit Hygiene nichts zu tun.«

Professor Vogel operiert auch dort, wo andere die Instrumente längst aus der Hand legen. Vor allem, wenn es um Tumore am Hirnstamm geht. Etwa 60000 Nervenfasern durchkreuzen dort einen Quadratmillimeter Gewebe. Ein Schnitt zuviel kann irreparable Schäden anrichten.

In Deutschland operieren außer Vogel nur wenige Neurochirurgen in diesem Bereich. Hunderte Menschen leben nur deshalb noch, weil es den 50jahrigen Professor an der Charité gibt.

Und dieser Mann soll nun gehen.

9.50 Uhr: Die Operation mit Nadine beginnt. Zunächst durchtrennt Vogel Haut und Muskeln, sägt dann ein kleines Stück vom Schädelknochen heraus Dahinter liegt die Hirnhaut, dann das Gehirn. Die gefurchte Oberfläche ist von glänzenden weichen Häuten und pulsierenden Blutgefäßen überzogen. Mit einer Sonde, die das weiche Nervengewebe schonend zerteilt, arbeitet sich der Arzt Millimeter um Millimeter vor. Um 10.35 Uhr weiß er: Nadine hat keinen Tumor. Sie leidet unter partiellen Durchblutungsstörungen an der Stelle des Gehirns, wo das rechte Handzentrum liegt – daher die Krämpfe in Hand und Arm.




Die »Struktur- und Berufungskommission« (SBK) der Humboldt-Universitätsklinik hat Professor Vogel als »politisch belastet« eingestuft und verweigert ihm ein sogenanntes Integritätsgutachten. Ein Grund: Vogel habe von 1986 bis 1988 als »Direktor für medizinische Betreuung« eine »systemnahe Funktion« bekleidet. Professor Klaus Bürger, der dieser Kommission angehörte, will über weitere Gründe nicht sprechen: »Sie gehen an die Persönlichkeit von Prof. Vogel und sollten besser nicht in der Öffentlichkeit diskutiert werden.«

Ein erstaunlicher Wandel, denn Ende 1992 stand Vogel noch ganz oben auf der Berufungsliste, die nach dem Hochschulergänzungsgesetz von 1990 für alle Uni-Einrichtungen im Osten erstellt werden mußte. An seiner politischen Vergangenheit hatte bis dahin niemand Anstoß genommen.

Im Gegenteil, er wurde in den allerhöchsten Tonen gelobt. Professor Kindermann, SBK-Mitglied aus München, schrieb am 16. November 1992 an den Dekan der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität, Prof. Harald Mau: »Herr Professor Vogel hat ein herausragendes klinisches und ärztliches Wissen«, habe »für die Einführung neuer diagnostischer Methoden in der Hirntumorchirurgie« gesorgt und sei durch »innovative neurochirurgische Techniken und therapeutische Beiträge« hervorgetreten. Kindermanns Schluß: »Die 2. SBK kam zu der Überzeugung, daß Herr Prof. Vogel mit Abstand zu den anderen Mitbewerbern auf den ersten Platz der Liste zu setzen ist.«

Im März 1994 gibt es plötzlich eine neue Berufungsliste. Auf Platz eins ein Neurochirurg aus Essen. Professor Vogel taucht nicht mehr auf.

12.25 Uhr: Die Operation von Nadine ist beendet. Der nächste Patient wartet schon. Andy ist sieben Jahre alt und hat Angst vor der Operation. Zu seiner Mutter hat er gesagt: »Ich komme jetzt in den OR Mama. Ich mochte euch so gerne wiedersehen.«

Andy liegt klein und schmal, fast zerbrechlich, in seinem Gitterbettchen. Sein Tumor ist bösartig, die Metastasen reichen bis ins Rückenmark. Professor Vogel hatte für diese Operation den halben Tag reserviert, doch nach den letzten Untersuchungen steht fest: Es gibt keine Hoffnung mehr für das Kind. Nun wird nur noch ein Katheter für eine weitere Chemotherapie eingesetzt.

Es ist still im Operations-Saal. »Wie wär’s mit ein bißchen Vivaldi oder Beethoven?« fragt der Professor, und eine der Schwestern beginnt sofort, in den CDs zu wühlen. »An so einem Tag«, sagt sie, »nehme ich zu Hause als allererstes meinen kleinen Sohn in den Arm und sag’ ihm: Auch wenn du manchmal frech bist – ich hab’ dich ganz doll lieb.«

Anfang März 1994 steht die Meldung von Vogels beabsichtigter Entlassung in der Berliner Presse. Seine Patienten laufen Sturm. Sie gründen eine Initiative mit dem Namen »Prof. Vogel muß an der Charité bleiben!«

Als am 21. März 1994 die SBK erneut in der Universitätsklinik tagt, versammeln sich Patienten und deren Angehörige in der Eingangshalle, mehr als 50 Menschen. Was sie fühlen, haben sie auf Plakate geschrieben. Niemand soll ihre Botschaft übersehen. Nicht die des sechsjährigen Erik Sander: »Ich will weiterleben. Schickt meinen Professor Vogel nicht fort.« Oder die von Jörg Knappe: »Professor Vogel rettete meinem Sohn das Leben. Er soll und muß bleiben.«

Die Ärzte eines anderen Krankenhauses hatten den schwer hirnkranken Jungen Marco, gerade 17 Jahre alt, schon aufgegeben. »Seine Atmung funktionierte kaum mehr. Er war unfähig, seine Augen zu schließen. Professor Vogel konnte ihn retten. Es gibt keine Alternative zu ihm«, sagt der Vater.

Professor Harald Mau, Dekan der Charité, kommentierte die Aktion der Patienten mit den Worten: »Die Besetzung von Professorenstellen erfolgt nicht durch Volksabstimmung, sondern durch den Senat.«

14.15 Uhr: Professor Vogel schaut nach Nadine. Sie hat starke Kopfschmerzen, aber noch schlimmer peinigt sie die Sehnsucht nach ihrer Mutter. »Wir haben mit ihr telefoniert«, tröstet sie der Professor, »sie ist schon unterwegs zu dir.«

Um 14.30 Uhr ist Visite auf Station 6. Auf dem Flur trifft Vogel den Sohn einer 63jahrigen Patientin. »Wie geht es meiner Mutter, Herr Professor?« fragt der Mann. Vor zwei Tagen wurde ihr eine gutartige Zyste am Hirnstamm entfernt. Auch sie war von anderen Chirurgen bereits aufgegeben worden.




Der Sohn, West-Berliner: »Die waren richtig eingeschnappt, als ich sie fragte, ob ihr vielleicht dieser berühmte Professor von der Charité helfen könnte.« Vogel dagegen war nicht eingeschnappt, als ihn der junge Mann bei der ersten Konsultation fragte, ob er sich mit Computertomographie überhaupt auskenne. Die Charité liegt eben im Osten, und da weiß
man nie.

Am 27. März treffen sich Patienten und ihre Angehörigen im Universitätsklinikum Steglitz. Sie wollen Professor Mario Brock sprechen. Er ist Leiter der dortigen Neurochirurgie und führendes Mitglied der Deutschen Neurochirurgischen Gesellschaft. Sie hoffen, daß er seinen Einfluß geltend machen kann, um die Kündigung von Vogel noch abzuwenden. In einem Brief an Brock heißt es: »Unterstützen Sie Ihren Berufskollegen, der von seinen Patienten überlebensnotwendig gebraucht wird.«

Professor Brock ist an diesem Tag für die Patienten nicht zu sprechen. Dem STERN sagte er jetzt: »Meine Kollegen, also die Neurochirurgen dieser Stadt, haben vereinbart: Wir sagen nichts.«

15.15 Uhr: Sprechstunde in Vogels Arbeitszimmer.

Fünf Patienten haben sich angemeldet. Einem 64jährigen eröffnet der Professor, daß er sofort operiert werden müsse, sonst drohe ihm eine Querschnittslähmung. Ein bösartiger Tumor hat
seinen achten Rückenwirbel fast zerstört.

Am 18. Mai marschieren 160 Patienten von der Charité zum Roten Rathaus. Sie überreichen Bittschriften und Listen mit mehr als 500 Unterschriften für den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen.

Auch CDU-Wissenschaftssenator Manfred Erhardt kann sich nicht über zuwenig Post beklagen: Hunderte von Vogel-Patienten schreiben ihm. Aber nicht nur die Patienten ergreifen Partei. Henry N. Wagner, Professor für medizinische Radiologie an den »Johns Hopkins Medical Institutions« in Maryland, USA, setzte sich für die erneute Berufung Vogels ein, ebenso wie sein Kollege Professor Gerhard Pendl von der Karl-Franzens-Universität in Graz. Pendl: »Schon lange vor der Wende genoß Professor Vogel hohes Ansehen in ganz Europa, den USA und Japan.« An den Senator schrieb er: »Ich würde es als eine große Niederlage empfinden, wenn man einem so verdienstvollen Mann, der schon zu DDR-Zeit manche Kränkung einstecken mußte, sich aber aufgrund seiner hervorragenden wissenschaftlichen Leistungen durchsetzen konnte, nun … diese Schmach antun würde.«

Doch Senator Erhardt schweigt: Berufungen von Professoren sind nicht Gegenstand öffentlicher Erörterungen. Immerhin erklärt seine Pressesprecherin Monika Grütters, fachlich sei Vogel »sicherlich unumstritten«. Und Stasi-Kontakte hatte es nie gegeben. Allein ausschlaggebend sei die »pers6nliche Eignung«. Und die sei unter anderem davon abhängig, ob der Kandidat »in außerordentlich system-stabilisierender Weise« zu DDR-Zeiten tätig war.

War er das? Vogel: »Ich war kein Widerstandskämpfer, aber ganz gewiß weniger angepaßt als andere. Als Ärztlicher Direktor war ich für viele Kollegen äußerst unbequem.«

1988 wurde er nicht zuletzt deshalb als Ärztlicher Direktor abgelöst und bis zur Wende nach Magdeburg versetzt. Die SBK wertet das heute als Aufstieg.

Den Patienten sind diese Einschätzungen egal – sie wollen ihren Professor Vogel behalten.

Für Gabriela und Sebastian Ripprich aus Görlitz, Eltern einer hirnkranken Tochter, ist seine geplante Entlassung nichts anderes als der schon mehrfach praktizierte Kehraus von international angesehenen Spitzenmedizinern aus dem Osten Deutschlands: »Bei dem krankhaften Ehrgeiz, der zukünftigen deutschen Regierung namhafte Einrichtungen und Institutionen der Hauptstadt Berlin ‚politisch besenrein’ zu übergeben, werden offenbar da, wo es an Argumenten fehlt, Dreistigkeit und Borniertheit zu Handlungsinstrumenten. Das ist ein deutsch-deutscher Skandal, der nicht zufällig in Berlin über die Bühne geht.«

Und natürlich geht es auch um Geld, viel Geld: Die Nähe der Charité zum künftigen Regierungsviertel läßt deren lukrative Perspektiven unschwer erahnen – ein sattes Gehalt und zahlungskräftige Privatpatienten.

Doch Gabriela Ripprich ist empört, daß mit den Seelen der Kranken »Russisch Roulette gespielt wird«. Mit dem Operateur werde über das Schicksal Dutzender Patienten entschieden, die ohne ihn kaum eine Überlebenschance hätten.

Operierte Patienten brauchen häufig eine mehrjährige spezielle Nachsorge durch den Arzt. Henrike, die sechsjährige Tochter der Ripprichs, wurde 1990 von Vogel am Hirnstamm operiert. Er entfernte einen 16 Millimeter großen Tumor, der Atmungszentrum und Schluckreflex schon zeitweilig außer Kraft gesetzt hatte. Noch Stunden vor dem Eingriff wollten andere Ärzte den Eltern die Operation ausreden. Wenn das Kind überlebte, so ihr Argument, dann nur als schwerer Pflegefall.

Heute, vier Jahre nach der Operation, können viele Henrike auf den ersten Blick nicht von ihrer kerngesunden Zwillingsschwester Franziska unterscheiden. Als Vogel Henrike am 14. März 1994 wieder einmal untersuchte, nahm er sie in den Arm und sagte: »Das mit dir, das glaubt mir keiner.«

16.45 Uhr: Vogel ist wieder im OP. Noch einmal öffnet er einen Schädel, bevor er um 19.40Uhr die Wirbelsäulenoperation des 64jahrigen beginnt. Um 23 Uhr bedankt der Chef sich bei den Schwestern.

Vor seinem Arbeitszimmer steht einer seiner Studenten, der mit ihm über seine Doktorarbeit sprechen will. Professor Vogel hat bis zu diesem Zeitpunkt nichts gegessen. Am Automaten neben dem OP hat er sich dreimal eine Tasse Kaffee gezogen.

Er fühlt sich nicht erschöpft, aber über eine Doktorarbeit will er jetzt nicht mehr reden. Eigentlich will er gar nicht mehr reden. In fünf Stunden ist für ihn die Nacht vorbei. Wie jeden Tag ist er morgen kurz vor sechs wieder in der Charité.


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