Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Wahnsinn

Was einer Familie aus Ost-Berlin an den ersten Tagen mit der D-Mark widerfahren ist

Von Heide-Ulrike Wendt | 1994

Wahnsinn. Vier Jahre sind seit dem Tag vergangen, als wir in der (ehemaligen) DDR Sterntaler spielen durften. Alle sagten damals Wahnsinn. Kurz vor und lange nach diesem 1. Juli 1990…

Ein paar Tage v0r der Wahrungsunion bekam ich den Auftrag, eine Reportage über das neue Spielcasino in der 37. Etage des Hotels Stadt Berlin zu schreiben. Ich verschleuderte damals meine gesamten Spesen. Zehn Deutsche Mark waren das. Na, jedenfalls lernte ich dort eine Frau namens Helene kennen. Die stammte aus Westberlin, wie man damals noch sagte, und schloss mich offensichtlich sofort in ihr Herz. Sie schenkte mir ein paar Jetons und lud mich und meine Familie am nächsten Tag zum Essen ein.

Beim Essen fragte sie uns dann, ob unser Konto schon voll sei.

»Wie, voll?« fragte mein Sohn, und bestellte sich seine vierte Cola. Peinlich. Vier Cola kosten ein Vermögen.

»Naja«, sagte Helene, sichtlich genervt, »ich meine, ihr könnt doch 4000 Piepen pro Kopf 1:1 tauschen, und für eure Kids jeweils 2000. Ich dachte nur, wenn ihr das Geld nicht habt, könnte ich euch unter die Arme greifen. Nach der Währungsunion machen wir dann fifty-fifty.«

Es wäre ein gutes Geschäft für Helene gewesen. Am Bahnhof Zoo bekam man noch kurz vor der Währungsunion für eine Mark West viel Mark Ost. Und die dann auf unserem Konto 1:1 zurückgetauscht – nicht schlecht, Herr Specht.

Weil wir aber nicht wollten, zerbrach unsere neue Freundschaft ziemlich schnell. Man kann sagen: vor der Kneipentür.




Die originellste Idee zur Währungsunion hatte allerdings die Deutsche Bank. Sie öffnete ihre Filiale am Alexanderplatz Schlag Mitternacht. Und schon wenige Minuten später drohte der geldgierige Mob, den obersten Öffentlichkeitsarbeiter dieses noblen Geldinstituts, Herrn Hellmut Hartmann, dem Erdboden gleichzumachen. Dabei stand er doch nur in der Tür, um den Massen zuzurufen: »Keine Panik, Leute. Es ist Geld genug für alle da.«

Doch keiner hörte auf ihn. Einer dieser Stürmer und Dränger brüllte ihm sogar »Platz da!« ins Ohr. Ein Reporter sagte danach leise in sein Mikrofon: »Wahnsinn, wenn man bedenkt, wie zivilisiert und friedlich diese Menschen waren, als sie das erste Loch in die Mauer schlugen.«

Ja, wirklich. Wahnsinn. Am Abend verspricht uns der Kanzler im Fernsehen: »Den Deutschen in der DDR kann ich sagen: Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor, dafür vielen besser…«

Das war natürlich eine faustdicke Luge, denn niemals zuvor in unserem Leben mussten wir im Osten solange am Sparkassenschalter anstehen, wie bei dieser Währungsunion.

Wir sind dann am nächsten Tag in den Urlaub gefahren. Unser letzter FDGB-Urlaub. Elf Tage Mühlhausen im Vogtland für 350 Deutsche Mark. Wir dachten damals, das sei billig. Ein Schnäppchen sozusagen. Grrr! Unser Postbote ist kürzlich für 220 Mark einmal nach Spanien, hin und zurück, gefahren, inklusive sechs Tage Aufenthalt. Wahnsinn.

Wir wollten natürlich auch viel in den Westen. Coburg, Bayreuth, Kulmbach und Hof, das lag ja alles ganz dicht neben unserem FDGB-Ferienheim. Und der Kanzler hatte den Menschen in der alten Bundesrepublik auch versprochen: »Keiner wird wegen der Vereinigung Deutschlands auf etwas verzichten müssen.«

Die Menschen dort glaubten ihm das aber nicht. Die konnten uns nicht leiden, obwohl nicht einer von uns als Alteigentümer kam. Das gab’s damals noch gar nicht. Wir wollten nur gucken, mein Gott.




In Karlsbad war alles ganz anders. Da klopfte mir gleich auf dem Parkplatz ein Mann auf die Schulter und fragte: »Du deutsch? Wollen tauschen?« Das hatte mich noch nie einer gefragt. Bisher musste ich immer fragen, wenn wir was brauchten, das es für Alu-Chips nicht gab: einen Vorschalldämpfer für unseren Trabi oder eine Mischbatterie fürs Bad, Olivenöl, Gummibärchen, Tempotaschentücher, Werkstatt-Termine, ein Zimmer auf Hiddensee.

Zum ersten Mal in unserem Leben spielten wir dieses Spiel mit vertauschten Rollen. Das war neu und peinlich zugleich. Waren wir nun ab sofort Menschen 1. Klasse und der Mann da, auf dem Parkplatz, einer aus der 2. Klasse?

Er wollte dreißig Mark und gab uns dafür 300 Kronen. Die reichten für zwei Budweiser, zwei Limonaden, vier Suppen, vier Gulasch mit Semmelknödel und Sauerkraut, vier mit Saline und zwei Tassen Kaffee. Dazu kamen noch drei Luftballons und ein kleines Lederportemonnaie mit dem Karlsbader Wappen.

Auf dem Weg zum Parkplatz kamen wir an einem kleinen Bäckerladen vorbei, vor dem eine sozialistische Wartegemeinschaft in Viererreihen stand. Im Schaufenster sah man, was es hier ab I7 Uhr geben würde: Diese köstlichen Karlsbader Oblaten, die uns unser Tantchen früher immer aus Göttingen mitbrachte.

Wir stellten uns an und kratzten unsere letzten Kronen zusammen. Sie reichten gerade mal so für eine Packung. »Schade, dass wir Omi keine mitnehmen konnten«, sagte unser Jüngster auf dem Heimweg.

Ja, das war schade. Erst kurz vor der Grenze fiel es uns wie Schuppen von den Augen: »Menschenskinder, wir haben jetzt doch Westgeld. Wir hätten den ganzen Laden leerkaufen können.«

Aber dann kam alles noch viel schlimmer.


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