Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Eingewickelt statt abgewickelt

Jetzt entdeckt auch der Groschenroman das Leiden an Deutschland: Schicksale aus Sachsen und Thüringen finden vor allem im Osten reißenden Absatz.

Von Heide-Ulrike Wendt | 1992

»Die Mauer ist gefallen.« Ächz! »Die äußeren Wunden, die ein unmenschliches System gerissen hat, beginnen zu heilen.« Seufz! »Doch Birgits Wunde brennt wie am ersten Tag.« Schluchz! Birgit ist eine junge Frau aus Dresden, die ihr Kind lange vor der Wende einem Mann aus dem Westen mitgegeben hat – Rainer. Der hatte ihr ewige Liebe geschworen. Rüberholen wollte er sie, auch heiraten, um mit ihr und der kleinen Christine in Freiheit zu leben. Doch Birgit wurde wegen des Rainer-Kontakts ins Gefängnis geworfen, und er (typisch Wessi) 1ieß nie wieder etwas von sich hören.

Jetzt kramen Sie nach Ihrem Taschentuch. Und vorher? Da haben Sie Ihrem Solidarbeitrag hinterhergetrauert und die Ossis schlechtgemacht. Da musste erst der Bastei-Lübbe-Verlag mit seinen Romanen kommen, um endlich auch die Herzen der Deutschen wiederzuvereinen. Laut Eigenwerbung hat dieser Verlag nämlich Autoren, die »mit wachen Augen und offenem Herzen« bereits lange vor der Wende beobachteten, »welch große Ereignisse über unser Land hinwegrollten«.

Und dabei stießen sie auf Schicksale wie das von Birgit. Der stellvertretende Verlagsleiter von Lübbe, Manfred Kölzer, kann es noch konkreter sagen: »Eine Reportage über die verlassenen Kinder im Osten war so eine Art Initialzündung für unser Lektorat. Wir mussten schnellstens auf die Öffnung der Mauer reagieren.« Ganz genau. Denn seitdem die Ossis auch literarisch frei sind, gehen Lübbes Bergwelten, Chefärzte, Frauenschicksale auch an den Kiosken zwischen Elbe und Oder weg wie warme Semmeln.

Erst eine Million, jetzt 1,2 Millionen in der Woche – das lässt kein Verlegerherz kalt. Es erwärmt sich immer mehr für Geschichten, die das Leben im Osten schreibt. Maria Treuberg, 68, ist eine der Autorinnen, denen das Schicksal dieser Menschen sehr, sehr nahe geht. Dabei gibt es das Wort »Ossi« für sie nicht: »Die Menschen, die ich beschreibe, leben in Mitteldeutschland. Ostdeutschland war einst meine Heimat. Da, wo Schlesien liegt. Für meine Generation war die DDR nie ein anderer Staat.«




Das muss doch einem Mitteldeutschen runtergehen wie Öl. Und wenn Frau Treuberg in »Liebe lächelt unter Tränen« beschreibt, wie der reiche Werksdirektor Dr. Bode (West) begangenes Unrecht an der armen, aber sauberen Arzt-Tochter Janette (Ost) wiedergutmacht, dann fühlt er sich endlich in und nicht auf den Arm genommen.

Und was ist mit Birgit aus »Das Kind, das sie nicht lieben konnte« (Reihe »Mutterliebe«, Band 115), deren Christine »in Freiheit aufwachsen sollte«? Es war eben nicht jede Mitteldeutsche so herzlos, ihren kleinen Liebling hinter dem Eisernen Vorhang festzuhalten.

Wie schafft es Frau Treuberg in ihrem schönen Haus in der Nähe des Chiemsees nur, dieses fremde Leben so sensibel nachzuempfinden? »Na, ich habe den Fall der Mauer doch live miterlebt. Mein Mann und ich wollten den Fernseher damals gar nicht mehr ausscha1ten.« Sie ist nicht die einzige, die sich »der Menschenschicksale zwischen Rostock und Dresden« angenommen hat.

Auch der Publica-Verlag hat in »Meine Geschichten«, einem »Erlebnis-Magazin für die moderne Frau«, längst die gefühlsmäßige Seite der Wiedervereinigung aufgeschlagen. Es sind die alten Geschichten, immer wieder neu: Entweder macht Vati von Leipzig rüber in den Westen und lässt seine Familie sitzen, oder Mutti aus Schwerin will Tochter zurück in den Osten holen, um – familiär vereint – die Heimat neu aufzubauen.

Der Verkäufer im Kiosk am Bahnhof Friedrichstraße schwört denn auch Stein und Bein auf Lübbe und Konsorten: »Weeßte, wennde den janzen Tach abjewickelt wirst als Ossi, denn sehnste dir abends danach, von irjendeen einjewickelt zu werden. Ejal wie. Dafür jibste denn ooch jerne ne Mark neunzich aus.«


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