Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Ich bin ein „Ossi“

Zehn Versuche, die Mauer in den Köpfen zu überwinden

Von Heide-Ulrike Wendt | 1997

1. Versuch
Als ich Felix, unseren Jüngsten, neulich vom Klettergerüst herunter zum Essen rufen wollte, hatten sich gerade die Zwillinge aus unserem Nachbarhaus vor ihm aufgebaut. Die beiden sind zehn, wie Felix, kommen aus Ghana und wohnen schon ganz lange am Tegeler Hafen.

Wir sind erst vor ein paar Wochen aus einem typischen Lichtenberger Plattenbau hier hergezogen. Das muss sich irgendwie herumgesprochen haben, denn als Felix die beiden fragte, ob sie was zusammen spielen wollen, riefen die beiden voller Inbrunst: „Na, du doofer Ossi!“

Felix nimmt so was gelassen: „Die stecken alle unter einer Decke. Wir auch.“ Er ist ein geborener Berliner. Wie ich. Wie sein Papa. Wie sein großer Bruder.

2. Versuch
Neulich war vor Karstadt in Tegel ein kleiner Schnäppchenmarkt aufgebaut, der Waschmittel feilbot: Weißer Riese, 10 Kilo für 29,90 Mark, Persil ebenfalls für 29,90 Mark und Spee für 19,90 Mark.

„Da frag’ ick meine Olle, ob se irjend wat davon haben will“, verkündete neben mir ein dürrer Mann im auberginefarbenen Jogginganzug und mit einer Selbstgedrehten zwischen den Lippen. Dann pulte er aus seiner ausgebeulten Gesäßtasche ein Handy hervor.

„Hör ma, Moni“, brüllte er ins Telefon: „Dit jibt hier bei Karstadt 10 Kilo Weißa Riese oder 10 Kilo Persil für schlappe 30 Eier, und für schlappe 20 jibt dit Spee. Soll ick dit koofen?“

Dann war zwei Minuten Funkstille, bis der Mann entschuldigend ins Handy maulte: „Woher soll ick denn dit wissen, dass Spee aussem Osten kommt? Denn nehm ick eben Persil, da weeß man, wat man hat.“ Jenau.

3. Versuch
Im Frühling traf ich am Piccadilly Circus einem Mann aus Düsseldorf, der von mir wissen wollte, woher ich komme.
„Aus Berlin“, sagte ich.
„Ost oder West?“ fragte er.
„Lichtenberg“, sagte ich.
„Wo liegt das?“ fragte er.
„In der Mitte Berlins“, sagte ich.
„Am Tiergarten?“ fragte er.
„Am Alex“, sagte ich.
„Ah, also doch im Osten“, sagte er. Dann ging er, als wüsste er nun genauestens über mich Bescheid. Wie viele Stadtbezirke hat eigentlich Düsseldorf, und wen interessiert das?




4. Versuch
Vier Wochen später fragte mich im Weserbergland noch ein Mann, woher ich komme. Ich kam wieder aus Berlin. Und wieder fragte er: „Woher aus Berlin?“ Ich sagte diesmal, denn wir sind ja bekanntlich umgezogen: „Aus Berlin-Tegel“, und er war sofort zufrieden.

Und? Was hat er davon? Ich bin immer noch ein Ossi.

5. Versuch
Wir müssen jetzt in Berlin-Reinickendorf zum Zahnarzt gehen. Berlin-Lichtenberg ist einfach zu weit weg. Ich bin wie immer das Kaninchen und muss den neuen testen. Als er in meinen Mund sieht, stöhnt er auf: „Alles Zonenstahl! Eisenhüttenstadt lässt grüßen!“

Die Kumpels dort wird das freuen. Sie haben immerhin bleibende Werte geschaffen.

6. Versuch
Am 8./9. Februar 1997 schrieb die Berliner Zeitung: „Niemand ist in Berlin zu Hause… sie alle sind irgendwann zugezogen.“

Ich nicht. Ich bin in Berlin-Köpenick geboren. Und Berlin ist für mich der Brennpunkt deutscher, dämlicher Geschichte, die einfach auf mich niederkam, als ich noch ganz klein und unschuldig war und mich nicht dagegen wehren konnte wie mein großer Bruder Achim. Der sah aus wie James Dean, tanzte Rock’n’Roll wie Elvis Presley, und jedesmal, wenn er aus dem Bergmann-Borsig in Berlin-Wilhelmsruh nach Hause kam, kniff er mich in den Hintern. Ich liebte ihn sehr. Am 13. August 1961 war er plötzlich aus meinem Leben verschwunden.

Zuerst war dieser 13. August ein Sonntag wie jeder andere. Meine Eltern waren im Urlaub und hatten mich bei meiner großen Schwester zurückgelassen. Doch an diesem Morgen saß sie nicht mit ihrem Freund händchenhaltend auf dem Sofa, sondern vor dem Fernseher in der Küche. Ich sah auf dem Bildschirm strahlende Menschen, die ins Mikrofon eines strahlenden Reporters sprachen, wie glücklich sie seien, dass die DDR endlich Schluss mache mit Schmuggel, Schieberei und Sabotage. Im Hintergrund standen Soldaten der Nationalen Volksarmee, einen Karabiner oder eine Mörtelkelle in der Hand.

„Sie bauen eine Mauer durch Berlin“, schrie meine Schwester. Mir war das egal. Unser Papa hatte auch eine Mauer hinten in unseren Garten gebaut, damit uns die Nachbarn in Ruhe lassen. „Was bist du nur für eine dämliche Ziege“, schrie meine Schwester noch lauter. „Begreifst du nicht, was diese Bilder bedeuten? Morgen wollten wir nach Neukölln, um deinen Schaumgummipetticoat umzutauschen. Das kannst du vergessen.“

Nun heulte ich auch, denn der Petticoat, den sie mir am Vortag gekauft hatte, war eindeutig zu groß. Außerdem liebte ich die Fahrten vom Alex nach Neukölln. Damit war es nun vorbei. Meine Eltern kehrten noch am selben Tag aus dem Urlaub zurück, und mein großer Bruder schickte mir fortan zum Geburtstag Gummibärchen aus Charlottenburg.

Immer, wenn ich in Neukölln unterwegs bin, denke ich an meinen ersten Schaumgummipetticoat. Immer, wenn ich die Osloer Straße entlangfahre, denke ich an den 9. November, an Schabowski, die Grenzer, Cola-Büchsen, Marlboro light. Wahnsinn. Und hinter dem Reichstag denke ich an die Holztreppe, auf die ich 1988 stieg, um auf meiner ersten Reise in den Westen das erste Mal in meinem Leben über die Mauer zu sehen. Ach Mensch. Nu muss ick ooch noch heul’n.




7. Versuch
Meine Mutter sagte am Telefon, sie habe was Wichtiges mit mir zu bereden, und deshalb trafen wir uns vorige Woche bei „Ostrowski“ in der Schönhauser Allee (Prenzlauer Berg). Da kann man sehr gemütlich Kaffee trinken. Den muss man sich allerdings vorn am Tresen bestellen, und das dauert gewöhnlich.

Der Berliner an sich isst nämlich gern: Himbeertörtchen, Rumkugeln, Streuselschnecken, Sahneschnittchen, Pfannkuchen… Und während ich so all die dicken Omis beobachte, wie sie zufrieden schnaufend mit ihren Küchelchen an ihre Tische zurückwackeln, spüre ich plötzlich: Big brother is watching me.

Es ist ein alter Mann in ausgeblichenen Jeans mit Bügelfalte, Jesuslatschen und einer beigefarbenen Windjacke. Er mustert mich gründlich. Von oben bis unten. Meine Haare, meine Schuhe, mein Kleid. Er sucht offensichtlich nach einer Schublade für mich, und als er sie gefunden hat, beugt er sich vor zu mir und flüstert: „Du bist nicht von hier! Du gehörst hier nicht her! Geh dahin, Wo du hergekommen bist.“ Später, an seinem Tischchen, streckt
er mir die Zunge heraus.

Also, ich weiß nicht. Ich habe immerhin fünf Jahre in der Schönhauser Allee gewohnt. lm zweiten Hinterhof, vierter Stock: Stube, Küche, Außenklo. Das reicht doch wohl, um den Rest seines Lebens ungestört in der Schönhauser herumkurven zu dürfen, oder?

8. Versuch
Konrad Schuller ist im Dezember 1996 in Berlin gewesen und mit der S-Bahn vom Bahnhof Jannowitzbrücke (Ost) zum Bahnhof Zoo (West) gefahren. In der FAZ vom 17. Dezember 1996 beschreibt er, was er während dieser Fahrt so alles erlebt und gesehen hat.

Über die Ossis in der Stadt hat er dabei etwas sehr Interessantes herausgefunden. Konrad Schuller meint, die Kleidergarnitur der DDR-Zeit habe sich langsam aufgebraucht: „Viele von denen, die im Osten der Ansicht gewesen waren, ein Mantel sei vor allem ein kälteabweisender Nutzgegenstand, und die von Brigitte- und Vogue geschulten Westbürgern solcher Ahnungslosigkeit halber belächelt wurden, haben mittlerweile erkannt, dass es nicht nur darauf ankommt, wie wasserdicht ein Schuh ist, sondern auch darauf, ob er einen italienischen Schriftzug trägt. Die Angleichung schreitet voran.“

Das stimmt. Unlängst war ich in einem ganz berühmten Berliner Rathaus (West) und habe dort mit einem Standesbeamten (West) gesprochen. Der hatte einen lila- aubergine- rosafarbenen Schlips um, auf dem stand in knallgelben, explodierenden Buchstaben: „Umpf“.

9. Versuch
Vergangenes Wochenende war ich zum Geburtstag eingeladen. Meine Freundin Kirsten aus Tempelhof feierte ihren 50. Geburtstag. Sie wünschte sich von uns allen Bettwäsche. Wir legten 480 Mark zusammen, und ich ging mich in einem dieser noblen Wäscheläden in Charlottenburg umgucken. Leider telefonierte die Verkäuferin gerade. Sie war allein im Laden und bemerkte mich wohl nicht. Und weil sie mit so weinerlicher Stimme in den Hörer sprach, versuchte ich zuerst wegzuhören. Wer weiß, was da zu Hause wieder Schreckliches passiert war: der Mann plötzlich arbeitslos oder der Dispokredit weit überzogen oder der Pudel weg.

Aber es war viel schlimmer. Sie schluchzte mittlerweile: „Ja, ich war sehr lange krank, Chef, aber vor meiner Operation habe ich doch nun wirklich versucht, Schliff in den Laden zu bekommen. Und dann sagen mir die Kolleginnen, Sie hatten gesagt, der Laden ver-o-s-t-e immer mehr. Wissen Sie, ich habe im Centrum-Warenhaus am Alex viele Jahre in der Wäscheabteilung gearbeitet, und Sie können mir glauben: Nicht alles war schlecht in der ehemaligen DDR. Ich weiß sehr genau, wie man einen Laden dekoriert, damit eine gepflegte Atmosphäre entsteht.“

Die 480 Mark habe ich schließlich im Kaufhof (früher Centrum-Warenhaus) am Alex verballert. Der Verkäufer dort trug ein Hemd von Hugo Boss und hatte so eine weiche Fönfrisur, lässig hinter das Ohr geklemmt. Wie Herbert Grönemeyer. Ich wollte ihn aber nicht fragen, woher er komme. Ich hatte diese ganze Ost-West-Scheiße irgendwie satt. Abends, auf der Geburtstagsfeier, brüllte dann ein älterer, aber leicht besoffener Herr quer durch Kirstens Küche: „Wer ist denn hier nun eigentlich dieser BVO?“

„Was ist ein BVO?“ fragte ich meine Tischnachbarin.

„Ein besserverdienender Ossi.“

Er meinte mich.

10. Versuch
Betty, meine Steuerberaterin, hat sich in Rahnsdorf, am Müggelsee, eine Villa gekauft. Am Umzugstag war abends gleich eine Elternversammlung. Betty kam ein bisschen zu spät, und die anderen Eltern warteten in der gemütlichen Kneipe um die Ecke schon auf sie. Es ging um die nächste Klassenfahrt, und Betty machte ein paar sehr konstruktive Vorschläge.

„Wo haben Sie denn früher gewohnt?“ fragte ein freundlicher Vater neben ihr.

„In Berlin“, sagte Betty.

„Na, wo in Berlin’?“

„In Wilmersdorf.“

„Ah so, in Wilmersdorf.“

Für einen Moment wurde es ganz still im Raum. Dann brachte die Wirtin frisches Bier.

Als Betty ihr später das Geld für drei doppelte Korn über den Tresen schob, sagte die Wirtin: „Ick finde Sie trotzdem janz nett.“

Also, John F. Kennedy hatte damals richtigen Massel.


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