Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Umfrisiert und aufpoliert

Heide-Ulrike Wendt, STERN-Redakteurin aus Ostdeutschland, ließ sich im ersten Image-Beratungsbüro Ostberlins auf Wessi-Look trimmen

Von Heide-Ulrike Wendt | 1992

Was haben Sie nur für ein hübsches Näschen, sagt der Visagist und betrachtet voller Entzücken mein Profil. Unter uns: Ich habe eine Nase, mit der nur eine Frau wie Barbara Streisand Karriere machen kann. »Sie sind der typische Winter-Typ«, sagt die Farbberaterin und legt mir ein hellblaues Seidentuch um den Hals. »Sie sollten nur kalte, klare Farben tragen.« Unter uns: Meine Lieblingsfarben waren bisher Rot, Grün, Oliv und Goldgelb.

»Ihre Augenbrauen sind zu kurz«, findet der Friseur. »Sie müssen sie täglich mit einem Kajalstift färben und nachzeichnen.« Unter uns: Schon jetzt hämmern jeden Morgan zwei große und vier kleine Männerfäuste an die Badezimmertür.

Ich sitze im ersten und bislang einzigen Image-Beratungs-Studio in Ostberlin. Bei »Atmeum« kann sich der orientierungslose Ossi für knappe 1000 Mark auf die Marktwirtschaft trimmen lassen. »Atmeum« sorgt für alles: Make-up, Frisur, Klamotten, Sprecherziehung, Bewegungsunterricht, Einkaufsberatung.

Die Zeiten sind vorbei, in denen unser Leben von der Wiege bis zur Bahre seinen sozialistischen Gang ging. Kein Kaderleiter ließ sich von einem lautgemusterten
Schlips oder einer ausgewachsenen Dauerwelle abschrecken. Die neuen Manager und
Personalschefs sind da entschieden pingeliger. Für 91 Prozent von ihnen gilt laut Umfrage immer noch: Was einer zu sagen hat, steht und fällt damit, wie er es rüberbringt. »Atmeum« heißt der Weg zum Erfolg. Und sein Name ist ein kategorischer Imperativ: »Atme um!«, das heiße soviel wie »Denke um!«, erklärt der Studio-Chef Torsten Schlingelhof, selbst ein Ossi: »Wir dürfen uns nicht länger von den richtig riechenden, richtig sprechenden und richtig angezogenen Wessis die Butter vom Brot nehmen lassen.«

Ganz genau. Die erste Ostberliner Image-Beratung ist gerade vier Monate alt, aber schon kamen an die 100, um an ihrem Ego feilen zu lassen. Wir brauchen eben Hilfe.

Ich bin beispielsweise in Hosen eines französischen Designers zu einem Vorstellungsgespräch nach Hamburg gefahren. Meine Westberliner Freundin bekam einen Lachkrampf, als sie mich darin sah: »Mensch, der Typ war in den Siebzigern hip, da hat er tolle Klamotten gemacht. Jetzt ist er hop.« Ich sollte in den Siebzigern vor allem das stolze Blau der Freien Deutschen Jugend tragen. Der französische Klamotten-Guru war nichts weiter als ein Klassenfeind.




»Marlene-Dietrich-Hosen würden Ihnen viel besser stehen«, rät auch die Modedesignerin von »Atmeum«, Andrea Engelmann. »Wenn Sie dazu hohe Pumps und ein schmales Oberteil tragen, wirken Sie viel größer und schlanker.«

Mit schneller, sicherer Hand zeichnet sie Figurinen aufs Papier. Nach anderthalb Stunden
liegt meine neue Standardgarderobe aufgeblättert vor mir, die mich jung, dynamisch, leistungsfähig aussehen lassen soll: Cape-Mantel im Empire-Stil; glockige Hosen, Kostümjacken mit 7/8-Proportion und weich zusammenfallenden Röcken, schmale Kleider, die eine Handbreit überm Knie enden, romantische Blusen mit weichen runden Kragen. In meinem Schrank wimmelt es von spitzen Kragen!

Frau Engelmann schüttelt den Kopf. »Ihr Gesicht ist so schmal und der Hals so lang, Sie dürfen nur noch weiche runde Ausschnitte tragen. Die müssen Ihr Image-Merkmal werden.« Ich hab’ davon schon gehört. Bei Adenauer war es das putzige Pepitahütchen, bei Madonna sind es die lasziven Mieder.

Um mich als »Wintertyp« zu entlarven, liefert mich die Modedesignerin erneut meinem
Spiegelbild aus. Da sitz’ ich: ungeschminkt, mit streng zurückgekämmtem Haar. Sie drapiert Seidentücher um meinen Hals. Die beweisen eindeutig: Der Unterton meiner Haut ist blau. Das heißt: Rot lässt meine Wangen hängen, Gelb die Nasen-Mundwinkel-Falten hervortreten, Ocker verstärkt die Schatten unter meinen Augen. O Gott! Gerade habe ich mir in dieser Farbe einen Sommermantel gekauft!

»Die richtigen Farben lassen eine Person gesunder und lebendiger aussehen«, sagt Andrea Engelmann.

Wie hieß es doch vor der Beratung so hoffnungsvoll: »Wir wollen Ihre Identität retten und
aufbauen. Wir wollen Ihnen dabei helfen, sich zu integrieren – und nicht, sich anzupassen.«

Der Visagist und der Haarstylist sind der Meinung: »Das Zeug muss ab.« Sie meinen damit meine wunderschönen dauergewellten Locken, die meine Männer zu Haus so lieben und hinter denen ich alle meine kleinen Unsicherheiten wunderbar verstecken kann. »Bekennen Sie sich endlich zu Ihrem Typ! Ringen Sie sich durch zu klaren, offenen Linien – der Pony muss ab!«

Er ist ab. Fast alle Haare sind ab. Derartig entblößt, empfiehlt mir der Visagist eine kleine chirurgische Korrektur der Augenlider (1500 Deutsche Mark). Mit dem Rest ist er zufrieden: Ich bin jetzt ein Typ. Der Visagist findet mich toll, der Friseur findet mich toll. Alle finden mich toll. Doch das Wichtigste ist: Selbst ich finde mich toll.

Als mir zu Hause mein Sohn die Tür öffnet, sagt er: »Ah ja, wir haben uns für die Emanze
entschieden.« Sein Vater schließt sich im Badezimmer ein. Und mein Jüngster fragt, ob ich wüsste, wo seine Mama sei.


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