Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Das blaue Hemd der Ostalgie

Felix sorgte für Aufregung: Im Dress der DDR-Jugendorganisation FDJ machte der 13-Jährige einen Streifzug durch Berlin

Von Felix Wendt und Heide-Ulrike Wendt | 1999

IN DER SCHULE
»Ey, Felix! Was is`n das fürn Hemd’?«, fragt mich ein Typ vor der Schule (Berlin/West). Ich sage: »Das ist eins von der ‘Freien Deutschen Jugend’.« Der schaltet sofort: »Ah. Nazi!« Ich sag dann: »Quatsch. die FDJ gab es im Osten, in der DDR, die gehörte zur SED.« »Und wieso trägst du es dann?«, fragt er. »Du bist wohl ’n Ossi?« Keine Ahnung, ob einer mit 13 ein Ossi sein kann, wenn er seit zehn Jahren im Westen lebt.

Als ich in die Klasse komme, erste Stunde Latein, ist Nicolai baff: »Das is ja ein schwules Hemd! Bist du ein Detlef?« (Detlef ist der Name für Schwule bei uns.) Einer vermutet: »FDJ heißt bestimmt Freiwillige Deutsche Jugendfeuerwehr.« Unser Kunstlehrer ist begeistert: »Was trägst du denn da für ein Hemd? Das ist ja lustig«. Und: Er weiß offenbar bestens Bescheid, denn er ruft plötzlich: »Freundschaft!« Die Englischlehrerin staunt Bauklötze: »Wie rennst du denn rum? Die FDJ gibt’s doch gar nicht mehr.«

Nach Schulschluss ist völlig klar: Außer den Paukern weiß hier keiner was über die FDJ. Aber auch die wissen nicht alles, denn: Es gibt sie noch! Neulich hab ich in der U-Bahn ein Flugblatt von denen gefunden. Da protestierten sie gegen den Kosovokrieg und das Plattmachen der Ostwirtschaft.

IN DER KAUFHALLE
Wir stehen bei Meyer-Beck in der Schlange, weil ich meiner Mutter mal wieder die Tüten schleppen soll. Da flüstert ein Opa hinter uns: »Guck mal, Gertrud. der Junge da hat ein FDJ-Hemd an.« »Wo?«, fragt sie völlig entsetzt. »Na. direkt vor dir!« – »Tatsächlich. Du hast Recht. Das gibt’s doch gar nicht.« Dann macht er meine Mutter an: »Und Sie, Sie waren früher bestimmt Genossin in der PDS!«

Die reagiert, wie immer, gelassen auf so was und erklärt ihm freundlich: »Die PDS hieß früher SED, und ich war da Kassiererin.« Eine faustdicke Lüge, aber sie saß. Eisiges Schweigen bei Meyer-Beck, bis wir bezahlt hatten. Draußen haben wir uns dann gebogen vor Lachen.




Aber schon an der Ampel kommt der nächste Spruch. Diesmal von einem auberginefarbenen Proll mit Handy. Der entdeckt das FDJ-Emblem auf meinem linken Ärmel, glotzt mich an wie einen Alien und motzt: »Dit jibt’s doch janich, dass Typen mit sonem Kommunistenhemd hier frei rumloofen dürfen.« Geil. Ich renn mit einem blöden blauen Fetzen durch die Gegend, und alle gucken. Da texten meine Freunde ihre Eltern wochenlang voll, damit sie ihnen endlich auch »Smitty«-Hosen oder »fishbone« T-Shirts kaufen. Dabei würden sie mit dem blauen Teil aus dem VEB Pirnetta für heute 40 West, früher schlappe 18 Mark und 50 Ost, viel mehr auffallen.

VOR DER HAUSTÜR
Obwohl es abends schon arschkalt ist, will ich das Hemd trotzdem noch mal testen. Und richtig, das Theater geht gleich vor der Haustür los. Da steht eine Großfamilie an ihrem Audi A4, um einzusteigen. Doch als sie mich sehen, fällt dem Großvater die Kinnlade runter. Er blafft mich an: »Das ist doch ein FDJ-Hemd, das du da trägst. Wenn du wüsstest, was da alles dahinter steckt. In den Dingern mussten die drüben immer am 1. Mai an Honecker vorbeimarschieren.«

Er holt tief Luft, um sich noch weiter hochzuspulen, aber da greift seine Frau ein: »Was regst du dich denn so über den Jungen auf?«, faucht sie ihn an. »Als du so alt warst wie er, bist du als Pimpf im Deutschen Jungvolk an Hitler vorbeimarschiert. Nur dass dein Hemd damals braun war. Und als die Amis kamen, hast du es auch nicht weggeschmissen. Oder was ist das, was auf unserem Boden in der Truhe liegt?«

Nun betrachtet mich auch einer ihrer Enkel, der bisher intensiv versucht hatte, ein bisschen angetrocknete Taubenscheiße vom Kotflügel zu schaben, wie einen seltenen Käfer. »Und was bedeutet die Sonne auf dem Ärmel?«, fragt er mich. »Dass im Osten die Sonne aufgeht«, antworte ich. »Und im Westen geht sie gerade unter«, sagt die Großmutter. »Dann lasst uns mal einsteigen.«

AUF DEM FEST
Am nächsten Tag fahre ich zu meinem großen Bruder, der nicht mit uns in den Westen gezogen ist. Er findet den Osten geiler. Damit meint er Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Mitte; WMF, Cookies, Casino, die Oranienburger, aber vor allem die urigen Leute. Zu einer Ostalgie-Party will er allerdings auf keinen Fall. Aber ich. Ich muss ihn drei Stunden voll labern, dann habe ich ihn so weit. Er kommt mit. Das FDJ-Hemd soll ich allerdings bis vor der Kasse schön im Rucksack lassen. »Früher hat kein normaler Mensch dieses Ding freiwillig angezogen«, sagt er genervt. »Nur vor Fahnenappellen oder Paraden.«

Ich bin allerdings der Einzige, der sich erst vor der Fabrikhalle umzieht. Peinlich. Die anderen strömen in NVA- und Volkspolizei-Uniformen. Kampfgruppen-Montur, mit roten oder blauen Pionierhalstüchern, in DDR-Fahnen gewickelt, aber vor allem in FDJ-Hemden an uns vorbei.

Und hier, in der Arena, sind endlich alle entzückt, auch mich darin zu sehen. Lenin zum Beispiel. Der streicht mir gleich an der Eingangstür liebevoll übers Haar. Ulbricht schwört mir wenig später, dass niemand die Absicht hatte, eine Mauer zu errichten, und Erich Honecker ist sicher: »Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf!«




Als die oben auf der Bühne anfangen, sein Lieblingslied zu singen, nämlich das vom kleinen Trompeter, fängt ein Genosse Grenzer neben mir an zu heulen. Wahrscheinlich, weil er seine geliebte Mauer nicht mehr hat, wo er aufpassen musste, dass keiner rübermacht. Beim anschließenden Kindergartenlied »Bummi, Bummi, brummbrummbrumm« kriegt er sich aber wieder ein. Doch das Beste an der Fete ist: Hier finden mich sogar die Mädchen toll in dem Hemd. Die in meiner Schule fanden mich darin alle bescheuert, unpassend, dümmlich. Hier sagen sie: »Der ist aber süß.«

AM MORGEN DRAUF
Als ich Warschauer Straße (Berlin/Ost) in die S-Bahn steige, natürlich im Blauhemd, ist die Stimmung gut. Die Leute begrüßen mich bis zur Friedrichstraße mit »Freundschaft!« oder »Seid bereit, immer bereit!« Aber ab Bahnhof Zoo ist Funkstille. Alle gucken nur noch komisch.

IN DER LUXUSBOUTIQUE
Die Mutter von meinem Freund Nicolai hat demnächst Geburtstag. Er braucht dringend ein Geschenk und hat keine Lust, allein loszulatschen. Zuerst wühlt er in unserer Drogerie gleich um die Ecke in Ramsch und Plunder, bis er bei den Restposten eine rote Nelke aus Plastik findet. »Die passt prima zu deinem FDJ-Hemd«, sagt er und versucht mir das Ding anzustecken. Die Verkäuferinnen gucken misstrauisch.

Im Laden nebenan, ein paar Preisklassen höher, gucken sie äußerst interessiert. »Was glotzen die denn so«, flüstert Nicolai. »Hab ich ’nen Pickel auf der Nase?«

»Nee«, sage ich, »Pickel sehen die alle Tage, aber keine FDJ-Hemden. Schon gar nicht in so einem Nobelschuppen.« Und richtig. Schon steht eine neben mir, greift nach meinem Ärmel: »Wo hast du das denn her?« fragt die Verkäuferin Andrea Miertschke. »Von deinen Eltern? So was kriegt man doch heute gar nicht mehr.«

Danach geht sie erst mal wieder zu den paillettenbestickten Kleidern, rückt Cashmerepullover ein von links nach rechts. Doch sie kommt nicht los von dem Hemd. »Ich war früher bei der Nationalen Volksarmee«, erzählt sie uns schließlich. »Aber nur als Köchin – sonst dürfte man das ja heute gar nicht mehr laut sagen. Dass du mit dem Blauhemd mitten im Westen rumläufst. Mutig! Ich würde in meins gar nicht mehr richtig reinpassen.«

INSIDER-WISSEN
»Warum schenkt sie es dann nicht mir.« sagt Nico vorm Laden völlig frustriert. »Dann würden die Leute endlich nicht mehr nur mit dir reden,« »No problem«, sage ich. »FDJ-Hemden gibt`s jetzt wieder – im Intershop 2000«. »Wo ist das denn?«, fragt Nicolai. »Na, im wilden Osten. In Berlin-Friedrichshain.« Er will sofort mit mir hinfahren, doch auf dem Weg zur U-Bahn höre ich schon wieder: »Guck mal, Sabine, was der da anhat.«

Okay. Mir reicht`s. »Du kannst meins haben«, sag ich zu Nicolai und zieh mir das Hemd über den Kopf. »Aber überleg dir gut, ob du es wirklich tragen willst. Du bist damit immer Mode.«

Jetzt habe ich nur noch ein T-Shirt an. Auf dem sind die Umrisse der alten Bundesrepublik zu sehen. Mittendrin steht: Schön war die Zeit.

Und schon wieder packt mich einer und meint: »Geile Botschaft. Wie viel willste dafür haben?«

Ich hätte es ihm geschenkt. Aber es war zu kalt.


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