Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Unser schwarzes Schaf

Ein Adeliger aus Hamburg verschreckt die Bewohner eines idyllischen Haveldorfs

Von Heide-Ulrike Wendt | 1999

Die feudalen Zeiten, so dachten die Leute im brandenburgischen Steinhavelmühle, seien längst vorbei. Jetzt scheint es, als wären sie zurückgekehrt: Ein Adeliger ist gerade dabei, sich den kleinen Ort zwischen Neustrelitz und Templin untertan zu machen.

„Das gehört jetzt alles mir“, behauptet Peter-Alexander von der Marwitz, 43, Unternehmensberater aus Hamburg, und ließ an der Dorfstraße blaugelbe Schilder aufstellen: „Privateigentum . . . Befahren nur mit schriftlicher Genehmigung“.

Mit Empörung reagieren die 21 Bewohner auf das „großkotzige Gehabe“ ihres neuen Herrn, dabei fanden sie seine Pläne zunächst gar nicht schlecht. Marwitz will das verschlafene, aber idyllisch zwischen Wäldern und Havel gelegene Nest zum Freizeitparadies mit Jachthafen, Biergarten, Bowlingbahn und Streichelzoo ausbauen. Er setzt vor allem auf die Bootsfahrer, die sommers in Massen auf der Havel unterwegs sind.

Zwar braucht Steinhavelmühle dringend Investitionen. Das größte Gebäude, eine alte Getreidemühle, verfällt, und die restlichen 20 Häuser und Datschen sind in Ausstattung und Bauzustand noch typisch DDR. Inzwischen argwöhnen die Eingesessenen aber, der Wessi Marwitz wolle sie rausekeln.

Zwei Familien, die in der Endzeit der DDR Grundstücke in Steinhavelmühlen erworben hatten, kündigt Marwitz Streit an: „1000 Quadratmeter für 1000 Mark – das ist doch illegitim.“ Den sieben Datschenbesitzern kündigte er fristlos die Verträge. Die Jahrespacht von nur 1,80 Mark pro Quadratmeter ist für ihn inakzeptabel. Marwitz´ Ultimatum: „Neue Verträge, oder die Leute müssen gehen!“




Hausbesitzerin Marlis Kindermann schimpft: „Der führt sich hier als Gutsbesitzer auf, dabei gehört ihm das Dorf noch gar nicht.“ In der Tat gehört Steinhavelmühle der Erbengemeinschaft Moncke-Smarsch aus Neubrandenburg, die das zu DDR-Zeiten enteignete Gut 1993 zurückerhielt. Die Eigentümer sind zum Verkauf bereit, doch der Vertrag ist noch nicht unterschrieben. Vorerst stützt sich Marwitz nur auf eine Generalvollmacht: „Das heißt, ich kann hier machen, was ich will.“

In Sorge um den Ruf der Familie eilte jetzt der Vater des selbsternannten Aufbauhelfers, Georg Hildebrand von der Marwitz, nach Steinhavelmühle, um die aufgebrachten Siedler vor seinem Sohn zu warnen: „Er ist unser schwarzes Schaf. Wovon will er denn den Ort kaufen, er hat doch überhaupt kein Geld.“

Der junge Marwitz widerspricht. Angeblich hat er bereits Zusagen über 80 Millionen für das Projekt, „nächstes Jahr ist der erste Spatenstich“.

Zuvor will Marwitz gegen die Datschenbesitzer prozessieren. Vor ein paar Schrebergärtnern, soviel ist klar, wird er nicht kapitulieren.


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