Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Alles echt, alles scheußlich

Im Intershop 2000 kann man den Osten kosten

Von Heide-Ulrike Wendt

BERLIN Was hat meine Freundin Kristin früher über unsere Kaufhallen gemeckert! Zu Recht. Wir kannten und brauchten sie zwar alle, doch wir liebten sie nicht. Sie muffelte immer nach zermatschtem Suppengrün und welkem Kohl, und wer sich mit ihr einließ, bekam klebrige Finger. Sie versprach Zuckererbsen für jedermann, sobald die Schoten platzen, dazu die seligsten Torten und Kuchen, doch wir waren am Ende schon froh, wenn sie für uns kurz vor Ladenschluss noch einen Kanten Brot übrig hatte. Wer mehr von ihr wollte, brauchte Geduld und stramme Waden, und nur manchmal, wenn sie Apfelsinen im Haar trug und an der Hüfte Bananen, dann schlossen wir Frieden mit ihr.

Kristin hatte einen absoluten Riecher dafür, wann es wo was gab: Anfang März die ersten grünen Gurken aus den Gewächshäusern der Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft Roter Oktober. Mitte Juni die ersten Erdbeeren von den Feldern der LPG Frohe Zukunft und Ende August die ersten Auberginen aus dem befreundeten Nachbarland Bulgarien. Aber das Beste an Kristin war: Sie aß diese seltenen Köstlichkeiten nie allein, sondern zauberte für uns die leckersten Sachen daraus.

Deshalb war ich völlig arglos, als sie mich am Sonntag zu einem Fünfgängemenü in ihren netten kleinen Plattenbau nach Marzahn einlud. Sie sagte aber nicht „Punkt eins!“ wie früher. Da war es Gesetz, weil sonst ihr berühmtes Gratin de pommes de terre dauphinois verschmurgelte oder eins ihrer lieblich duftenden Soufflés zusammenfiel. Diesmal hätte ich sogar einen Tag später kommen können. Es wäre nichts verdorben. Als Erstes gab es Rohkostsalat (Rot- und Weißkohl, grob geraspelt), danach Soljanka, dann Würzfleisch mit Käse überbacken, anschließend eine Grilletta (den Hamburger des Ostens) und zum Abschluss Ananas aus der Büchse. Die kostete in der DDR 17,50 Mark und war nur im „Delikat“ zu haben.




Als wir das Geschirr in die Küche trugen, stand da ein original Ata Fein Putz- und Scheuermittel aus dem VEB Waschmittelwerk Genthin, EVP (Endverbraucherpreis) 0,13 Mark, und in ihrer rekonstruierten Nasszelle (Badezimmer) lag auf dem Waschbecken Kinderseife aus dem Konsum-Seifenwerk Riesa (EVP 0,70 Mark). Vor ihrer Dusche hing eine Fahne, 1,80 mal 3 Meter, in Schwarz-Rot-Gold mit Hammer–Zirkel-Ährenkranz.

„Ich denke, du hast damals nach der Wende alles weggeschmissen“, sage ich zu Kristin, völlig von den Socken.

„Hab ich auch“, antwortet sie, „aber im Intershop 2000 kannst du das heute alles wieder kaufen.“

„Wo?“

„Im Intershop 2000 in Friedrichshain. Wenn du willst, können wir nach dem Kaffee (natürlich Rondo) hinfahren. Es hat auch Samstag und Sonntag auf.“

Typisch Ossis. Während anständige Menschen am Sonntag in die Kirche gehen, um ihrem Schöpfer für die blühenden Landschaften und all das zu danken, gehen die shoppen. Also Peter Skodawessely aus Ingolstadt wäre sicher richtig sauer über uns, wenn er davon erfahren würde. Der hat neulich an den Spiegel einen Leserbrief geschrieben, in dem stand: „Schön für unsere ostdeutschen ,Brüder und Schwestern‘, dass sie offensichtlich soviel Geld zur Verfügung haben, dass sie es in sechs Tagen nicht ausgeben können, sondern dafür deren sieben benötigen. Da könnte man ja jetzt eigentlich den Solidaritätsbeitrag für die ,Notleidenden’ Ostdeutschen einstellen.“

Der Wucherzins gilt einem guten Zweck

Zu unserer Rechtfertigung möchte ich hier deshalb erwähnen, dass wir zuerst über ganz viel Schotter und Dreck laufen mussten, ehe wir endlich vor den unheiligen Hallen des Intershop 2000 standen. Und der ist an sich auch kein Ort, wo man unbedingt einkehren möchte. Er ist nichts weiter als eine „transportable Raumerweiterungshalle“ aus dem VEB Metallbau Boizenburg, in der es zieht wie Hechtsuppe. Aber nur deshalb, weil sie aus acht Teilen besteht, die man – wahrscheinlich je nach Angebot und Nachfrage – zusammenschieben oder auseinanderziehen kann wie ein Fernrohr.




Bis kurz vor Ladenschluss der DDR als ganzer stand sie als Intershop in der Straße der Pariser Kommune, Nähe Hauptbahnhof. Dort konnte man früher für rare D-Mark Westschokolade und Westzigaretten kaufen. Für ebenfalls rare Produkte aus dem Osten wie beispielsweise kriepa-Taschentücher, Rondo-Kaffee oder Nudossi, einen nougathaltigen Brotaufstrich, hätte keiner auch nur eine müde Mark springen lassen. Jetzt geht das Zeug hier weg wie warme Semmeln: Halberstädter Würstchen im Glas für 4,80, Spree-Waffeln für 1,80, vier Schlemmerküsse für 2 Mark, Fit für 1,80, Bautz’ner Senf für eine Mark, Riesaer Streichhölzer für 10 Pfennig, Halloren–Kugeln für 2,50.

„Ein bisschen teurer als anderswo“, gesteht Elke Matz, die Chefin, „aber anderswo gibt’s die Sachen ja auch fast nie.“

Wer das Putz– und Scheuermittel Ata fein, einst 13 Pfennig, in der Originalverpackung haben will, muss allerdings vorher noch mal zur Bank, denn das kostet im Intershop 2000 inzwischen 3 Mark. Auf dem Hamburger Flohmarkt muss man schon 8 Mark dafür blechen.
Für Tempolinsen 20 Mark. Früher: 60 Pfennig.

Im Intershop 2000 gilt der Wucherzins allerdings einem guten Zweck. Er kommt dem Verein zur Dokumentation der DDR-Alltagskultur e.V. zugute, der seit der Wende sammelt, was einst unser Leben schöner machte: Mitropa-Tassen und -Kännchen, Plakate, Winkelemente, Ehrenurkunden, Möbel, FDJ-Blusen, Sprachlos-Zigarillos. Alles echt, alles scheußlich, alles Geschichte. Und alles zum Angucken in der „transportablen Raumerweiterungshalle”. Kostenlos. Wer noch mehr Osten kosten will: Am 2. Oktober läuft in der Nacht vor der deutschen Einheit in Berlin die „größte und letzte“ Ostalgie-Party Deutschlands. Der Einlass ist zwar nur mit gültigem Visum möglich und kostet wie früher 25 Mark. Aber dafür präsentieren dort (unter anderem) auf der „1. Messe der Meister von Morgen nach zehn Jahren“ über 40 Firmen ihre Waren des täglichen Bedarfs, garantiert „Made in GDR“, äh: „East Germany“.

Honecker will auch kommen.


Intershop 2000“, Ehrenbergstralge 3-7, Berlin- Friedrichshain; Mittwoch bis Freitag 16 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag 10 bis 18 Uhr. „Ostalgie-Nacht“: 2. Oktober, Arena, Berlin-Treptow


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