Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Klotzen statt MOTZEN

Vier Dörfer in der Uckermark proben den Aufschwung Ost. Ein krebskranker Bürgermeister macht den Menschen Mut

Von Heide-Ulrike Wendt | 1998

Eben noch hat Gerhard Schröder den Vorbeifahrenden mit gewinnendem Lächeln signalisiert: Wählt mich, und der Aufbau Ost wird zur Chefsache! Jetzt klebt ihm eine volle Ladung Dreck im Gesicht. Kein Wunder, denn gerade ist Franz Baumgartner mit seinem dschungelgrünen Opel Vectra an ihm vorbeigebrettert. Franz Baumgartner, 65 Jahre alt, ist zwar Bürgermeister der Großgemeinde Drense, Grünow, Damme und Dreesch in der brandenburgischen Uckermark. Auf den ordnungsgemäßen Zustand von Wahlplakaten kann er aber im Moment keine Rücksicht nehmen. Der Mann hat es eilig.

Es ist Samstag, der 5. September, kurz nach acht, und Franz Baumgartner rast nach Grünow. Dort eröffnet heute Eckhard Kroll, einer der ersten erfolgreichen Kapitalisten unter den Grünowern, das neue Kulturzentrum des Dorfes – einen ehemaligen, nun auf Hochglanz polierten Schafstall. Gefeiert wird mit Bauernmarkt und Erntefest. Im Kofferraum hat Baumgartner deshalb ein paar Säcke mit Kartoffeln vom eigenen Acker, so groß wie Honigmelonen. Die will er für eine Mark das Stück verkaufen und damit im nächsten Sommer ein Open-air-Konzert auf dem Drenser Dorfanger finanzieren. Wahrscheinlich denkt er an die drei Tenöre, denn er ist sich sicher, daß seinen Kartoffeln keiner widerstehen kann.

Doch da hat er sich geschnitten. Eine Nachbarin aus Drense schüttelt fassungslos den Kopf: „Mensch Franz, was soll ich denn mit deinen Kartoffeln? Wir haben selber welche im Garten.“

Baumgartner ist baff über soviel Humorlosigkeit. Als würde es um Kartoffeln gehen! Hier geht es um die Zukunft der Uckermark, um den Aufschwung Ost. Da braucht es Initiative und ungewöhnliche Ideen, denn das, wonach sich alle sehnen – Arbeit, Brot und Spiele -, wird in den nächsten Jahren nicht vom Himmel fallen. Da braucht es einen wie Franz Baumgartner. Obwohl selbst schwer krank, gelingt es ihm, viele Gemeindemitglieder herauszureißen aus dem Sumpf der Resignation. Und einen wie Eckhard Kroll, den „Kapitalisten“. Auch er schafft Jobs.

Die Arbeitslosigkeit liegt in der Uckermark bei 20 Prozent. Über die Hälfte aller Schulabgänger haben noch keine Lehrstelle. Früher ackerten fast alle im Stall oder auf dem Feld ihrer LPG, doch die wurden schon kurz nach der Wende zwangsliquidiert oder umgewandelt, die alten Dorfstrukturen zerstört. Um 23 Uhr geht hier auf den Straßen das Licht aus. Die Gemeinden haben kein Geld.




Bürgermeister Baumgartner hätte mehr als alle anderen Grund zu verzweifeln: Vor vier Jahren diagnostizierten die Ärzte bei ihm Darmkrebs. Als er ihn besiegt glaubte, fanden sie in seiner Leber sieben Metastasen.

Ausgerechnet einen Tag vor dem großen Fest im Grünower Schafstall empfahlen ihm Spezialisten eine Chemotherapie. Sofort. Baumgartner willigte ein, und alles, was er dazu braucht, trägt er nun in einem knallbunten Bauchbeutel unter seinem Jackett. Keiner merkt ihm etwas an. „Und wenn“, sagt Baumgartner, „würden sie mich nicht verstehen. Sie würden mich fragen, warum ich mich um anderer Leute Sorgen kümmere, wenn ich selber genug habe.“ Und gibt auch gleich Antwort auf die ungestellte Frage: „Es ist ganz einfach“, meint er, und seine wachen Augen blitzen. „Die Sorgen der anderen gefallen mir besser als meine eigenen.“

Sieben Autos hat Baumgartner nach der Wende auf den holprigen Straßen zwischen Drense und den Ämtern in Prenzlau verschlissen, um seinen treuen Wählern ein kleines bißchen Zukunft zu verschaffen. Mit Erfolg. Im Moment haben in seiner Großgemeinde von 1004 Leuten 15 eine ABMStelle. Die harken in Drense Blätter vom Dorfanger, bessern in Damme die Feldwege aus, klauben in Dreesch den Müll aus dem Gebüsch und schneiden in Grünow die Hecken. Alle, wirklich alle ringsum, beneiden sie, aber die 15 sehen eigentlich keinen Grund zum Jubeln: „Wir haben den Job doch nur, weil die Politiker vor den Wahlen die Arbeitslosenzahlen senken wollen. Und im nächsten Jahr sind wir dann alle wieder arbeitslos.“

Doch der Bürgermeister mag sich an diesem schönen Tag die Laune nicht verderben lassen. Viel lieber will er allen von seinem letzten großen Coup berichten. Baumgartner hat geschafft, was keiner mehr für möglich hielt: Noch in diesem Jahr, im Wahljahr, wird der Landweg von Drense nach Dreesch asphaltiert: 1200 Meter lang, vier Meter breit. Daneben kommen ein Reitweg und links und rechts Bäume.

Ein Husarenstück, denn in der Uckermark sind die Kassen leer. Sämtliche Mittel für die Dorferneuerung 1998 sind ausgezahlt. Viele Gemeinden rund um Prenzlau sind pleite oder stehen kurz davor. „Kein Wunder“, stöhnt Baumgartner, „bei der Abgabenlast.“ Immer, wenn er Zuschüsse bekommt, will der Kreis davon fast die Hälfte kassieren. Anfang des Jahres hatten in vielen Gemeinden des Amtes Prenzlau Land die Gemeindevertreter das Geschacher um jede lausige Mark satt – sie traten zurück. Auch die Mannschaft von Franz Baumgartner. Er blieb im Amt. Einer mußte ja schließlich den Hut aufhaben.

Am 28. Juni gab es in der Uckermark vorgezogene Wahlen. In der Großgemeinde Drense, Grünow, Damme und Dreesch stellten sich 23 Abgeordnete und drei Bürgermeister zur Wahl, aber (fast) alle wollten Franz wiederhaben. Wer außer ihm sollte es sonst schaffen, weiter so schöne Straßen zu bauen?

Straßen sind Baumgartners Weg zum Erfolg: „Mit den Straßen steht und fällt das Ansehen eines Dorfes“, philosophiert er. „Wenn die vergammeln, vergammelt auch die Umgebung. Wenn die Straßen okay sind, fangen die Leute an, ihre Häuser neu zu verputzen und die Fensterläden zu streichen.“

In Grünow sind die Leute damit schon fast fertig. Der Ort hat die schönsten Häuser weit und breit, weil immer mehr Ärzte, Anwälte und Unternehmer aus Prenzlau das moosgrüne Idyll am See für sich entdecken. Und auch, weil der Geschäftsmann Eckhard Kroll Visionen hat.

Er ist ein Macher wie Baumgartner, und er verläßt sich nur noch auf sich selbst. Daß sich irgendwo irgendwer irgendwas für seine Region einfallen läßt, daran glaubt der 56jährige schon lange nicht mehr. Schon gar nicht „an die in Bonn“, obwohl er seit der Wende wie Baumgartner Mitglied der CDU ist.

Bis kurz nach dem Fall der Mauer war Kroll LPG-Vorsitzender in Grünow. Seine LPG war dreimal DDR-Sieger in der Effektivität. Die Gemüseproduktion auf 35 Hektar Land trug so viele Früchte, daß er zwei eigene Läden eröffnen konnte. Als er gerade für die streßfreie Aufzucht von Schweinen im Familienverband ein Patent anmelden wollte, kam ihm die Wiedervereinigung dazwischen.

Seitdem kämpft er vor allem in Grünow um Arbeitsplätze. Weil er wußte, daß seine LPG, wie alle anderen auch, den Bach runtergehen und 175 Leute ihre Arbeit verlieren würden, baute er 1992 mitten im Dorf eine riesige Halle für ein Möbelhaus mit 2000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Mit der Vermietung macht er noch immer Gewinn, und wenn eines Tages endlich alle Uckermarker eine Schrankwand „Deutsche Eiche“ und eine Couchgarnitur aus auberginefarbenem Plüsch besitzen sollten, dann, sagt Kroll, „machen wir aus dem Möbelmarkt vier Tennisplätze oder einen Hühnerstall“. Er ist da ganz flexibel. Und unerschrocken.




Außer ihm verschwendete kein anderer im Ort auch nur einen Gedanken daran, den alten Schafstall am glitzernden Grünower See auszubauen. Nur Kroll träumte von Bauernmärkten, Faschings- und Erntefesten, von Uckermarker Grützwurst mit Kartoffeln und Sauerkraut in einer gemütlichen Bauernstube – und die anderen faßten sich an den Kopf. Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?

Kroll ging Klinken putzen, reichte bei der EU ein Projekt ein, in dem es darum geht, Leuten aus dem ländlichen Raum Arbeit zu verschaffen: „Die Bauern konnten doch nach der Wende mit dem Erlernten nichts mehr anfangen“, erklärt er. „Aber einen großen Garten haben sie, für Kohlrabi, Mohrrüben, Zwiebeln, Johannisbeeren, Hühner und Kaninchen. Also säen, düngen, ernten, füttern, schlachten sie wieder ländlich sittlich, und wir oder sie selbst verkaufen das dann auf dem Bauernmarkt im Schafstall.“ Das EU-Projekt liegt seit anderthalb Jahren in einer Schublade in Brüssel, aber vom Land bekam Kroll 20 Prozent Fördermittel – das waren 180 000 Mark. 800 000 investierte er selbst.

Nicht alle bewundern ihn dafür. Manche kriegen sogar die kalte Wut, wenn sie an ihn denken. Waltraud Band zum Beispiel, die an Krolls großem Tag nicht in seinen Schafstall kommen wird, sondern wie gewohnt, pünktlich um 11.30 Uhr, am anderen Ufer des Grünower Sees die Markise von ihrem Imbißwagen herunterklappt. Auch sie arbeitete früher viele Jahre in der LPG Pflanzenproduktion. Sie war Köchin, und 200 Leuten schmeckte ihr Essen. Am 17. November 1990 hat sie in der LPG das Licht ausgemacht. Sie war die letzte, die ging. Und nun?

„Wir haben alle hier in der gleichen Branche gearbeitet“, wettert die 48jährige. „Und wieso hat der Kroll jetzt mehr als wir? Der besitzt inzwischen alle Parzellen am See.“ Ihre Schwiegermutter hat ihm gleich nach der Wende ein großes Grundstück für zehn Mark den Quadratmeter verkauft. Das sei heute ein Vielfaches wert. „Jetzt stehen sie bei ihm Spalier und hoffen auf Arbeit. Er ist ein Schweinekerl. Hinterm Rücken sind sie ihm alle nicht gut, aber nach vorne tun sie freundlich.“

Harte Worte einer tüchtigen Frau, die zwölf Stunden am Tag Kartoffeln schält, Buletten brät, Pommes frittiert, Kaffee kocht, Kuchen schneidet, Tische abwischt, um zu überleben, und die sanft wird wie ein Lamm, wenn die Kinder mit klatschnassen Badehosen und ein paar Groschen in den klammen Fingern ihren Imbiß stürmen, um sich eine Cola, ein Eis oder eine Portion Pommes mit Majo zu kaufen.

Waltraud Band weiß ganz genau, welche Kinder sich den Luxus nur einmal in der Woche oder sogar nur einmal im Monat leisten können. Denen schiebt sie schon mal eine Gummischlange, eine Lakritzstange oder ein paar Bonbons über den Tresen oder spendiert ihnen eine Limo.

„Die Lage in Grünow ist beschissen“, findet sie. „Die einen haben Arbeit oder eine ABM-Stelle, und die anderen gucken zu. Der Zusammenhalt zerbricht, und die Neu-Grünower, also die Reichen, kommen sowieso nicht zu mir an den Imbiß.“

Mit den Reichen meint sie Leute wie Petra Voß, Anwältin aus Prenzlau, die mit ihrem Mann seit drei Jahren in Grünow lebt. „Als wir anfingen, hier am See unser Haus zu bauen, hieß es zuerst tatsächlich: die Neureichen!“ sagt die Juristin. „Aber dann haben die Leute gesehen, wie wir jedes Wochenende geschuftet haben. Jetzt heißt es: Aber fleißig sind sie!“

Es war Zufall, daß die beiden sich für Grünow entschieden, und der Zufall hieß Eckhard Kroll. Denn er wußte, wer nach der Wende Grundstücke am See verkaufen wollte. Die Juristin verteidigt den Geschäftsmann: „Nun pauschalisieren viele: Kroll reißt sich alles unter den Nagel. Kroll bescheißt uns. Ich denke, die Leute sagen so was aus dem eigenen Unglück heraus.“

Dieser Ansicht ist auch Amtsdirektor Carsten Hank, 36, der aus Schleswig-Holstein nach Prenzlau kam: „Das ist doch purer Sozialneid. Das hätten alle anderen auch machen können – Grundstücke kaufen. Jetzt boomt Grünow, und da entstehen natürlich soziale Unterschiede. Da gibt es welche, die haben Frust auf Leute, die aus dem gleichen Stall stammen, aber dynamischer sind als sie. Aber ich will lieber einen Bürgermeister, den ich mal bremsen muß, als einen, der ständig Druck braucht. Ich hätte gern mehr Leute von der Sorte Baumgartner oder Kroll.“

Auf andere Experten würde Hank hingegen gern verzichten. Er ist in keiner Partei, weil er sich den Luxus leisten will, über alle und alles schimpfen zu können. Zum Beispiel über die unglaublichen Fälle von Verschwendung in Zeiten der Geldnot. „Da sind null Mark für den ganzen Kreis in der Kasse“, empört er sich, „und in den Innenhof der Prenzlauer Kreisverwaltung soll jetzt eine dreigeschossige Tiefgarage für deren Mitarbeiter gebaggert werden. Kostenpunkt: elf Millionen Mark.“ Im nahen Schwedt entsteht ein Spaßbad für 21 Millionen Mark, zu 100 Prozent gefördert aus dem Sonderprogramm „Ländliche Entwicklung“. Und in Damme ist nicht mal die Bushaltestelle beleuchtet.

Aber der Schafstall. Es ist 20 Uhr. 300 Gäste sind gekommen. Der Tanz unter der Erntekrone kann beginnen. Es gibt Freibier für alle, und nach ein paar Flaschen „Kleiner Feigling“ ist das Leben in der Uckermark richtig schön.

Nur der Bürgermeister sorgt sich. „Hoffentlich brennt´s nicht wieder“, sagt er und schaut zum Sternenhimmel. In den letzten fünf Jahren loderten in Drense neunmal die Flammen, einmal in Grünow. Häuser, Ställe, Scheunen fackelten ab, und das immer spät in der Nacht.

Alle vermuten Brandstiftung, aber beweisen kann keiner was. „Die Brände haben vier Gemeinsamkeiten“, sagt Baumgartner. „Immer ist Vollmond, eine Straße wird gebaut, in der Nähe des Feuers ist Wasser und der Bürgermeister ist im Urlaub.“ Aber heute ist er ja da, und alles wird gut.

Doch um ein Uhr neun heulen die Sirenen. In Drense brennt es. Diesmal eine Miete mit 1000 Ballen Stroh, gleich neben dem Schweinestall der Agrarproduktion Grünow. Und: Es ist Vollmond, eine Straße wird gebaut, in der Nähe ist ein kleiner Weiher. Und der Bürgermeister schläft.

Die Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr haben alles im Griff. In leichter Schräglage zwar, denn schließlich gab es Freibier für alle, aber einen echten Uckermarker haut so leicht nichts um.

Am Morgen ist der Brand unter Kontrolle, und noch immer rätseln alle, wer das wohl gewesen sein könnte. Vielleicht einer von der Feuerwehr? Selbst Franz Baumgartner ist ratlos – und das will schon was heißen.


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