Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Kleine, heimliche Siege

FDJ-Tücher, lange Haare und ein Suppenkasper

Von Heide-Ulrike Wendt | 1999

Der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer behauptet, das DDR-Erziehungssystem von der Krippe an sei verantwortlich für den jugendlichen Ausländerhaß im Osten. In der vergangenen Woche antwortete ihm Michael Geyer von der Universität Leipzig (ZEIT Nr. 15/99). Durch Pfeiffers These fühlt sich unsere Autorin an einige Begebenheiten ihrer eigenen Kindheit und die ihrer Söhne in Ost-Berlin erinnert.

BERLIN Als ich am 1. September 1957 eingeschult wurde, erzählte uns unser Klassenlehrer in der ersten Stunde das Märchen vom Teufel mit den drei goldenen Haaren. In der zweiten Stunde fragte er, wer von uns denn Jungpionier werden wolle. Wir waren 35, und obwohl mindestens acht unter uns an den lieben Gott glaubten, wollten alle.

Tags darauf kam der Pionierleiter der Schule hoch erfreut in unsere Klasse und lud uns zur ersten Pionierversammlung ein: “Pünktlich um halb drei!” Wir erschienen vollzählig und erfuhren, daß wir schon bald in die Pionierorganisation aufgenommen werden sollten. Dann übten wir schon mal ein bißchen die Rituale, also: Strammstehen, zackig die rechte Hand an die rechte Schläfe, und auf des Pionierleiters “Seid bereit!” brüllten wir: “Immer bereit!”

Eine Woche später war es soweit. Weil es draußen arschkalt war, fand die feierliche Zeremonie nicht vor versammelter Mannschaft, sondern im Klassenzimmer statt. Unser Pionierleiter wollte nun jedem einzelnen von uns feierlich das blaue Halstuch umbinden. Doch bevor es losging, zählte er vorsichtshalber noch einmal uns und die Halstücher durch und stellte fest: Eins fehlt. Also kein Kind, sondern ein Halstuch. Als sich auch nach halbstündiger Suche keins fand, postierte sich unser Pionierleiter vorm Lehrertisch und fragte: “Wer von euch will denn nun heute unbedingt ein Jungpionier werden?” Und ich dummes Schaf sprang von meiner Schulbank, riß meinen Arm hoch, schnipste wie wahnsinnig mit den Fingern und schrie: “Ich. Ich. Ich will heute unbedingt ein guter Jungpionier werden!”




“Seht ihr, Kinder”, sagte der Pionierleiter, und kam mit bekümmerter Miene auf mich zu, “so traurig das jetzt für Heide-Ulrike auch sein mag, aber eins müßt ihr von Anfang an wissen: Ein guter Jungpionier denkt an sich selbst zuletzt. Der brüllt nicht lauthals: ,Ich! Ich!’, sondern wartet still und brav, bis er an der Reihe ist.”

Das war ich erst eine Woche später, und ich habe den Kerl dafür gehaßt. Vier Tage versuchte ich vergeblich, meine Mutter gegen ihn aufzuhetzen, um schneller an mein Halstuch zu kommen. Aber da war nichts zu löten: “Stimmt doch, was dein Pionierleiter sagt”, meinte sie mit schmalem Mund. “Beim Nachtisch schreist du auch immer: ,Ich, ich, ich’, obwohl du vier Geschwister hast, die auch was abhaben wollen.”

Was blieb mir anderes übrig? Ich fügte mich. Vier Jahre war ich brav, bis wir in der 5. einen neuen Klassenlehrer bekamen. Der schnippte uns mit seinen knochigen, gnadenlosen Fingern gegen die Backe, wenn wir nicht gleich die richtige Antwort auf seine Fragen parat hatten. Wer aber sofort wußte, wie etwa “Bourgeoisie” geschrieben wird, der durfte sich neben seinen besten Freund in der Klasse setzen. Wenn da bereits ein anderer saß, mußte der seine Sachen packen und umziehen.

Hundertmal habe ich das empört zu Hause erzählt, aber keiner hörte mir zu. Ich fühlte mich allein gelassen - bis mir ein Schüsselchen Erdbeeren aus dem sommerlichen Garten aus der Not half. Mein Körper reagierte allergisch auf die süßen Früchte, ich sah aus wie ein Streuselkuchen. Der Kinderarzt diagnostizierte ein leichtes Nesselfieber. Zu Hause konnte ich ungestraft behaupten, schwerkrank zu sein. Meine Eltern glaubten mir, und ich schwänzte sechs Wochen die Schule. Kein Lehrer konnte in dieser Zeit gegen meine Backe schnippen. Das waren meine kleinen, heimlichen Siege gegen eine autoritäre Schule.

Natürlich wollte ich meinen Kindern diesen ganzen Schwachsinn ersparen. Als mein Sohn Benjamin 26 Jahre später eines Tages aus der Schule kam, erzählte er mir, daß seine 1b leider erst in einer Woche in die Pionierorganisation aufgenommen werden könnte, denn: Es fehlten noch sechs Halstücher. Ich reagierte wie eine Glucke, wollte mit seiner Klassenlehrerin sprechen, doch er winkte ab: “Weißt du nicht, daß die DDR eine Gebirgsrepublik ist? Sie besteht nur aus Engpässen.”




Was mich als Kind fast verzweifeln ließ, nahm er gelassen. Als ihn seine Klassenlehrerin ermahnte, sich doch endlich seine langen blonden Locken abschneiden zu lassen, damit er nicht mehr wie ein Mädchen aussehe, sagte er zu ihr: “Wieso? Ich finde Mädchen toll. Meine Mama ist auch eins.”

Kurz darauf saß sie bei uns im Wohnzimmer, um sich über unseren renitenten Sohn zu beschweren. Seine Haare seien eine Provokation, und die “Schräglage” des L habe er immer noch nicht begriffen. Alle in der Klasse würden das L vorschriftsmäßig in einem Winkel von 45 Grad schreiben, seins dagegen stehe wie ein Fahnenmast mitten im Wort!

Weil er dafür regelmäßig eine Fünf in Schreiben bekam, waren wir gezwungen, es ihm auszutreiben. Ich glaube, er fand uns deshalb ziemlich doof.

Als Felix, unser Jüngster, 1992 in die Schule kam, gab es überhaupt keine Halstücher mehr, weil Margot Honecker inzwischen in Chile wohnte. Trotzdem: Die Schulspeisung gab es noch, und weil die meisten Mütter in Neufünfland noch berufstätig waren, freute das alle. Felix nicht, denn jeden Mittwoch gab es Buchstabensuppe, die er verabscheute. Seine Tischnachbarin jedoch zeigte jedesmal stolz auf ihren leeren Teller und sagte: “Guck mal, ich hab’ schon alles ganz brav aufgegessen.”

Irgendwann reichte es ihm. “Stimmt nicht”, sagte er und kippte blitzschnell seine Suppe auf ihren Teller. “Der ist doch noch ganz voll.”

Sofort rief mich die Horterzieherin in der Redaktion an und stammelte hilflos: “Was soll ich denn nur machen, Frau Wendt. Soll ich ihn zwingen, die Suppe aufzuessen, oder soll ich seine Handlung als einen Akt der freien Selbstbestimmung akzeptieren?”

Schade, daß wir damals noch nie etwas von Professor Christian Pfeiffer aus Hannover gehört hatten. Er weiß genau, wie wir Ossis ticken. Lauter kleine Zeitbomben.


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