Heide-Ulrike Wendt | Autorin und Journalistin
Heide-Ulrike Wendt
Autorin & Journalistin


Playmate – Anja Kossak

Die hat ein Fischmaul, mäkelt meine Freundin Gudrun. Und einen Bauch, meckert Christina. Mich reißt sie auch nicht gerade vom Hocker. Unsere Männer finden sie ganz niedlich.

Von Heide-Ulrike Wendt | 1990

Die Rede ist hier von Anja Kossak, der ersten Playmate der DDR. Du meine Güte, was ist denn eine Playmate, werden Sie vielleicht fragen, und ich antworte: Eine Spezialität des »Playboy«. Des Magazins, das jeden Monat auf 148 Seiten alles ablichtet, »was Männern Spaß macht«. Und das sind natürlich vor allem nackerte Weiber.

Eine von ihnen ist nun diese Playmate – the girl next door- wenn Sie verstehen, was ich meine. Also, meine Mutter sagte immer zu mir, wenn ich ob der unerreichbaren Helden wie Winnetou oder Alain Delon an meinem eigenen (N)ICH(T) zu zerbrechen drohte: Stell dir die einfach in Unterhosen vor!

Nicht wahr, man entkrampft sofort, denn in Unterhosen sind selbst unsere Idole Menschen wie du und ich. So ähnlich ist das auch mit einer Playmate. Nur daß die keine Unterhosen anhat. Im Gegenteil. Aber sie wohnt gleich nebenan, wie du und ich, so der konzeptionelle Gedanke der »Playboy«-Macher. Und sie kommt, so das Glück ihr hold ist, einmal im Leben ganz groß raus. Als Playmate, zu gut deutsch Spielkamerad, den man überall kaufen kann, auch wenn man gerade in New York, Tokio, Rio de Janeiro oder ähnlich unterwegs ist. (Neuerdings gibt es den »Playboy« auch bei uns, gegen Deutschmark – neun – an exklusiven Verkaufsstellen wie dem Grand-Hotel.)

Die erste Playmate überhaupt war übrigens Marilyn Monroe. Der kalifornische Fotograf Tom Kelley legte sie 1953 splitterfasernackt auf roten Samt. Das war der erste Paukenschlag des »Playboy«. Der zweite folgte kürzlich, denn die erste Playmate des Jahres 1990 ist eine aus der bisher eher prüden anderen deutschen Republik und damit besonders pikant. Jedenfalls für den »Playboy«.

Der trommelte deshalb gleich Presse, Rundfunk und Fernsehen aller Herren Länder – es kamen aber auch Damen – zusammen, um sie uns im Grand-Hotel vorzustellen: Anja Kossak, 21, Zahnarzthelferin aus Magdeburg, die es ganz besonders gern im Kornfeld tut. Ja, so etwas verrät eine Playmate, denn es geht bei ihr nicht nur einfach darum, ganz schön nackt zu sein, sondern auch aus ihrem Leben zu plaudern. Anja träumt gern, erfahren wir weiter, sieht dann »den Mann, den ich liebe, wie er mit Blumen vor meiner Haustür steht«.




Also, ich muß zugeben, davon träume selbst ich hin und wieder – wenn es die Jahreszeit erlaubt! Doch auch im Auto hat die Liebe für Anja ihren Reiz. Sogar im Trabbi, obwohl sie da – trotz ihrer schmalen Taille (58) und Hüfte (89) – ihre Probleme hat. »Kaum ist der Sitz endlich runtergekurbelt, ist meist auch schon alles vorbei.« Wieso eigentlich kurbeln? Haben Trabbis nicht Hebel? Aber wir wollen nicht pingelig sein.

Mit diesen Zahlen und Fakten im Hinterkopf ist die ganze Bohrerei und das Zähneziehen an Schwester Anjas Seite sicher nur noch halb so schlimm. Man ist halt vertraut miteinander. Sie weiß alles über meinen Vierer, recht oben, und ich alles über ihre.. Aber lassen wir das. Unser Land braucht derzeit wirklich nichts dringender als vertrauensbildende Maßnahmen, und deshalb war Anjas Schritt, sich für den »Playboy« ablichten zu lassen, durchaus einer in die richtige Richtung.

Andere können es ihr übrigens gleichtun. Der »Playboy« wartet auf jede von uns (nur Alter und bestimmte Körpermaße sind die kleinen Bedingungen), verspricht sich von den Reformbewegungen in unserem Land vor allem sehr viel »unverbrauchtes« Frischfleisch made in GDR für seine (verbrauchten?) Käufer.

So was wie Anja allemal, deren Vorzüge der Fotograf Günter Gueffroy (ebenfalls made in GDR und ihr Entdecker im Tanzensemble des VEW Schwermaschinenbau Magdeburg) in den höchsten Tönen zu preisen weiß: »Anja ist ein typisches DDR-Mädchen, nicht überstylt, sondern natürlich. Sie ist die geballte Natur und kein bisschen abfotografiert.«

Also, wenn es darum geht: Fühlen Sie sich abfotografiert? Eher ein bisschen abgeschlafft, gelle, wenn Sie nach achtdreiviertel Stunden mit ihren beiden Kindern und zwei Sack Kartoffeln aus der Straßenbahn nach Hause hetzen. Das macht nichts. »Playboy«-Fotografen wie Gueffroy sind Meister der Illusion. Mit ein wenig Retusche, Tusche und Tüll schummeln sie und alle Äderchen, Quaddelchen, Härchen und Fältchen – igittigitt – einfach weg, um uns schön wie nie (im wirklichen Leben) den Blicken der Herren feilzubieten – großformatig, mattglänzend, aufklappbar. Wollten Sie das nicht schon immer mal?

Man gönnt sich ja sonst nichts.


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