Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Hier bin ich Mensch, nicht Masse

Auch an den Hochschulen kommt die deutsche Einheit nur mühsam zustande

Von Heide-Ulrike Wendt | 1998

Kurz nachdem der gebürtige Hamburger Jörn Helms, 24, im schwedischen Lund sein Studium der Ur- und Frühgeschichte begonnen hatte, erfuhr er, daß es diese Studienrichtung auch in Greifswald gibt. “Toll”, sagte er sich, “im nächsten Semester wechsle ich. Noch ‘ne Auslandserfahrung.” Das war 1995, und ein Jahr später zog er tatsächlich um.

Jörn Helms ist kein Einzelfall. Ein Studium im anderen Teil Deutschlands ist für viele Studenten auch gut sieben Jahre nach der deutschen Einheit ein Gang in eine andere Welt. Doch die Sehnsucht, von Ost nach West oder West nach Ost zu gehen, hält sich in Grenzen.

Einer, der die Gründe kennt, ist der Soziologe Ulrich Heublein, Mitarbeiter des Hochschul-Informations-Systems (HIS), das seit 1990 im Auftrag des Bundesbildungsministeriums alljährlich ungefähr 10000 Studienanfänger aus Ost und West befragt - beispielsweise nach der Mobilität.

So waren im Wintersemester 1996/97 von den rund 184000 Studienanfängern nur 5400 Ost-West-Wechsler mit einem Hochschulreifezeugnis aus Ostdeutschland. Umgekehrt gab es nur 5000 West-Ost-Wechsler. Nur etwa jeder 20. Studienanfänger also wagte sich in den jeweils anderen Teil Deutschlands.

In einer Broschüre des Bundesbildungsministeriums über Studium und Studierende in den Neunzigern stellen die Forscher sogar fest: “Die innere Distanz zwischen west- und ostdeutschen Studierenden hat sich offenbar vergrößert. Die noch 1993 vorhandene Offenheit der ostdeutschen Studierenden hat sich bei vielen von ihnen in eine erneute Abgrenzung gewandelt, wohl auch als Gegenreaktion auf manche erfahrene Distanz westdeutscher Studierender gegenüber den neuen Bundesländern und den Studierenden dort.”

Von intensiven Kontakten, zumindest manchmal, berichtete 1995 nur etwa jeder achte westdeutsche, dagegen gut jeder dritte ostdeutsche Studierende. Und diese Ergebnisse sind repräsentativ: Die Arbeitsgruppe Hochschulforschung der Universität Konstanz wertete für ihre Studie die Antworten von rund 9000 Studierenden an acht Universitäten und sechs Fachhochschulen in den alten sowie fünf Universitäten und drei Fachhochschulen in den neuen Bundesländern aus. Auch Jörn Helms sieht die Probleme in der gesamtdeutschen Annäherung: “Ossis sind passiver, Wessis offensiver, streitbarer, was natürlich zu Spannungen führt. Deshalb sind Ossis und Wessis oft unter sich.” Er ist allerdings überzeugt, “selbst mustergültige Sozialisation betrieben zu haben - ich bin mit genauso vielen Ossis wie Wessis befreundet”.




Die Entscheidung für Greifswald hat er keine Minute bereut: “Als Archäologe muß man Exkursionen und Ausgrabungen machen - das zu organisieren ist hier in Greifswald viel einfacher als in Hamburg. Dort muß man sich an solche Aktionen randienen. Hier sitzt der Prof hinter einer Pappwand und ist jederzeit ansprechbar. Deshalb weint man in Greifswald auch zweimal - wenn man kommt und wenn man geht.”

Matthias Braun, 23, aus Essen, studiert seit dem Wintersemester 1995 in Greifswald - Jura, Politikwissenschaft und Baltistik. Auch er ist freiwillig hier. Braun bewarb sich zwar zuerst an der Freien Universität Berlin, aber “die waren da extrem unfreundlich”: “Die drückten mir eine Broschüre in die Hand und sagten: Alles, was sie wissen müssen, steht da drin. Da bin ich gleich nach Greifswald weitergefahren.”

Dort traf er zufällig Jürgen Regge auf dem Flur, den Professor für Strafrecht, der die Fakultät in Greifswald aufgebaut hat. “Der hat sich für mich eine Stunde Zeit genommen. Anschließend bin ich durch die Stadt gelaufen. Sie war so grün, und überall auf den Straßen traf ich auf Studenten. Da wußte ich: Greifswald - das ist es!”

Viele seiner Kommilitonen aus dem Westen aber fühlen sich von der Dortmunder Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) “kalt erwischt”, wenn sie einen Platz im Osten zugewiesen bekommen.

Matthias Braun, der auch im Greifswalder Asta aktiv ist, hatte einmal ein Frau aus Schwaben am Telefon, “die brüllte mich an: Ich laß’ meine Tochter doch nicht bei euch Kommunisten im Osten studieren”. Und viele, die nach Greifswald kommen, um sich zumindest mal umzusehen, fühlen sich durch die ZVS wirklich “ZwangsVerSchickt”. Sie versuchen sofort, ihren Studienplatz zu tauschen.

Andreas Söhnel, 23, aus Bremen war ebenfalls bedient, als er von der ZVS erfuhr, daß er in Greifswald Zahnmedizin studieren sollte, wurde jedoch bald bekehrt. “Ich wollte nach Münster, Göttingen, Kiel oder Tübingen und setzte alles daran, von hier wegzukommen. Doch dann hörte ich von den westdeutschen Kommilitonen Horrormeldungen über volle Hörsäle und Seminare und fand die Atmosphäre in Greifswald plötzlich richtig heimelig. Zu den Profs hat man hier einen sehr guten Draht, das Ausbildungskonzept und das Betreuungsverhältnis stimmen. Wenn Freunde und Bekannte von mir aufstöhnen: Was, du studierst immer noch in Dunkeldeutschland, bin ich richtig erleichtert. Wir sind 40 Zahnmediziner, und mittlerweile heißt unsere Parole: Bloß nicht soviel Werbung machen für Greifswald.”

Das sehen die Hochschulen im Osten allerdings ganz anders. Sie werben um jeden Studienanfänger, weil sie ihr Image als Wissenschaftsstandort stärken wollen. So warb die Dresdner Universität im Sommer 1996 mit der Anzeige: “High-Tech, High-Teach, High-Life! Studenten der Technikwissenschaften: Kommt nach Dresden!”

Trotzdem stammen nur 11,1 Prozent der Studienanfänger im Wintersemester 1997/98 aus den alten Bundesländern, aus dem Ausland kamen immerhin 8,6 Prozent. Die Hochschulen in Mecklenburg-Vorpommern machten es den Dresdnern nach. Schöne junge Menschen verkündeten Zeitungslesern im vorigen Jahr ganzseitig, warum sie im Nordosten Deutschlands studieren: Mira aus Frankfurt am Main, “… weil hier nicht nur das Land neu ist, sondern auch das Labor”, Matthias aus Oberhausen, “… weil ich hier Mensch bin und nicht Masse”.




Kurt Schanne, der aus Rheinland-Pfalz stammende Regierungsdirektor im Schweriner Kultusministerium, begründet den Lockvogel-Einsatz: “Die Kampagne zielte auf Leute aus den alten Bundesländern. Wir können bis zu 30000 Studienplätze in Mecklenburg-Vorpommern anbieten, bisher studieren bei uns aber nur 22500.”

Ganz allmählich bahnt sich die Wende an. An der Universität Greifswald sind im Wintersemester 1997/98 immerhin schon 1717 Westdeutsche immatrikuliert. Das sind 29,2 Prozent aller dort Studierenden. An der Uni Rostock sind es 1698 westdeutsche (von insgesamt knapp 10000) Studenten - also rund 17 Prozent. Das kann sich schon sehen lassen, zumal rund zwei Drittel der Studenten, ob Ost oder West, in heimatlichen Gefilden bleiben wollen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, aber ein wesentlicher lautet: Im “Hotel Mama” lebt es sich am besten.

“Weder auf Dauer noch zeitweise”, so eine Studie aus dem Hause Rüttgers zu dieser Seßhaftigkeit, “wollen von den westdeutschen Studierenden 69 Prozent an den Unis und 76 Prozent an den Fachhochschulen später beruflich in die neuen Bundesländer wechseln.” Die aus den neuen Bundesländern sind noch etwas seltener zu einem Wechsel in den Westen Deutschlands bereit: 74 Prozent der Ost-Studenten an den Universitäten, sogar 80 Prozent an den Fachhochschulen haben keine solche Absichten.

Sabine Rennefanz, 23, aus Pfaffendorf an der Oder, die seit 1995 in Hamburg Politikwissenschaft studiert und Journalistin werden will, gehört sogar zu jenen, die zurückstreben in den Osten: “Ich habe mich dort um ein Volontariat beworben. Die neuen Bundesländer reizen mich mehr als die westdeutsche Pampa. Im Osten passiert noch was.”

Für viele ihrer Kommilitonen ist das wohl unvorstellbar: “Die meisten wissen total wenig über den Osten und stecken voller Vorurteile. Ich habe an der FU in Berlin angefangen zu studieren, da waren die Fragen an mich richtig brisant: Bist du bei der Stasi gewesen? Welche Erfahrungen hast du gemacht? So, nun rechtfertige dich mal! In Hamburg hatte ich zwei Jahre meine Ruhe, aber jetzt geht es hier auch los. Die Wessis gucken auf den Osten, sehen, daß es überall bergab geht, und fragen: Wieso seid ihr zu blöd, was zu schaffen?”

Nach Ansicht von Frank Hörnigk hingegen, Professor für Germanistik an der Humboldt-Universität, werden die Gräben mehr und mehr eingeebnet. Die Frage, wie sich Ostdeutsche zu Weststudenten und umgekehrt verhalten, zeuge von Unkenntnis der Situation - zumindest der in der Hauptstadt: “Das ist Schnee von gestern. Die Assimilation ist in Berlin schon viel weiter vorangeschritten als anderswo.”

“Diese Generation lebt miteinander”, sagt Hörnigk: “Ich kann beispielsweise überhaupt nicht mehr feststellen, wer woher kommt. Nicht mal an der Sprache. Die Humboldt-Universität kann sich gar nicht retten vor Studenten aus aller Welt - das hat vor allem was mit der Offenheit, dem Umbruch hier zu tun. Die Jugendlichen aus dem westlichen Wohlstandsmilieu empfinden besonders stark den Reiz, auf einer Baustelle zu leben. Auf der anderen Seite spüren sie das Behütetsein und schätzen sehr, daß sich die Leute hier Zeit nehmen für sie. Die Jugend ist verwechselbar geworden. Wir leben in einer postmodernen Kultur, die völlig neue Wertbilder prägt.”

Ähnlich urteilt auch der Heidelberger Oliver Deckmann, 28, der seit 1993 Jura an der Humboldt-Universität studiert. Er kam nach einem Jahr an der Sorbonne dorthin, weil die juristische Fakultät noch im Aufbau war: “Es gab dadurch Raum für eigene Initiativen. Die Profs sind noch jung und haben Ideale, obwohl die wahnsinnigen Kürzungen auch sie langsam mürbe machen.”

Und der angehende Jurist studiert nicht nur im Osten Berlins - er wohnt auch dort. Im Bezirk Prenzlauer Berg, dieser schwierigen Soziallandschaft mit Kohleheizung und Außenklo. “Ich finde Ost-Berlin viel unprätentiöser, angenehmer als westdeutsche Unikreise. Die Ost-Berliner ertragen Leute wie mich mit großer Toleranz - obwohl jetzt so viele Wessis kommen und ihren Kiez in Beschlag nehmen.”

Daß die ost- und westdeutsche Jugend verwechselbar geworden sei, hat Deckmann allerdings noch nicht bemerkt: “Die Tendenz ist eher so, daß Ost mit Ost und West mit West zusammenwohnt. Richtige Freundschaften brauchen Energie und Zeit, und der Wille zum Zuhören nimmt ab in Zeiten des Ellenbogens.”


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