Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Krieg um ein Buch

Die Frankfurter an der Oder fühlen sich durch heiter-böse Geschichten schwer beleidigt

Von Dirk Horstkötter und Heide-Ulrike Wendt | 1999

Im Sommer war Buchautorin Gabriela Mendling noch optimistisch: „Ich denke, dass wir endlich miteinander reden und lachen können“, frohlockte die Chefarzt-Gattin, nachdem sie ihre deutsch-deutschen Umzugsgeschichten unter dem Titel »NeuLand«
erfolgreich in den Buchläden platziert hatte. Im November ist der Autorin, die 1995 von Wuppertal nach Frankfurt (Oder) zog, nur noch zum Heulen zu Mute. Nach unzähligen Talk-Shows und Lesungen sagt sie nun alle Termine ab: „Ich halte die Gehässigkeiten und Anfeindungen nicht länger aus.“ Selbst Morddrohungen habe sie inzwischen erhalten.

Ihr Buch hat eine Empörung ungeahnten Ausmaßes entfacht. Die „ganz einfachen Geschichten“ – so der Untertitel -, in denen sie miese, fiese, faule ostdeutsche Handwerker, Nachbarinnen in paillettenbestickten Pullovern und Stasi-belastete Ärzte beschreibt, regen die Ostdeutschen auf. „In Frankfurt brennt die Luft“, registrierte Franz Kadell, Chefredakteur der „Märkischen Oderzeitung“, vergangene Woche.

Hoch her geht es vor allem im städtischen Klinikum, wo Werner Mendling, Ehemann der schreibenden Hausfrau, als Chefarzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe arbeitet. Auf den Fluren kursierten Flugblätter mit der Einladung zum „Grundkurs im Umgang mit Messer und Gabel“, den die „wunderschöne Privatdozentin Mendling“ hält. Hintergrund: In „NeuLand“ zieht die Autorin über Ossis her, die Lasagne mit der Hand essen.

Die provokativen Handzettel waren nur ein harmloses Vorspiel. Mittlerweile beklagt Verwaltungsdirektor Andreas Grahlemann öffentlich „die Aktivitäten der Familie Mendling“, die der Klinik Schaden zufügten. „In den letzten Monaten sind allein die Entbindungen um 17 Prozent zurückgegangen.“ Angeblich riefen täglich bei der Klinikleitung Dutzende empörter Patientinnen an: Chefarzt Mendling könnten sie nicht mehr vertrauen. Oberarzt Hermann Seik weiß, warum: „Sie befürchten, im nächsten Buch wegen ihres ossimäßigen“ Nachthemds vorgeführt zu werden.“




Um ihn und seine Kollegin Sabine Jacobi hat sich mittlerweile die gesamte Station gesammelt. Mitte vergangener Woche baten sie ihren Chef in einem Brief, „die böswillige Betrachtung von NeuLand nicht fortzuführen“.

Mendling steht zu seiner Frau. Sie habe „ein wichtiges Stück Zeitgeschichte geschrieben“. Seik kontert: „Wenn er sich nicht distanziert, setzt er sein Image und das unserer Klinik aufs Spiel.“

Nicht nur dort kämpfen die Frankfurter um ihren Ruf. Ihre Stadt ist verschärft unter Medienbeschuss geraten. So brandmarkte das New Yorker „Time“-Magazin in einer Sonderausgabe Frankfurt (Oder) neben Magdeburg als Zentrum des deutschen Rechtsradikalismus. Ernsthaft warf der Schreiber die Frage auf, ob dort nicht NATO-Friedenstruppen Ordnung garantieren sollten.

Ausgerechnet am 9. November, als ganz Deutschland sich des Mauerfalls vor zehn Jahren erinnerte, setzte das ZDF-Magazin „Frontal“ einen drauf. Offenbar angespornt von Mendlings Enthüllungen, entdeckten sie in Frankfurt eine „Mauer in den Köpfen“ (Filmtitel). Da singen ältere Damen „begeistert“ die Nationalhymne der DDR, träumen Arbeitslose im Arbeitsamt von alten Zeiten mit Vollbeschäftigung, rotten sich „Glatzen“ im Bowling-Center der Stadt zusammen.

Kritik am Bericht seines Redakteurs lässt Frontman Ulrich Kienzle nicht gelten. Das ZDF-Team habe viel schlimmere Szenen gar nicht gezeigt. Nichtsdestotrotz reist Kienzle Anfang dieser Woche mit Chefredakteur Klaus Bresser zur öffentlichen Diskussion an.

Familie Mendling ist abgetaucht. Auf das Klingeln an der Tür reagiert nur einer – der Hund des Hauses.


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