Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Der Knast der verlorenen Kinder

Zwangserziehung in der DDR: Wer als schwer erziehbar galt und aus einem offenen Heim mehrmals abgehauen war, landete am Ende im sächsischen Torgau. Was ihn dort, im »Geschlossenen Jugendwerkhof«, erwartete, war - so heute ein Untersuchungsausschuss – »härter als im Strafvollzug«

Von Heide-Ulrike Wendt | 1993

»Wenn ihr abhauen wollt, hängt mich am Fenster auf«, sagt der Kleine plötzlich, als seine vier Zellengenossen eines Nachts flüsternd beraten, wie sie fliehen könnten. Nichts bringt den Schließer in der Nacht dazu, die Zellentür zu öffnen. Keine Blinddarmentzündung, keine Zahnschmerzen, nicht mal eine Gallenkolik. Aber wenn er durch den Türspion einen am Fensterkreuz hängen sieht, macht er die Zelle auf. Dann können ihn die vier überwältigen, fesseln und dann verschwinden.

»Macht mich ruhig tot, ich will nicht mehr weiterleben«, schluchzt der kleine Silberstein (Name von der Redaktion geändert), und die vier anderen wissen, dass er es ernst meint. Er hätte nie den Mut, es selbst zu tun. Er ist der Schwächste in ihrer Zellenhierarchie. Schuttabladeplatz für ihren Hass, für ihre ohnmächtige Wut. Er leert jeden Morgen ihren Kübel, räumt nach dem Mittag ihre Teller weg, putzt am Abend mit der Zahnbürste ihre Schuhe. Jetzt wollen die vier abhauen. und er hat diese grausame Idee.

Der kleine Silberstein gibt ihnen die Einwilligung zum Töten sogar noch schriftlich in dieser Nacht, und alles geschieht wie geplant. Nur dass ihnen die Flucht misslingt und Silberstein die Strangulation am Fensterkreuz überlebt. Dies ist kein Zuchthausdrama made in Hollywood, kein Thriller aus dem Nachtprogramm – dies war die harte Wirklichkeit im einstigen »Geschlossenen Jugendwerkhof« im sächsischen Torgau, der einzigen Einrichtung dieser Art in der DDR. Die fünf Zelleninsassen waren Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren, der Fluchtversuch war im Sommer 1989. Der Jugendwerkhof bestand von 1964 bis 1989 und war der Volksbildungsministerin Margot Honecker direkt unterstellt.

Hierher, hinter graue, trostlose Mauern, von scharfen Hunden bewacht, kamen Kinder und Jugendliche, die als aufsässig und schwer erziehbar galten. Ohne Gerichtsurteil. 60 Jungen und Mädchen zwischen 14 und 18 Jahren waren in dieser Strafanstalt der Willkür stumpfer »Erzieher« ausgesetzt, die nur eines wollten: den Willen der Kinder brechen.

Gefürchtet war der »Torgauer Dreier«

Die Methoden dafür waren bösartig und, wie der Abschlußbericht eines unabhängigen Untersuchungsausschusses feststellt, »härter als im Strafvollzug«. So wurden die Kinder nach der Ankunft so lange in einer Arrestzelle isoliert, bis der Direktor Zeit für ein Gespräch hatte. Sie mussten darauf meist mehrere Tage warten. Im Arrest war es ihnen – unter anderem – strengstens verboten zu singen, zu pfeifen, zu lärmen, aus dem Fenster zu schauen, die Lagerstätte am Tag zu benutzen.

Außerhalb der Zellen durften sie sich nur im Laufschritt bewegen. Ihre körperliche Leistungsfähigkeit wurde bis zur Erschöpfung strapaziert. Den sogenannten »Torgauer Dreier« – in den Liegestütz fallen, anschließend Hocke, danach Hockstrecksprung – erzwangen manche Erzieher bis zum Umfallen. Sie scheuchten die Jugendlichen die drei Stockwerke hinauf und wieder hinunter, nach jedem dritten Mal im »Entengang«. Wenn da einer schlappmachte, schadete er der ganzen Gruppe, die Minuspunkte dafür erhielt. Daher wurden die Schwächsten mitgeschleift – auch wenn sie danach blutig geschunden waren.




Wer seinen Teller nicht leer aß, bekam Nachschlag. Wer den nicht schaffte, musste den kalten Rest bei der nächsten Mahlzeit aufessen. Laut Anweisung des Direktors sollten die Erzieher den Schlagstock »nur aus dem Handgelenk schlagen . . . dabei ist der Schlagstock nur in die Weichteile des Gegners zu führen«. Rosa Luxemburg durfte im Gefängnis Bücher lesen und Briefe schreiben. Im Jugendwerkhof war brieflicher und persönlicher Kontakt mit Freunden und Bekannten verboten. Da die meisten der Heiminsassen ohne Eltern und Geschwister aufwuchsen, bekamen sie nie Besuch. Nur zur Strafe durften sie schreiben. Seitenlange Aufsätze beispielsweise zum Thema: »Warum ich meinen Schnürsenkel zumachen muss.«

»Ich bin zum Lieben geboren und zum Hassen erzogen«, hat ein Mädchen 1989 in die Wand ihrer Arrestzelle geritzt. Claudia Dahlmann, 23, muss noch heute mit den Tränen kämpfen, wenn sie an ihre Zeit in Torgau zurückdenkt.

Als sie 1986 das erste Mal hierherkam – sie war mehrere Male von zu Hause, später aus einem offenen Jugendwerkhof weggelaufen –, knallte ihr eine Erzieherin ihren Schlüsselbund an den Kopf, weil das Mädchen einen Kaugummi im Mund hatte. Sie musste mit der Platzwunde zum Arzt, der sie fragte, woher sie diese Verletzung habe. Weil Claudia es erzählte, bekam sie vor der Tür des Behandlungszimmers den Schlüsselbund ein zweites Mal an den Kopf. Danach ging sie für zwölf Tage in den Arrest.

Ein Kainsmal fürs ganze Leben

»Ich kam immer in Zelle 42, ein Dunkelarrest im Keller. Da waren im Winter nur etwas über null Grad. In manchen Zellen stand einem das Wasser bis zum Knöchel. Als ich nach zwölf Tagen wieder rauskam. hatte ich überall auf der Haut so komische Buckel. Der Arzt sagte mir später, das seien Salzflechten. Die bekommt man, wenn man zuviel friert.«

Alle, die im Geschlossenen Jugendwerkhof landeten, froren. Sie froren bereits ihr ganzes Leben. Körperlich und seelisch. Sie wuchsen auf in Heimen oder bei Eltern. die sie grün und blau schlugen oder hinter dem Dunst von Alkohol gar nicht mehr wahrnahmen. Diese Kinder krochen ohne Gute-Nacht-Kuss ins Bett und gingen am Morgen, wenn überhaupt. ohne Frühstück in die Schule. Klauten in der Kaufhalle, knackten Telefonautomaten,. Ließen sich Hakenkreuze tätowieren. Aus Trotz. weil das die Herrschenden am meisten traf.

Sie hatten mehr als alle anderen die besondere Fürsorge einer Gesellschaft gebraucht, die sich sozialistisch nannte. Doch keinen der Erzieher in Torgau interessierten die Gründe für die Schwierigkeiten dieser Kinder. Nur die Probleme, die sie machten. Laut Bericht des Untersuchungsausschusses spiegelte sich im Werkhof die gesellschaftliche Situation der DDR wider. »Aus dem Selbstverständnis sozialistischer Pädagogik heraus waren Umerziehung, pädagogisches Regime und politischideologische Indoktrination geeignete Mittel der Erziehung.« Disziplinierung, Unterdrückung, Verweigerung angemessener psychologischer Betreuung waren die Folge. Die Menschenwürde wurde mit Füßen getreten.




Seit mehr als zwei Jahren versuchen der Torgauer Kulturdezernent Wolfgang Geppert und die Stadtverordnete Christiane Sachse in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ), die Geschichte des Jugendwerkhofs aufzuarbeiten. eine öffentliche Diskussion darüber anzuregen. Doch sie ernten bislang nur Schweigen.

Christiane Sachse: »Es gibt hier viele Leute, die dieses Thema tabuisieren wollen. Angeblich, weil sonst die Touristen ausbleiben.« Dr. Frank Teichert, Mit glied des Untersuchungsausschusses, sieht andere Gründe: »Die meisten Torgauer hatten doch keine Ahnung, dass sich in ihrer Stadt ein Geschlossener Jugendwerkhof befand. Denen müsste man erst mal erklären, wie der überhaupt funktioniert hat. Und die Kommunalpolitiker, die es schon vor der Wende wussten, die sitzen nach wie vor an exponierter Stelle in dieser Stadt und haben somit kein Interesse an irgendeiner Vergangenheitsbewältigung.«

Christiane Sachse sagt, sie habe erfahren, dass zwei leitende Mitarbeiter des ehemaligen Ministeriums für Volksbildung, die Herren Gröger und Jakisch, verantwortlich für den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau, inzwischen im Bonner Ministerium für Frauen und Jugend arbeiten. Das Ministerium bestätigte inzwischen, dass zumindest Herr Gröger im Hause tätig sei. Eine weitere Stellungnahme gab es nicht.

Wieder einmal wollen viele nichts gewusst haben. René Schubert, 23, hat nichts vergessen. Er wurde am 23. Oktober 1986 dem Jugendwerkhof zum erstenmal »zugeführt«. Laut »Beobachtungs- und Entwicklungsbogen« wurde er trotz »guter Sport- und Produktionsleistungen zu einem Störfaktor im Gruppenbereich«.

Kurz nach seiner Einweisung entdeckte einer der Erzieher an Renés Fußgelenk ein tätowiertes Hakenkreuz. Er rief einen Arzt und wies ihn an, die Tätowierung ohne Betäubung herauszuschneiden.

Der Tod als letzter Ausweg

Einmal konnte René nicht verhindern, dass die Jungen in seinem Zimmer rauchten. Keine Zigaretten – Zahnpasta, in Toilettenpapier gewickelt und auf dem Fensterbrett getrocknet. Er musste in den »Fuchsbau«. In einem Kellergewölbe, in dem die Sportgeräte lagerten, gab es für »Störfaktoren« wie René einen winzigen, stockfinsteren Bunker: 60 mal 50 mal 100 Zentimeter.

»Im Fuchsbau hab’ ich das Hassen gelernt«, sagt René. Heute ist er auf der Suche nach Menschen, die das gleiche erlebt haben wie er, mit denen er über die erlittenen Erniedrigungen reden kann. »Doch die meisten wollen lieber nicht darauf angesprochen werden. Sie leben in einer Scheinwelt, aus der sie niemand herausholen soll.«

Auch Renés ehemaliger Lehrmeister im Werkhof hat seine Scheinwelt, die es ihm ermöglicht, ohne Schuldgefühle weiterzuleben. René hat ihn vor kurzem besucht in Torgau. Auf die Frage, wie er beispielsweise diesen paramilitärischen Drill der Jugendlichen empfunden hatte, antwortete der; »Der Sport war doch gut. Wer normal lebt, schafft solche Anforderungen. Aber ihr Jungs habt doch alle geraucht und gesoffen.«

Ob er nie gelitten habe unter diesen Verhältnissen im Jugendwerkhof, wollte René wissen. »Na ja, es war nicht einfach. mit diesen Randgruppen auszukommen. Viele waren auch psychiatrisch verdächtig oder suizidgefährdet. Die mussten wir manchmal fesseln, damit nichts passiert. Aber ich hatte doch diese schone Dienstwohnung. Die wollte ich nicht verlieren. Deshalb hab’ ich weitergemacht.«

Claudia Dahlmann wollte nicht weitermachen. Sie wollte ein neues Leben beginnen. Ein Jahr nach ihrer Entlassung aus dem Jugendwerkhof bekam sie — immer noch unter Aufsicht der Jugendhilfe — ihr erstes Kind. Sie durfte es sich nie zum Stillen, Wickeln, Schmusen holen. Nach einer Woche sagte man ihr, die Jugendhilfe hatte ihr als Ehemaliger aus Torgau das Sorgerecht entzogen und das Kind zur Adoption freigegeben. Mit Hilfe ihres Vaters kämpfte sie um Ricky und durfte ihn vierzehn Tage später nach Hause holen.

Sie bekam Arbeit in einem Altersheim, aber ihr schlug nur Verachtung entgegen. »Die wussten alle , wo ich herkam. Sie haben mich behandelt wie den letzten Dreck.« Auch einen Job in einer Imbissbude behielt sie nicht lange: Die Leute wollten sich nicht von einer bedienen lassen, die an den Händen tätowiert ist.

So wie Claudia scheint den meisten Ehemaligen des Jugendwerkhofes das »Torgau« wie ein Kainsmal auf der Stirn zu stehen. Sie sind ohne abgeschlossene Schul- oder Lehrausbildung, arbeitslos. Wenn die Familien oder Freunde sie nicht aufgenommen haben, auch heimatlos. Im Untersuchungsbericht steht: »Es war eine Erfahrung vieler Randgruppen in der DDR, dass Anderssein massiv unterdrückt und aus der Öffentlichkeit verdrängt wurde.« Das ist heute nicht anders.

Mandy S. hatte in eine Ecke ihrer trostlosen Zelle geschrieben: »Ruf doch mal an!« Es gibt keinen Anschluss mehr unter ihrer Nummer. Mandy hat sich vor ein paar Wochen das Leben genommen.


Empfohlene Links:


Literatur zum Thema:

»Der Jugendwerkhof Torgau: Das Ende der Erziehung« von Andreas Gatzemann

»Der Jugendwerkhof Torgau«

Das Ende der Erziehung (Broschiert) von Andreas Gatzemann

ISBN: 3-825-8199-65 | Lit Verlag; Auflage: 1., Aufl. (27. März 2009)

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